Wriezen
: Altbürgermeister Uwe Siebert und Bürgermeister Karsten Ilm legen Kranz nieder

Wriezens Bürgermeister Karsten Ilm mahnt, die Leistungen des japanischen Arztes in der heutigen Zeit nicht zu vergessen.
Von
Jörn Kerckhoff
Wriezen
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Gedenken: Am Sonntag jährte sich der Todestag von Dr. Nobutsugu Koyenuma zum 74. Mal. Altbürgermeister Uwe Siebert reinigte das Grab des Arztes, der in Wriezen vielen Menschen das Leben rettete – ein japanisches Ritual.

Wolfgang Rakitin

Drei Tage später verstarb Koyenuma mit gerade einmal 37 Jahren am Typhusfieber, von dem er zuvor zahlreiche Erkrankte heilte – als Leiter der Seuchenstation in Wriezen. Am Sonntag legten Wriezens Bürgermeister Karsten Ilm und zahlreiche Gäste Kränze und Blumen am Grab des Arztes nieder, der bis heute als Held in und um Wriezen herum gilt.

„Aus heutiger Sicht ist es schwer, die Leistung von Dr. Nobetsugu Koyenuma überhaupt zu begreifen“, machte Lars Kuke, Japanbeauftragter der Stadt Wriezen in seiner Gedenkrede deutlich. Er habe Hausbesuche bei den vielen kranken Menschen gemacht und in Zeiten, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs von Mangel geprägt waren, irgendwoher Medikamente besorgt, um diese Menschen zu behandeln. Viele hätten ihm ihr Leben zu verdanken. Es sei eine Ehre, Koyenuma zu gedenken, gab Lars Kuke seiner tiefen Bewunderung für den Arzt Ausdruck.

Zunächst in Berlin studiert

Koyenuma wurde im Jahr 1908 in Hachioji in der Nähe von Tokio geboren. Er studierte Medizin und arbeitete als Forschungsassistent der Abteilung für Radiologie in der medizinischen Fakultät der kaiserlichen Universität in Tokio. Im Frühjahr 1937 kam er als Regierungsstependiat Japans nach Deutschland. Er studierte zunächst am Kochinstitut der Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität) in Berlin, wechselte dann aber als wissenschaftlicher Gast an deren Institut für Strahlenforschung. Im Jahr 1939 wurde Koyenuma Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung.

Dem Aufruf der japanischen Botschaft, Deutschland im Jahr 1944, wegen der herannahenden Ostfront zu verlassen, folgte Koyenuma nicht. Im September 1945 wurde er vom sowjetischen Bezirkskommandanten nach Wriezen beordert, um als leitender Arzt die grassierenden Infektionskrankheiten, insbesondere Typhus,  zu bekämpfen. Ein Auftrag, der dem jungen Arzt ein halbes Jahr später das Leben kostete.

Allerdings geriet sein Wirken nie in Vergessenheit, wie die Kranzniederlegung an seinem 74. Todestag zeigt. Am 3. Juli 1994 wurde Koyenuma posthum zum Ehrenbürger der Stadt Wriezen ernannt, die Städte Hoachioji und Wriezen unterhalten seit vielen Jahren eine enge Freundschaft.

„Für uns ist es wichtig, nicht nur gute politische Beziehungen mit Deutschland zu pflegen, sondern auch darüber hinaus Freundschaften aufzubauen“, erklärte Keisuke Morimoto, zweiter Sekretär der japanischen Botschaft in Deutschland, der ebenfalls zur Gedenkstunde nach Wriezen gekommen war. Nobutsugu Koyenuma sei eine Symbolfigur für die Freundschaft, die beide Länder verbindet.

Pressebericht auch in Japan

Wie sehr diese Freundschaft gepflegt wird, zeigte sich bei der Kranzniederlegung am Sonntag. Schüler aus der Heimatstadt des Arztes hatten Papierkraniche gefaltet, die am Grab Koyenumas angebracht wurden, aus einem Lautsprecher erklangen Lieder der Schüler, die eigens zu diesem Anlass aufgenommen wurden. Wriezens Altbürgermeister Uwe Siebert vollzog eine Reinigung des Grabes mit Wasser und Räucherstäbchen, ein japanischer Brauch. Und auch der Deutschlandkorrespondent der Tokio-Presse war in die Oderbruch-Stadt gekommen, um in Japan über die Gedenkfeier zu berichten.

Karsten Ilm mahnte, die Erinnerungen an Nobutsugu Koyenuma auch in Zukunft wach zu halten. Er habe vielen kranken Menschen geholfen, die nach dem Krieg aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten gen Westen flüchteten und dabei an schweren Infektionen erkrankt waren. Auch heute sehe man wieder Menschen auf der Flucht, die nirgendwo willkommen seien und unter erbärmlichen Umständen leben müssten, spielte Ilm auf die Situation der Flüchtlinge an der türkisch-griechischen Grenze an.

Der Liebe wegen in Deutschland geblieben

Nobutsugu Koyenuma wurde am 9. Oktober 1908 in Hichioji als ältester Sohn eines Chirurgen und dessen Frau geboren. Seine Studien als Radiologie führten ihn nach Berlin. Der Liebe wegen entschied er sich 1944 gegen eine Ausreise aus Deutschland, trotz des Aufrufs der japanischen Botschaft. Die Rote Armee rückte vor und so wollte das Kaiserreich seine Landsleute aus den Kriegswirren retten. Später wurde Koyenuma vom sowjetischen Bezirkskommandanten nach Wriezen beordert, um dort die vielen Menschen zu behandeln, die unter schweren Infektionskrankheiten litten. Koyenuma war der einzige Arzt auf der Seuchenstation. Er erkrankte und starb selbst am Typhusfieber.⇥jk