Burgschreiber
: „Briefeschreiben ist ein intimer Akt“ - Stefan Hornbach bleibt länger in Beeskow

Stefan Hornbach fühlt sich wohl in Beeskow, genießt die Natur und sammelt Plastikmüll ein, erlebt einen Zustand der Dauerkonzentration und schreibt am Roman.
Von
Peggy Lohse
Beeskow
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Geht nicht immer leicht von der Hand: Neben der Arbeit an seinem Roman spielen Briefe für den Beeskower Burgschreiber Stefan Hornbach eine große Rolle.

Jörn Tornow

Im Seitenanbau der Burg Beeskow liegt die kleine Burgschreiberwohnung. Vom Schreibtisch schaut Stefan Hornbach zum Burgfried, von der Küche auf die Marienkirche.besuchte den Burgschreiber an seinem liebsten Arbeitsplatz unterm Burgdach.

Herr Hornbach, Sie sind seit vier Monaten Burgschreiber. Was ist vollbracht, was steht noch an?

Ich habe im Oktober später als geplant angefangen und bleibe bis Mitte April. Das Geld wird nicht weitergezahlt, aber der Raum ist frei. Das ist so ein super krasses Privileg, hier ein Zimmer und monatlich Geld zu bekommen. Manchmal ist das nicht einfach zu vermitteln gegenüber Leuten, die auch gerne 1000 Euro im Monat hätten, zum Beispiel als bedingungsloses Grundeinkommen. Das ist nicht selbstverständlich und ich wünsche das jedem anderen sehr.

An dem jetzigen Projekt sitze ich schon seit ich in Ludwigsburg begann Schauspiel zu studieren. Da, 2011, ist etwas losgegangen, was auch mit meinem Roman zu tun hat. Im Theaterstück „Über meine Leiche“ konnte ich mich austoben. Das war so ein Sich-frei-Schreiben. Jetzt sitze ich wieder am nüchterneren Prosa-Ton.

Am Anfang hatten Sie angekündigt, den Roman in Beeskow fertigzustellen. Wie ist der Stand?

Ich kann es spannend machen: Es steht gerade auf der Kippe. Es hängt daran, dass ich sehr ordentlich arbeite und perfektionistisch bin. Ich will, dass alles stimmt. Ich will nichts Halbgares.

Bei der Abschlusslesung am 18. April wird es aber auf jeden Fall etwas zu hören geben.

Worum geht es in dem Roman?

Es ist eine Emanzipationsgeschichte: Die Tumor-Diagnose – die es auch in „Über meine Leiche gibt“ – ist die Ausgangssituation. Von da aus geht es durch die gesamte Behandlung. Was mir immer wieder aufstößt bei der Krebs-Thematik ist das Kriegsvokabular: „Feind“, „besiegen“ und „Kampf“. Mein Protagonist ist ziemlich friedlich eingestellt der Krankheit gegenüber. Er will auch gesund werden. Aber es ist eher der Versuch einer Versöhnung.

Warum beschäftigt Sie gerade diese Krankheit so sehr?

Ich habe persönliche Erfahrungen mit dem Thema gemacht und habe das Gefühl, dass ich, bevor ich über etwas anderes schreibe, darüber schreiben muss. Ich gehe beim Schreiben erstmal von mir aus. Ich glaube, es ist gar nicht möglich, rein autobiografisch zu schreiben. Und es ist gleichzeitig auch nicht möglich, gar nicht autobiografisch zu schreiben. Eine Wahrheit in der Fiktion, das ist, wonach ich suche.

Und welche Rolle spielt Beeskow?

Beeskow ist für mich der Ruhepol. Der Ort, nach dem ich mich gesehnt habe. Denn: Ich weiß, wofür ich hier bin. Ich bin hier angekommen, kenne die Wege und fühle mich zuhause. Ich habe jetzt einen Dauer-Konzentrationszustand, den ich mir nicht immer wieder neu erkämpfen muss. Ich bin im Schreiben empathischer mit meinen Figuren. Ich kann hier mit Distanz auf Lebenszusammenhänge zurückblicken.

Und Beeskow war echt nett zu mir, auch wettermäßig. Ich spaziere oft über die Spreeinsel, blinzle in die Sonne. Dann denke ich: Das ist ein echt schöner Ort.

Bei der Lesung „Ab die Post!“ soll das Briefeschreiben im Vordergrund stehen. Wann schreiben Sie Briefe?

Am Anfang war es für mich eine Schreibübung, um Selbstverständlichkeit im Schreiben herzustellen. Ein Tagebuch für mich. Und die Möglichkeit einer Kolumne. Ich habe hier jeden Tag einen Brief geschrieben, handschriftlich, und verschickt. An Leute, von denen ich in der Nacht zuvor geträumt habe, zu denen ich keinen Kontakt mehr habe.

Zum Beispiel meiner besten Freundin in der Schule schrieb ich, dass ich ihr mit diesem Brief näher sein kann, als ich es sein könnte, wenn wir voreinander säßen. So habe ich eine intime Grenze überschritten: Angenommen unsere Freundschaft von früher bestünde noch? Ich hatte das Gefühl, das ist ein intimer Akt. Es kann sein, dass ich Menschen, denen ich schreibe, damit irritiere.

Ich schreibe noch immer Briefe mit einem 83-jährigen Mann aus dem Kreis, der mir auf die erste Kolumne hin geschrieben hatte. Er schickt mir, gemeinsam mit seiner Frau, immer wieder Karten. Und schon drei Gedichte, denn er reimt auch. Wenn ich mir das so ansehe, ist er jetzt mein bester Brieffreund. Hoffentlich kommt er auch zu „Ab die Post!“.

Es könnte die Stärke des geschriebenen Briefes sein, dass man ihn bewusst schreibt, sich bewusst Zeit nimmt. Und es kostet Zeit. Und Zeit ist ja wohl unser „kostbarstes Gut“.

Für die Lesung habe ich so eine Idee: Briefe mit Augenzwinkern, die ich nicht abschicke. Ich wollte zum Beispiel mal an Neo Rauch schreiben. Weil ja hier nebenan im Depot ein Bild von ihm hängt, das nicht im Werkverzeichnis aufgeführt ist. Ich hatte da mal über einen Kunstraub nachgedacht. Denn wer würde schon den Burgschreiber verdächtigen? Aber mehr lese ich dann aus dem Brief... (Lacht.)

Was nehmen Sie aus Beeskow mit, was wird von Ihnen bleiben?

Es bleibt viel Plastikmüll auf der Straße, weil ich bei meinen Spaziergängen oft welchen aufhebe. Es bleiben Begegnungen und Erinnerungen. Ich würde gern noch einen Baum pflanzen. Vielleicht hier auf der Burg?

Infos: „Ab die Post! In Briefen durch die Zeit“, 28. Februar, 19 Uhr, Burg Beeskow, Karten unter Tel. 03366 352702Aufruf: Jeder Besucher kann gern eigene oder liebgewonnene Briefe mitbringen, die in die Lesung integriert werden können

Zur Person

Stefan Hornbach wurde 1986 in Speyer, Rheinland-Pfalz, geboren. Er studierte Theaterwissenschaft, Psychologie und Neuere deutsche Literatur in München und anschließend Schauspiel an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Sein Theaterstück "Über meine Leiche" gewann Preise und wurde bereits viermal inszeniert und übersetzt. Hornbach arbeitet seit Oktober 2019 als Burgschreiber in Beeskow an seinem ersten Roman.⇥red