Krügersdorf
: Zahme Bisons in der Wildtierfarm Krügersdorf

Wie wird man Chef einer Bisonherde? Berufsjäger Sebastian Lerch jedenfalls hat sich auf eine ausgeschriebene Stelle als Verwalter der Wildtierfarm in Krügersdorf beworben.
Von
Monika Rassek
Krügersdorf
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Kaum zu glauben, dass Bisons ein Hindernis von zwei Metern Höhe überspringen können. Von Sebastian Lerch, dem Verwalter der Wildtierfarm in Krügersdorf, lassen sie sich mit geschnetzelten Rüben verwöhnen.

Jörn Tornow/MOZ

Sonnenstrahlen bringen die mit Raureif überzogenen Weiden zum Glitzern. Ein Mann wirft Rübenschnitzel über den elektrisch gesicherten Weidezaun und lockt: „Kommt, kommt, kommt.“ Die Bisons stehen am anderen Ende der Weide. Gucken. „Das sind Wildtiere und damit sehr misstrauisch“, erklärt Sebastian Lerch, der sich als Verwalter um die Wildtierfarm in Krügersdorf, das Wohlergehen der Tiere und auch sonst alles kümmert.

Erst als schon eine Menge Rübenschnitzel am Boden liegen, setzt sich die 21–jährige Leitkuh in Bewegung, gemächlich folgt die Herde. Je näher die Tiere kommen, desto mehr Ehrfurcht erwächst beim Betrachter. Automatisch kommen Erinnerungen an alte Western auf, in denen riesige Bisonherden durch die Prärie donnern und die Erde bebt. In Krügersdorf bebt nichts, gesittet kommen die Tiere an den Zaun.

Wie kommt man zu einer Bisonherde? „Es handelt sich tatsächlich um eine ausgeschriebene Stelle und ich war neugierig“, erinnert sich Sebastian Lerch, der damals als selbstständiger Berufsjäger gearbeitet hat. Über einen Freund habe er sich über den Bisonpark erkundigt und einfach mal angerufen. „Der Eigentümer, Rajk Burbach, hat mich zum Gespräch eingeladen und mir die Stelle angeboten“, so der 36–Jährige. Nach einer kurzen Bedenkzeit nahm Lerch das Angebot an — nicht zuletzt wegen der Argumente seiner Frau Katarina für ein Angestelltenverhältnis, welches mehr Sicherheit biete.

Inzwischen fressen Lerch die Bisons aus der Hand, selbst der Zuchtbulle, der eine Tonne auf die Waage bringt. Genüsslich fährt er sich mit der langen Zunge ums Maul, während aus den Windfängen Dampfwolken entweichen.

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„Ein Gespür für Tiere gehört zu den Voraussetzungen für diesen Beruf“, so Lerch. „Man darf keine Angst haben, sollte ihnen aber Respekt zollen. Und man muss spüren, wann es Zeit ist, die Koppel zu verlassen“, erklärt der gebürtige Nordhesse, der jetzt seit zwölf Jahren im Landkreis Oder Spree lebt. Natur und Tiere begeistern den großen, schlanken Mann bereits seit seiner Kindheit. Mit zwölf Jahren besaß er seinen ersten Jagdhund, einen Kleinen Münsterländer, den er jagdlich ausbildete. Im Alter von 16 Jahren machte Lerch den Jugendjagdschein. „Meine Eltern wollten dann, dass ich erstmal einen ‚ordentlichen‘ Beruf erlerne. Also absolvierte ich eine Ausbildung zum Elektrotechniker“, erzählt der passionierte Jäger mit einem Schmunzeln. Nach Beendigung der Ausbildung habe er jedoch die Lehre zum Berufsjäger hinterhergeschoben. Von 80 Bewerbern wurden zehn genommen, Sebastian Lerch war dabei.

Er lernte im Eigenjagdbetrieb der Walter Rauh Lebensmittelwerke GmbH, den Herstellern der Deli Reform–Magarine in Trier: Hochstandbau, Anlegen von Äsungsflächen, Wildbestandsregulierung, Betriebsverwaltung.

Mehr als Abenteuer

Kenntnisse, die ihm jetzt zugutekommen. „Mein Beruf sieht für Außenstehende oft wie ein einziges Abenteuer aus, doch man darf nicht vergessen, dass es sich um einen Betrieb handelt, der sich wirtschaftlich tragen muss“, so Lerch. Dazu gehöre auch, das Fleisch zu vermarkten: „Wir sind ein zertifizierter Bio–Betrieb, mit dem Ziel zehn bis 15 Bisons im Jahr zu schlachten“, erklärt der Verwalter. Und das sei nicht immer leicht: „Ich sehe die Kälber schließlich aufwachsen.“ Positiv sei jedoch, dass sie „drei Jahre lang ein schönes Leben führen“. Auch entfällt der Transport zum Schlachthaus. „Die Tiere werden vor Ort stressfrei geschossen.“

Seine berufliche Tätigkeit wirkt sich bis in den Privatbereich aus. „Wir haben unsere Ernährung umgestellt, essen nur noch Wild, von Hackfleisch bis Schnitzel“, so Lerch. „Da weiß ich, was auf dem Teller liegt.“

In den nächsten Jahren gibt es noch viel für den Geschäftsmann zu tun: „Infrastruktur muss her, wir benötigen Brunnen und eine Stromversorgung vor Ort.“ Ein Wildtier–Vergnügungspark wie früher werde jedoch nicht angestrebt. „Für soziale Projekte wie den Besuch von Kitagruppen oder Behindertenwerkstätten halten wir die Tore jedoch weiterhin geöffnet.“