Frauenrechte
: Fragen an Alice Schwarzer

Erster Meilenstein des Feminismus in West-Deutschland waren Proteste gegen den Paragraf 218.
Von
Michael Anker
Bad Freienwalde
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Helge Malchow im Gespräch mit Alice Schwarzer: Klare Ansagen zur Gleichstellung von Frauen und Männern gepaart mit gelassener Altersweisheit. Helge Malchow im Gespräch mit Alice Schwarzer: Klare Ansagen zur Gleichstellung von Frauen und Männern gepaart mit gelassener Altersweisheit.

Michael Anker

Einen hochkarätigen Gast hatte sich Matthias Raupach in sein Hof-Theater eingeladen. Alice Schwarzer, Ikone der westdeutschen Frauenbewegung, war zur Podiumsdiskussion in die Kurstadt gereist. Ihr Verleger Helge Malchow stellte Fragen und führte so durch mehrere Jahrzehnte des politischen Lebens der Frauenrechtlerin.

Dann durfte das Publikum Fragen stellen. Mit einem Ausflug in die Geschichte von „Emma“ begann ein ernster und zugleich humorvoller Abend . Alice Schwarzer gründete 1977 die bekannte feministische Zeitschrift. In jener Zeit waren in der Bundesrepublik nur wenige Frauen berufstätig und ihre Rechte eingeschränkt. „Bis 1958 konnte eine Frau über kein eigenes Bankkonto verfügen und bis 1976 durfte ihr Ehemann, falls die Frau es wagte, berufstätig zu sein, bei ihrem Arbeitgeber die Stelle seiner Frau kündigen“, gab Schwarzer Einblicke in die Lage der Frauen in der noch jungen Bundesrepublik. „Von da kamen wir Westfeministinnen her“, so Schwarzer. „Wir lernten es zu kämpfen, für Dinge, die für DDR-Frauen selbstverständlich waren.“

Protest gegen Paragraf 218

Der erste große Meilenstein im Leben der Feministin war der von ihr organisierte Protest gegen den Paragrafen 218, der Abtreibungen unter Strafe stellte. Hunderttausende Frauen mussten in der Bundesrepublik Abtreibungen illegal vornehmen lassen, teils unter abenteuerlichen Bedingungen. Alice Schwarzer trieb den Protest voran und 1971 bekannten in der Zeitschrift „Stern“ 374 Frauen öffentlich: „Wir haben abgetrieben!“ Im selben Jahr veröffentlichte Alice Schwarzer ihr erstes Buch zu diesem Thema. „Ich erinnere mich an einen Satz den eine Frau sagte: Ich denke dabei immer nur daran. Da war nichts von Begehren. Die Frauen hatten Angst ungewollt schwanger zu werden“, erinnerte sich die Autorin. „Feminismus war in diesen Anfangsjahren etwas ganz anderes als heute. Es ging um elementarste Dinge. Um das Leben der Frauen“.

„Ist Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Feministin“, fragte Malchow. „Sie ist eine, egal ob sie sich so nennt. Emanzipierter geht’s ja gar nicht“, antwortete  Schwarzer und bekannte, dass sie bei der Vereidigung der Kanzlerin vor Rührung feuchte Augen bekam. „Erstmals, 87 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechtes, bekommt eine Frau das höchste Staatsamt.“ Keine Westfrau hätte die Nerven gehabt, so stur auf dieses Amt zuzugehen. Es sei ihr wohl nicht klar gewesen, wie heikel es da oben ist, eine Frau zu sein, wie viel Frauenverachtung dort lauere. „Wir haben es gerade wieder gesehen, wie die SPD die Nahles geköpft hat. Das war für diese engagierte Frau so demütigend“, kommentiert Alice Schwarzer.

Streit ums Kopftuch

In einem Punkt stimmt Schwarzer nicht mit der Haltung der Kanzlerin überein, der sie ansonsten gute Arbeit bescheinigt. Ihr fehle eine scharfe Abgrenzung zwischen dem politischen Islam und dem Islam als Religion. Die Religion sei eine Privatangelegenheit jedes Einzelnen, aber seine Instrumentalisierung, um Frauen zu unterdrücken, sei nicht hinnehmbar. Unter anderem machte sie es am Kopftuchstreit fest. „Als in den siebziger Jahren eine Million türkischer Gastarbeiter in Deutschland arbeiteten, war das Kopftuch kein Thema. Bis auf einige Omas, deutsche oder anatolische, trug keine Frau ein Kopftuch“, so Schwarzer. Seit mehreren Jahrzehnten sei sie mit einer algerischen Familie befreundet. Auch in diesem islamisch geprägten Land tragen nicht alle Frauen Kopftuch, obwohl sie religiös seien. Erst mit dem Erstarken des politischen Islamismus sei es zu einem Symbol der Unterdrückung von Frauen geworden. Es ist heute Schwarzers zweites großes Feld, sich gegen diese Unterdrückung einzusetzen.

Im zweiten Teil der Veranstaltung vertieften Fragen aus dem Publikum Themen die zuvor angesprochen wurden. Es ging zum Beispiel um den Kampf gegen Prostitution, um den Unterschied der Emanzipation in Ost und West oder um die Freizügigkeit in der DDR mit ihrer FKK-Kultur.