Frauenrechte
: Alice Schwarzer kommt ins Hoftheater nach Bad Freienwalde

Kölner Gespräch in der Kurstadt: Alice Schwarzer diskutiert mit dem ehemaligen Verleger Helge Malchow in Bad Freienwalde.
Von
Steffen Göttmann
Bad Freienwalde
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Alice Schwarzer kommt nach Bad Freienwalde

Bettina Flitner (promo)

Was gefällt Ihnen hier an Bad Freienwalde beziehungsweise dem Oderbruch?

Ich bin sehr gespannt auf Bad Freienwalde, wo ich nur einmal kurz war. Und auch die Natur finde ich hier wirklich dramatisch schön.

Hatten Sie schon vor der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten Kontakte in die DDR?

Selbstverständlich. Ich war ab 1975 eng mit der damals sehr bekannten Schriftstellerin Irmtraud Morgner befreundet und immer wieder vor allem in Ostberlin unterwegs. Ab den 1980er Jahren hat Emma vielfach über die Lage der Frauen in der DDR berichtet. Emma war übrigens die erste — und einzige? — Zeitschrift, die in der Interimszeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung im Osten über den DDR–Vertrieb verbreitet wurde. Und gerade in der aktuellen Ausgabe von Emma haben wir ein 20–Seiten–Dossier über die Stimmung heute im Osten und den Beitrag, der in der DDR geborenen Frauen für Gesamtdeutschland.

Frauen, die in der DDR aufgewachsen sind, betonen stets, sie seien selbstständiger und unabhängiger als im Westen sozialisierte Frauen. Stimmt das so pauschal?

Ja, das stimmt. Die DDR–Frauen waren selbstständiger als die Westfrauen. Sie dürfen nicht vergessen: Bis 1976 konnte in der BRD ein Ehemann noch die Stelle seiner Frau kündigen — so sie es überhaupt wagte, berufstätig zu sein. Argument: Meine Frau macht ihren Haushalt nicht ordentlich. Da können Sie sich vorstellen, was wir West–Feministinnen zu tun hatten, damit dieses Patriarchat ins Wanken kam! Die Frauen in der DDR hatten zwar auch die Doppelbelastung, die zweite Schicht in der Familie, aber sie waren berufstätig, nicht selten sogar in bei uns sogenannten „Männerberufen“. Entsprechend waren sie ökonomisch unabhängiger und selbstbewusster.

Warum engagieren Sie sich so vehement gegen die Verschleierung der Frauen bzw. das Kopftuch im Islam? Wie kommen Sie an die Frauen heran, die es betrifft? Ich denke an Migrantinnen aus Syrien, aus Nordafrika oder auch aus der Türkei, die in deutschen Städten auffallen?

Ich bin mit dem Problem der Entrechtung und Verhüllung der Frauen in den islamischen Ländern schon lange beschäftigt. 1979 war ich  nach der Machtergreifung von Ayatollah Khomeini im Iran, wo zwangsverschleierte Iranerinnen um Hilfe gebeten hatten. Und im vergangenen Jahr habe ich ein ganzes Buch über Algerien geschrieben. Es heißt „Meine algerische Familie“, weil ich da seit 25 Jahren mit einer Familie befreundet und regelmäßig in Algerien bin.

Ich kenne also sehr gut die Lage von Frauen in muslimischen Ländern. In „meiner“ Familie trägt eine Ältere ein Kopftuch, die zwei jungen Nichten nicht. In den 1990er Jahren, in denen der von den Scharia–Muslimen angezettelte Bürgerkrieg über 200 000 Tote gekostet hat, haben sie es sogar gewagt, unverschleiert zur Uni zu gehen. Das hat sie fast das Leben gekostet. Aber sie würden eher sterben, als ein Kopftuch zu tragen. Sie wollen sich nicht verhüllen, denn sie finden, es ist keine Sünde, wenn man ihr Haar sieht. Sie wollen so frei sein wie wir.

Und dass die Musliminnen auch mitten in Deutschland dieselben Rechte haben wie ihre nicht–muslimischen Freundinnen, dafür trete ich ein.