Wahrzeichen: Erben erhalten Bad Freienwalder Stier zurück

Imposant: der Ungarische Stier von Louis Tuaillon (1862-1919) im Kurpark von Bad Freienwalde. Die Stadt muss die Marmor-Plastik an eine Erbengemeinschaft mit 32 Parteien zurückgegeben.
Steffen GöttmannWir verlieren eines unserer Wahrzeichen“, sagt lka Krüger, Geschäftsführerin der Bad Freienwalde Tourismus GmbH. „Ich glaube, dass viele Bad Freienwalder die Dimension noch gar nicht erkennen. Wir dürfen das Ganze doch nicht so sang- und klanglos hinnehmen.“ Schließlich sei der Ungarische Stier eines der Symbole der Stadt, so die Geschäftsführerin. Die Tourismus GmbH wirbt mit dem Stier.
Die Erben des reichen Kohlehändlers Eduard Arnhold (1849–1925) und des Opernsängers Carl Clewing stellten beim Finanzministerium in Potsdam den Antrag auf Rückerstattung. Arnhold, Eigentümer des Ritterguts Hirschfelde bei Werneuchen, hatte die Stierskulptur bei dem in Berlin lebenden Bildhauer Louis Tuaillon (1862–1919) in Auftrag gegeben und dafür 100 000 Goldmark bezahlt. „Das entspricht jetzt einem Wert von 800 000 Euro“ sagt Reinhard Schmook, Leiter des Oderlandmuseums in Bad Freienwalde. Hinzu komme der künstlerische Wert der Skulptur.
Verzicht auf Klage
Die Bad Freienwalder Stadtverordnetenversammlung hat bei ihrer jüngsten Sitzung beschlossen, nicht gegen den Bescheid des Finanzministeriums zu klagen.Schmook hatte aufgrund des hohen Streitwertes und der Aussichtslosigkeit eines Klageverfahrens dringend davon abgeraten. Auch die Gemeinde Hirschfelde, heute Ortsteil von Werneuchen, forderte den Stier bereits zurück – vergeblich. Als das Gut Hirschfelde nach 1945 bei der Bodenreform enteignet wurde, war der Stier nach damaligem Verständnis „herrenlos“ geworden. Hirschfelde gehörte zum Landkreis Oberbarnim. Ulrich Engel, zu dieser Zeit Leiter des Oderlandmuseums, war von der Landesregierung beauftragt worden, herrenloses Kunstgut sicherzustellen. Dazu zählte der „Ungarische Stier“ aus Hirschfelde. Dieser sollte dann eigentlich nach Potsdam überführt werden. Doch weil der Aufwand zu groß war, genehmigte die Landesregierung 1949, ihn stattdessen nach Bad Freienwalde, der Kreisstadt des Landkreises Oberbarnim, zu bringen. Dort steht er seit 1950 im Kurpark. Der Bad Freienwalder Naturschutznestor Kurt Kretschmann habe den Stier auf die Terrasse des Schlosses stellen wollen. „Dafür war sie jedoch zu schwer“, erklärt Schmook.
Museumsleiter ist enttäuscht
Der Museumsleiter ist enttäuscht vor der Situation. Ihm liegt nämlich ein Vertrag vom 1. Dezember 1950 vor, wonach die Stadt den Stier dem städtischen Museum übereignet hat. Museum und Inventar gingen an den Landkreis, an den neuen Landkreis (MOL) und schließlich an die Albert-Heyde-Stiftung. „Weil wir bei den Betriebsübergängen nicht jeweils das gesamte Museumsinventar angegeben haben, hat das Finanzministerium dies nicht anerkannt“, sagt Schmook. Wäre der Stier eindeutig in Besitz der Stiftung, hätten die Erben wohl keine Chance gehabt.
Der bronzene Hirsch, ebenfalls von Tuaillon, der in Hirschfelde steht, dürfe auch dort stehen bleiben. Er sei nicht in der Liste der Güter enthalten, die bei der Bodenreform enteignet wurden. "Das ist total ungerecht“, sagt Schmook. Wann der sechs Tonnen schwere Stier abtransportiert wird, sei unklar.
Ilka Krüger regt eine Ideenwerkstatt an. „Fast alle Kinder wurden irgendwann unter dem Stier fotografiert“, sagt sie. Vielleicht sei eine kleine Ausstellung möglich. Einen Trost gibt es noch: Das Oderlandmuseum besitzt eine kleine Kopie des Stiers aus Bisquit-Porzellan. "Sie ist abr kein wirklicher Ersatz“, so Krüger.
Kommentar: Trauer über den Verlust ist zwecklos
Die Ansage ist klar: Die Stadt Bad Freienwalde muss den "Ungarischen Stier" den Erben von Eduard Arnhold und Carl Clewing herausgeben. Der Bescheid des Finanzministeriums steht kurz bevor. Das Ministerium hat den Antrag geprüft und für rechtmäßig bewertet. Die Stadt legte zwar Widerspruch ein, aber ohne Erfolg. Die Bad Freienwalder müssen bald mit ansehen, wie die Skulptur abtransportiert wird. Die Kurstadt verliert eines ihrer Wahrzeichen. Fast 70 Jahre lang stand die sechs Tonnen schwere Marmor-Plastik im Kurpark. Was sich der Staat 1949 angeeignet hatte, wird nun den rechtmäßigen Eigentümern zurück gegeben. In welchem Teil der Welt er seinen Standort haben wird, bleibt den Erben überlassen.Jetzt sind Ideen gefragt, wie die Stadt mit diesem Verlust umgehen wird. Eine bloße Kopie aus Gips oder Pappmaché wäre zu einfallslos. Dem Stier ewig nachzutrauern, bringt ihn nicht wieder zurück. Deshalb ist der Vorschlag der Tourismus-Geschäftsführerin zu begrüßen. Aus einer Niederlage kann Neues wachsen, wenn es richtig angepackt wird. Wichtig ist, dass die Stadt zusammen steht und gemeinsam eine Lösung sucht. Das ist allemal besser, als ewig über Verlorenes zu klagen.⇥Steffen Göttmann
