Gesicht Oder-Spree: Wie Heinrich Tessenow Theodor Böll zum ältesten Haus nach Beeskow brachte

Theodor Böll staunt immer wieder über den Ausblick auf die Beeskower Kirchgasse.
Peggy LohseDie Kontraste beschäftigten ihn in einer schwierigen Zeit von Industrialisierung, Städtewachstum und Erstem Weltkrieg. Er entwarf das heutige Festspielhaus in Dresden-Hellerau sowie Arbeiter- und Bergbausiedlungen in Dresden, Hohensalza (heute Inowrocław in der Woiwodschaft Kujawien-Pommern), von Berlin über Brieskow-Finkenheerd bis Österreich und Ungarn.
Zwischen Markt und Kirche
Tessenows Nachlass verwaltet und verarbeitet seit vielen Jahren Theodor Böll, Neffe des Schriftstellers Heinrich Böll und noch heute Vorsitzender der internationalen Heinrich-Tessenow-Gesellschaft. Über die Arbeit kam Böll per Zufall auch nach Beeskow. Heute wohnt er in der Kreisstadt – in der Kirchgasse direkt neben dem ältesten Haus der Stadt, das ihn einst herbrachte und für das er sich jahrelang einsetzte. Auch hier findet er Tessenows Lehren und die Harmonie der Gegensätze wieder: „Auf der einen Seite liegt der große Marktplatz mit dem weltlichen Geschehen und vertikaler Ausrichtung“, sagt Böll. „Gegenüber liegt der kleine, ruhige Kirchplatz als Kontrapunkt: nur Gassen, keine Straßen führen dahin. Die Vertikale bestimmt den Platz.“
Theodor Böll wurde am 28. Mai 1947 in Essen im Ruhrgebiet geboren. Hungerkrawalle, Zerstörung und die Demontage von Fabrikmaschinen prägten die Zeit. Dreimal wurden Bölls Eltern ausgebombt. „Darum sagten sie immer: ‚Das Wichtigste ist, ein Dach über dem Kopf, Essen zu haben und keinen Fliegeralarm mehr zu hören‘“, erinnert er sich. Und weil Krieg das Schlimmste war für die katholischen Bölls, ergänzten sie das tägliche Mittagsgebet um einen Dank für Frieden in der Welt.
Nach dem Schulbesuch begann Böll eine Lehre als Buchhändler. Den Kriegsdienst verweigerte er. Das war Ende der 60er-Jahre, als die Zahl der Verweigerer in der Bundesrepublik stark anstieg. So konnte die zuständige Behörde für Böll nicht einmal eine passende Ersatzdienst-Stelle finden. Man empfahl ihm nach West-Berlin zu gehen.
Bölls damalige Freundin wollte sowieso dort studieren, also gingen sie. So landete er dank des Behördenchaos‘ in Berlin, wo er eine Anstellung in der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen fand. Und bald tiefer in die Architektursammlung eintauchte.
Einmal, in den 80er Jahren, fand er in Nachlassmaterialien die Bauzeichnung des ältesten Hauses von Beeskow. Und Beeskow hatte er kurz zuvor auf einer Kurzreise nach Ostdeutschland zu Bekannten in Friedland passiert. Der Name blieb ihm im Gedächtnis, ebenso das Haus. „Es stand damals leer, hat alle Zeiten, Brände und Kriege überdauert, aber sah trostlos aus“, erinnert sich Böll heute. Später zeigte er es Freunden vor Ort. Gemeinsam beschloss man: „Man müsste doch dafür sorgen, dass das Haus nicht vor die Hunde geht.“
1994 hatte Böll „noch ein bisschen Geld aus einem Bausparvertrag übrig“ und kaufte das Nachbargebäude von der Stadt und stellte die Räume des „Haus Teho“ dem Beeskower Kunstkreis zur Verfügung. Noch heute kleben an den Wohnzimmerwänden bunte Farbspritzer früherer „Fantasiewerkstätten“ mit Kindern und Jugendlichen. „Das ist die Geschichte des Hauses, das mache ich nicht weg“, erklärt er.
25 Jahre lebte hier die Beeskower Kunstszene, bis sich der Kreis 2019 aus Altersgründen auflöste. Aktuell plant Böll eine Ausstellung über 30 Jahre Kulturbund, Kunstkreis und Fantasiewerkstatt. Gleichzeitig aber beschäftigen ihn die nächsten Tagungen der Tessenow-Gesellschaft. „Ich bin eigentlich ein fauler Mensch, nicht strebsam“, sagt er dennoch. „Es sei denn, ich bin richtig begeistert.“
Begeistert ist er auch von der Marienkirche. Über den Förderverein Marienorgel ist er regelmäßig als Aufseher tätig. Und wenn Besucher sich das älteste Haus genauer anschauen wollen, kann er die Schlüssel holen und es zeigen. Er würde es gern wiederbelebt sehen. „Nach dem Prinzip der Kontraste müsste im ältesten Haus auch die Jugend der Stadt sein“, meint er.
Er kritisiert die schnelllebige Wegwerfgesellschaft heute. In seinem Beeskower Haus stehen viele alte Möbel. Auch welche, die Tessenow einst entwarf – ein Sessel, Stühle und ein Tisch. Die „Kirchenklause“ gegenüber bezeichnet er scherzhaft als „erweitertes Speisezimmer“. Während seine Frau und Familie in Berlin leben, hat er sich hier seinen Rückzugsort aufgebaut. Regelmäßig besuchen ihn Freunde und Verwandte aus aller Welt. Letztes Jahr war die ganze Tessenow-Gesellschaft in Beeskow und Eisenhüttenstadt.
Tessenow schrieb 1916: „Bei uns ist heute alles sehr lebendig und sehr kompliziert; je größer aber die Komplikationen sind, umso wichtiger sind die Verbindungen, damit das Ganze nicht zu einem Durcheinander werde.“ Sein Anhänger und Experte Theo Böll findet: „Man muss die Leute zusammenkommen lassen, denn auf die Haltung der Menschen untereinander kommt es an.“
Vortrag: Am 30. September um 19 Uhr kommen Theodor Böll und die Slawistin Gabi Leupold in der Beeskower Marienkirche zusammen und sprechen dort zum Thema „Der Heilige Hieronymus und die Kunst des Übersetzens“.
Fünf Fragen an Theodor Böll
Was wünschen Sie sich seit Jahren?Ich bin wunschlos glücklich.
Möchten Sie noch einmal 17 sein?Alles hat seine Zeit, das ist in Ordnung so. Einmal ist genug gewesen.
Würden Sie nochmal wegziehen?Wenn familiäre Umstände das fordern würden, könnte ich mich auch problemlos an einem neuen Ort einleben.
Was hat Sie in Ihrer Entwicklung am meisten geprägt?Aus der katholischen Sozialisation heraus: "Der Mensch denkt, Gott lenkt." Aber auch mein Großvater hat mir einen netten Spruch mitgegeben: "Beklage nie den Morgen, der Müh’ und Arbeit gibt. Es ist so schön zu sorgen für Menschen, die man liebt."
Was würden Sie als erstes tun, wären Sie Bürgermeister?Das Wichtigste ist, alles zu tun, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu wahren. Das scheint schon ganz gut zu klappen in Beeskow. Regelmäßige Stadtspaziergänge mit den Bürgern könnte ich mir vorstellen.⇥plo