Niemals aufhören zu atmen, das ist das Allerwichtigste. Immer weiter ins Plastikmundstück ein- und ausatmen. Und die Metallleiter weiter nach unten steigen. Die dicke Taucheruniform drückt gegen den Körper. Wo Luft war, wird es fest. Nicht kalt, trotz acht Grad Wassertemperatur. Der Druck steigt – jetzt schlucken. Oder die Nase unter der Maske mit Händen in dicken Handschuhen zukneifen. Weiter atmen, weiter ins Dunkel steigen. Bis zum Grund in knapp vier Metern Tiefe. Dort liegen Rohre, Schläuche, befüllte Säcke. Ein Stuhl treibt trotz Gewichten immer wieder auf.
In dem Wasserzylinder trainieren Mitte Januar neun der insgesamt 13 Taucher der Sondereinsatzgruppe Wassergefahren Oder-Spree der Freiwilligen Feuerwehr Grünheide.
Optimale Trainingsbedingungen
Die Speicherbecken des alten Wasserwerks bieten "ein richtig gutes Übungsobjekt", betont der Leiter der Tauchgruppe, Stefan Noppens. Er pachtet das Objekt privat, aber zweckgebunden für die Freiwilligen Retter. "Es kann ja auch mal wieder vorkommen, dass wir bei Hochwasser in Kellern tauchen müssen." Das könne hier optimal geübt werden. "In einem See sind viele unbekannte Sachen um mich herum", beschreibt Noppens erfahrener Taucherkollege Rico Selke. "Hier weiß ich genau: Es ist ein geschlossener Behälter, eine fest definierte Tiefe. Ich kann mich voll auf meine Ausbildungsaufgaben konzentrieren."
Unter Wasser werden Säge- oder Stemmarbeiten ausgeführt. Die Herausforderung dabei: Der Taucher kann praktisch nirgendwo gegendrücken. Die Dunkelheit entspricht etwa der in tiefen Seen. "Wenn wir im Freiwasser sind, hat man keine Möglichkeit mehr zu probieren oder sich auszutesten", erklärt Noppens. "Aber als Taucher braucht man ganz viel Routine, um dann im Einsatzfall ordentlich agieren zu können."
Drei Taucher steigen bedächtig nacheinander ins Wasser. Etwas ungelenk sieht das aus, an Land. Etwa 40 Kilogramm wiegt eine komplette Ausrüstung: wasserdichte Uniform, Atemluftflaschen, Bleigewichte, Handschuhe, Kopfhaube, Maske, Unterzieher, Flossen. Dazu kommen Werkzeug wie Hammer, Schraubenschlüssel, Nägel, Sägen, Rohrteile, Maulschlüssel. Mit Hebesäcken – großen, festen Luftballons – können Autos oder Boote gehoben werden.
30 bis 40 Minuten bleibt ein Taucher unter Wasser. Bis in den zwei Atemflaschen nur noch ein Restdruck übrig ist. Zwischendurch werden der Luftdruck, Tauchtiefe und -zeit abgefragt Das Tauchen funktioniert nur im Team, in dem sich jeder auf jeden verlassen kann. Zu einem Einsatz muss ein Team aus mindestens vier Personen bereit sein, besser fünf. Zur Ausrüstung der Gruppe gehören auch Einsatzautos sowie ein fünf Meter langes Aluboot.
Einsatzgebiet der Taucher ist der gesamte Landkreis Oder-Spree. Ihre Hauptaufgaben sind Personensuche, das Bergen von Autos und Booten. Für die Polizei suchen sie manchmal nach Tatwaffen. 2019 hatten die Grünheider Taucher vier Alarmierungen, in früheren Jahren schon bis zu zehn. Meist müssen sie ran, wenn es zu spät ist. Zwei Personen, erinnern sich die Männer gemeinsam, haben sie im letzten Jahr lebend geborgen. Davon einen älteren Mann mit Hund in altem Kahn gar zweimal.
Regelmäßig sichern sie Wassersportevents wie die Triathlon-Wettbewerbe in Grünheide und Storkow ab, setzen im Frühjahr Bojen und sammeln sie im Herbst wieder ein, befreien Seen bei Grünheide von Unrat.
1991 war die Gruppe von Feuerwehrmann Frank Kersten gegründet worden. Heute tauchen aktuell 13 Mitglieder etwa 500 bis 1000 Stunden im Jahr – Einsätze und Übungen zusammengenommen. Freitags gibt es Training in der Halle, alle zwei Wochen dienstags wird Theorie gepaukt. Zweimal im Jahr absolvieren sie je eine Trainingswoche im Helenesee.
Langer Weg zur Tauchprüfung
Jens Briegert steht lächelnd auf der Metalltreppe über der Abtropfschüssel. "Im Dunkeln muss man viel tasten", erzählt er von seinem Tauchgang, "wie im See. Aber hier hat man super klare Sicht!" Briegert ist seit über einem Jahr dabei und noch in der Ausbildung. Eine Taucherausbildung dauert etwa zwei Jahre, erklärt Noppens, der selbst auch Rettungsschwimm-Trainer ist und bei dem "seine Jungs" alle  zwei Jahre ihren Rettungsschwimmer erneuern müssen. Außerdem sind Grund- und Funkausbildung der Feuerwehr Voraussetzungen. Mindestens 50 Tauchgänge muss ein Anwärter vor der Prüfung zum Feuerwehrtaucher absolvieren.
Als "Gewöhnungsbecken" für Neulinge dient das Oegelner Werk. Die Speicherbecken dort sind vier Meter tief und fassen je 500 Kubikmeter Wasser. Genau wie die aktiven im Beeskower Wasserwerk. 1000 Kubikmeter decken den Tagesbedarf der Stadt plus umliegender Gemeinden im Winter.
Als das Wasserwerk Oegeln kurz nach der Wende ausgebaut wurde, erinnert sich Rico Selke, hauptberuflich technischer Leiter beim Wasserverband Beeskow, war noch nicht abzusehen, wie sich der Bedarf entwickeln würde. Doch dann gründeten sich in Nachbarorten eigene Zweckverbände. Betriebe gingen ein, Privatleute zahlten plötzlich für tatsächlichen Verbrauch und begannen zu sparen. Wegen einer nahen Deponie verschlechterte sich die Wasserqualität. Für den Verband wurde der Betrieb unwirtschaftlich.
So wurde das Oegelner Wasserwerk nur knapp zehn Jahre in Betrieb gehalten, um die Sanierung des Beeskower Werks abzusichern. Seitdem sind Filter und Leitungen getrennt. Einzig ein kleiner Wasserfilter neben dem befüllten Speicherbecken säubert etwa einmal alle zwei Monate das Wasser, wenn die Taucher zum Training kommen. In voller Montur. Mit gleichmäßigem Atem.