Naturschutz
: Von Zollbrücke in die Ostsee und wieder zurück

Karsten Kühn fährt mit 200 000 Störlarven von Rostock nach Zollbrücke, um sie in der Oder wieder anzusiedeln.
Von
Jörn Kerckhoff
Zollbrücke
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  • Neugier gewiss: Wenn Karsten Kühn seiner Arbeit nachgeht, kann er sicher sein, dass er Schaulustige anzieht. Auch an der Deichscharte in Zollbrücke zog der Fischereibiologe die Aufmerksamkeit der Spaziergänger auf sich.

    Neugier gewiss: Wenn Karsten Kühn seiner Arbeit nachgeht, kann er sicher sein, dass er Schaulustige anzieht. Auch an der Deichscharte in Zollbrücke zog der Fischereibiologe die Aufmerksamkeit der Spaziergänger auf sich.

    Jörn Kerckhoff
  • Junge Brut: Zwei Tage sind diese Larven alt, diejenigen, die überleben, können 60 Jahre alt werden.

    Junge Brut: Zwei Tage sind diese Larven alt, diejenigen, die überleben, können 60 Jahre alt werden.

    Jörn Kerckhoff
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Wenn sie ausgewachsen sind, werden sie durchschnittlich zwischen 1,3 und 2,2 Meter lang, die bislang gemeldete Maximallänge lag aber sogar bei 4,3 Metern. Früher war der Atlantische Stör heimisch in der Ostsee und auch in der Oder. Durch die Überfischung wurde die Population beinahe vernichtet, weiß Karsten Kühn. Daher hat die Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg–Vorpommern in Rostock ein Programm gestartet, um den Stör wieder anzusiedeln.

Vom Hobby zum Beruf

Kühn arbeitet für die Landesforschungsanstalt, gebürtig stammt er aber aus Wriezen. „Hier an der Deichscharte in Zollbrücke hatte ich mit vier Jahren mein erstes Anglerlebnis“, erzählt der Fischereibiologe. Ihn hat das Thema Anglerei und vor allem Fische seither offenbar nie mehr losgelassen, so wurde bei ihm aus dem Hobby einst tatsächlich ein Beruf.

Besonders die Störe haben es Kühn angetan, denn er gehört auch dem Vorstand der Gesellschaft zur Rettung des Störs an. „Vor zehn Jahren haben wir Tiere in Kanada gefangen, die wir hier nun für die Zucht verwenden“, erzählt er. Der Atlantische Stör sei in unseren Breitengraden so gut wie ausgestorben gewesen, weswegen Tiere aus Kanada geholt werden mussten, um das Zuchtprogramm zu starten.

Dabei ist klar, dass es einen langen Atem braucht, bis dann irgendwann Ergebnisse zu sehen sind. Bis zur Geschlechtsreife vergehen bei den Männchen des Knochenfischs zwischen sechs und 14, bei den Weibchen gar acht bis 28 Jahre. Es wird also auch einige Jahre dauern — Kühn schätzt, dass es 16 sein werden — bis die Tiere, die am Mittwoch ausgesetzt wurden, zum Laichen zurückkehren.

Und überhaupt wird es nur ein Bruchteil der Larven überhaupt bis ins Erwachsenenalter schaffen. „Zwischen 0,1 und einem Prozent überleben nur“, so Kühn. Das sind gerade mal zwischen 200 und 2000 der ausgesetzten 200 000 Fische. Der Rest von ihnen endet meist selbst als Fischfutter.

Über mangelndes Interesse an seiner Arbeit braucht sich Kühn übrigens nicht beklagen. Kaum hat er die zehn großen Säcke mit den Störlarven aus seinem Transporter ausgeladen und im Uferbereich der Oder abgelegt, versammeln sich plötzlich eine ganze Reihe von Zuschauern, schauen interessiert und stellen dem Fischereibiologen jede Menge Fragen, die er neben der Arbeit alle beantwortet. Es sind Spaziergänger, die an diesem Tag an der Oder unterwegs sind und neugierig stehenbleiben, als sie die ungewöhnlichen Arbeiten sehen.

Lieber Fisch statt Eis

Besonders die Kinder, die mit dabei sind, sind ganz fasziniert von den kleinen Fischen. „Kommt, wir wollten doch noch ein Eis essen“, versucht eine Mutter ihre zwei Kinder zum Weitergehen zu bewegen. „Nein, wir schauen noch“, kommt da prompt die Antwort. Kinder, die Eis verschmähen, um sich Fische anzuschauen? Sachen gibt’s...

Kühn ist zufrieden mit dem Zustand der Larven, die die rund 300 Kilometer lange Fahrt aus dem Zuchtbetrieb bis nach Zollbrücke gut überstanden haben. Einen Sack nach dem anderen öffnet er und lässt die Mini–Störe in die Freiheit. „Die lassen sich jetzt in die Ostsee treiben“, erzählt er. Es war bereits die zweite Besatzaktion in Zollbrücke in diesem Jahr und voraussichtlich wird es noch eine dritte geben, erzählt Karsten Kühn, bevor er zu seinen Eltern nach Wriezen zum Mittagessen fährt.