Gedenken
: Schreckliche Erinnerung an Wriezener Bombennächte

Joachim Herbrich erlebt als Flakhelfer den Angriff auf Wriezen im April 1945. Da war er 14.
Von
Steffen Göttmann
Wriezen
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  • Die Wilhelmstraße in Wriezen nach dem verheerenden Angriff. Im Hintergrund ist das Gerippe der Marienkirche zu erkennen. Die Wriezener sind dabei, dieses Wahrzeichen ihrer Stadt wieder aufzubauen.

    Die Wilhelmstraße in Wriezen nach dem verheerenden Angriff. Im Hintergrund ist das Gerippe der Marienkirche zu erkennen. Die Wriezener sind dabei, dieses Wahrzeichen ihrer Stadt wieder aufzubauen.

    Sammlung Eckhard Brennecke
  • Der verheerende Angriff der Roten Armee vom 16. bis zum 20. April legte weiter Teile der Stadt Wriezen in Trümmer. Der Zweite Weltkrieg hinterließ tiefe Narben.

    Der verheerende Angriff der Roten Armee vom 16. bis zum 20. April legte weiter Teile der Stadt Wriezen in Trümmer. Der Zweite Weltkrieg hinterließ tiefe Narben.

    Sammlung Eckhard Brennecke
  • Wiederaufbau:  Lächelnd blicken junge Leute in die Kamera.  Sie sind damit beschäftigt, die Trümmer zu beseitigen, die der Krieg in Wriezen hinterlassen hat. Wer jemanden auf dem Foto erkennt, kann sich unter freienwalde-red@moz.de melden.

    Wiederaufbau:  Lächelnd blicken junge Leute in die Kamera.  Sie sind damit beschäftigt, die Trümmer zu beseitigen, die der Krieg in Wriezen hinterlassen hat. Wer jemanden auf dem Foto erkennt, kann sich unter freienwalde-red@moz.de melden.

    Sammlung Eckhard Brennecke
  • Nichts mehr zu retten: In der Ratsstraße war nach den Angriffen kaum ein Stein mehr auf dem anderen. Von der alten Pracht Wriezens ist in dieser Ecke  nichts mehr zu sehen. Davon zeugen die Neubauten heute auf beiden Seiten der Straße.

    Nichts mehr zu retten: In der Ratsstraße war nach den Angriffen kaum ein Stein mehr auf dem anderen. Von der alten Pracht Wriezens ist in dieser Ecke  nichts mehr zu sehen. Davon zeugen die Neubauten heute auf beiden Seiten der Straße.

    Sammlung Eckhard Brennecke
  • Frauen und Männer legen sich mächtig ins Zeug, um Wriezen aufzuräumen. Mithilfe von eigens errichteten Trümmerbahnen schaffen sie die Reste der zerstörten Häuser aus der Stadt.

    Frauen und Männer legen sich mächtig ins Zeug, um Wriezen aufzuräumen. Mithilfe von eigens errichteten Trümmerbahnen schaffen sie die Reste der zerstörten Häuser aus der Stadt.

    Sammlung Eckhard Brennecke
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Die Nazis verboten Herbrich die Flucht, er sollte als Flakhelfer Wriezen mit verteidigen. „Meine Schulkameraden waren so heiß, sie wären am liebsten gleich mit der Panzerfaust los gerannt“, berichtet Herbrich. Der Offizier habe jedoch die Jungen aufgeteilt.

Schlimmste Nacht

Herbrich fragte den Offizier, ob er zu seiner Mutter dürfe. „Das geht jetzt nicht mehr“, entgegnete dieser, versprach ihm aber: „Du wirst deine Mutter wiedersehen.“ Der Offizier habe ihn zu einem Keller nahe der Marienkirche gebracht, wo sechs erfahrene Soldaten saßen. Dort erlebte der 14–Jährige die schlimmste Nacht seine Lebens. „Der Russe hat alles eingesetzt, was er an Waffen hatte“, schreibt er. „Das ging Stunden lang. Der Fußboden bebte. Der Kalk rieselte von der Decke. Keiner sagte einen Ton.“ Dann habe es plötzlich an der Tür gerüttelt. Es war der junge Offizier, der ihm einen Zettel in die Hand drückte, den er zum Kirchturm hinauf bringen sollte. „Ich konnte kaum die Kirchentür öffnen und in der Dunkelheit den Aufgang zum Turm finden“, erzählt Herbrich.

Flucht nach Werneuchen

Oben hockte ein Soldat, dem er den Zettel mit der Meldung übergab. „Er muss hunderte Tode gestorben sein“, mutmaßt Herbrich. Er habe zu der Gruppe gehört, die unten im Keller lag. Die Soldaten hätten sich von Stalingrad nach Wriezen durchgekämpft. Mit ihnen sei er weiter gefahren — bis Werneuchen. Ein Militärlastwagen nahm sie mit. „Als wir den Bockberg hinauf fuhren, gab es plötzlich einen lauten Knall“, so Herbrich. „Als wir zur Stadt schauten, sahen wir, wie der Kirchturm ins Kirchenschiff fiel und eine riesige Staubwolke aufstieg.“ Der Junge schlug sich bis Berlin durch und fand seine Mutter in Luckenwalde. Kurze Zeit später kamen dort auch die Russen an. Schließlich habe auch der Vater die Familie erreicht. Gemeinsam begaben sie sich auf den Heimweg nach Wriezen. Die Familie wohnte am Stadtsee bei der Mühle. Dann ein Schock: Eines Tages habe ein Russe seinen Vater abgeholt. Als ein Dolmetscher von der Kommandantur seine Mutter warnte, dass auch Joachim abgeholt werde solle, packte der Junge wieder  seinen Rucksack, ging aber nicht zum Bahnhof, sondern zu Fuß nach Schulzendorf. Am Ziel, in Hamburg, war er bitter enttäuscht. Die Hansestadt war ein Trümmerhaufen  wie Wriezen.