Fußball
: Daheim in St. Paulis Talentschmiede

Franz Roggow lebt in Hamburg den Traum von der großen Karriere.
Von
Jonas Füllner
Bad Freienwalde
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  • Auch das gehört zum Alltag: Franz Roggow beim Aufhängen der Wäsche.

    Auch das gehört zum Alltag: Franz Roggow beim Aufhängen der Wäsche.

    Dmitrij Leltschuk
  • Ablenkung: Die Playstation steht in der Freizeit auch bei den jungen Pauli-Kickern natürlich hoch im Kurs.

    Ablenkung: Die Playstation steht in der Freizeit auch bei den jungen Pauli-Kickern natürlich hoch im Kurs.

    Dmitrij Leltschuk
  • In Aktion: Franz Roggow im Dress des FC St. Pauli.

    In Aktion: Franz Roggow im Dress des FC St. Pauli.

    Dmitrij Leltschuk
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Vor einem Jahr holte der FC St. Pauli den 17–Jährigen aus Cottbus ans Nachwuchsleistungszentrum. Acht Talente, die wie Franz nicht aus Hamburg stammen, die der Verein aber aus sportlichen Gründen hierher gelotst hat.

Es ist Freitagmittag, Franz hat früh Schulschluss. In der Küche steht Essen: Nudeln. Geflügel. Wenig Soße. Der hochgewachsene, schlanke Fußballer, der in der U19 des FC St. Pauli spielt, sitzt am langen Esstisch im Gemeinschaftszimmer. Lennart Sens leistet ihm Gesellschaft. Der 29–jährige Pädagoge lebt auch im Jugendtalenthaus und ist Betreuer, Erzieher und großer Bruder in einer Person.

Die Tagesabläufe und Schulstundenpläne der WG–Bewohner sind zu unterschiedlich, sagt Sens. Aus Cottbus kennt Franz das anders. Vier Jahre lebte er dort im Fußball–Internat. Individualität? Fehlanzeige. Das ganze Team besuchte dieselbe Schule. 24 Fußballer in einer Klasse. Kein einziges Mädchen. „Das war schon merkwürdig“, schmunzelt er. Seit Franz in Hamburg lebt, kommt er mehr mit der Außenwelt in Kontakt. Als einer von 24 St. Pauli–Spielern besucht er die Julius–Leber–Schule. Eine ganz normale Stadtteilschule in Schnelsen — nur dass sie Kooperationspartner des Vereins ist.

Franz lebt für seinen großen Traum: Profifußballer werden. Franz spielt im defensiven Mittelfeld. „Jedem muss klar sein, dass man nicht so ein Leben hat wie andere Jugendliche, die zur Schule gehen und dann nur auf Partys sind“, sagt er.  Schon als Kind habe er täglich auf der Wiese trainiert, erinnert er sich. Sein „fußballverrückter“ Vater förderte und forderte ihn dreimal pro Woche mit seinen Freunden in der Heimatstadt Bad Freienwalde in Brandenburg beim dortigen Jahn–Sportverein. Franz war zwölf, als ihn die Eltern auf das Sportinternat in Cottbus ziehen ließen. Mit zunehmendem Alter wuchsen auch die Erwartungen und das sportliche Pensum. Franz hat sich durchgebissen. „Ich war nicht immer der Beste, aber immer in der Startelf“, sagt er. Arrogant klingt er nicht, sondern eher wie einer, der sich immer weiterentwickeln will.

Um die Persönlichkeiten der Jugendtalente zu fördern, arbeiten ein Sportpsychologe und ein Mentaltrainer mit ihnen. „Weil wir überzeugt sind, dass man die Jungs mit all ihren Themen nicht alleinlassen darf“, sagt Roger Stilz, Leiter des Talentschmiede. „Das Spannungsfeld zwischen Schule, Familie, Freizeit und Fußball ist herausfordernd. Deshalb bieten wir ihnen Unterstützung und Einzelfallbetreuung an.“

Aber was, wenn’s mit dem Profifußball doch nicht klappt? Die Frage stellt sich für Franz nicht. Er habe dann ja zumindest Abitur. Während sich junge Fußballer früher nur auf den Sport konzentrierten, gilt heute bei allen Nachwuchsleistungszentren die Regel: Abi und Fußball, wenn irgend möglich.

„Die Jungs bekommen ein tolles Entwicklungspaket“, findet der 43–Jährige Roger Stilz, der selbst Profifußballer war. Da hinein gehöre der Auftrag, „auch einfach beim Erwachsenwerden zu helfen.“

Während die großen Akademien eher wie gläserne, frisch gestriegelte Riesen daherkommen, wirken die St. Pauli–Reihenhäuser geradezu kuschelig. Im Wohnzimmer hängt ein Putzplan, wie man ihn aus ganz normalen WGs kennt, und ihre Wäsche müssen die Sportler auch selbst waschen. Ein Pädagoge hilft bei Problemen mit der Schule. Hier zeigt sich, dass Franz und Co. wertvolle Rohdiamanten des Vereins sind. Dem gegenüber steht der Verzicht: Alkohol und Zigaretten sind im Jugendtalenthaus selbstverständlich verboten. Frauenbesuche auch. Mit ihren Freundinnen dürfen sich die Spieler nur außerhalb des Hauses treffen. Die Jungs sollen sich auf den Fußball konzentrieren. Optimal sind dafür auch die kurzen Wege zwischen dem Trainingsplatz am Brummerskamp, Schule und Talenthaus. Alles ist zu Fuß innerhalb von drei Minuten zu erreichen.

Ein wenig Ablenkung gibt es aber doch: Dienstags haben sie trainingsfrei, erzählt Franz. „Da sind wir mit dem gesamten Team in der Stadt.“ Shoppen. Kino.

Franz ist fest eingeplant für die neue Saison in der U19. Ansonsten hätte ihn der Verein nicht extra aus Cottbus nach St. Pauli gelotst. In die neue Spielzeit starteten die Hamburger mit einer 1:5–Schlappe beim VfL Wolfsburg recht holprig. Den Ehrentreffer erzielte Franz zum zwischenzeitlichen 3:1. Erschienen ist der Artikel im Sondermagazin „Das Herz von St. Pauli“ des Hinz&Kunzt Hamburger Strassenmagazins.