Landwirtschaft: Hanf soll Zukunft der Bauern in Oder-Spree sichern

Hanfnüsse auf einem Hanffeld: Die Agrargenossenschaft Hedersleben baut Hanf zu Forschungszwecken an. Getestet wird, welche Produkte daraus produziert werden können.
Matthias BeinDie Bauern sollten zunächst Nutzhanf anbauen, der beispielsweise für den Tesla-Karosseriebau interessant sein könnte. Dann Hanf als medizinisches Produkt und in ein paar Jahren, wenn sich die Gesetzeslage geändert habe, auch Hanf als Rauschmittel, warb er.
Unabhängig davon, wie ernst man Mühlbergs Aussagen nimmt, sie waren eine der wenigen neuen konkreten Alternativen für die Landwirte, die sich auf einen Wandel ihrer Branche einstellen müssen. Das hatte zuvor Prof. Klaus Müller vom Müncheberger Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) klargemacht. Aus drei Gründen hätten deutsche Bauern mit Massengütern auf dem Weltmarkt keine Chance. Die Löhne seien höher als in anderen Ländern, das Land sei teurer und auch die behördlichen Auflagen im Natur- und Pflanzenschutz. In Brandenburg kämen weitere Probleme hinzu. Die geringen Bodenwerte, Landfraß für Siedlungs- und Infrastrukturflächen und die auslaufende EEG-Förderung bei Biogasanlagen. Die könnten dann oft nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden, Maisanbau für Biogas sei daher ein Auslaufmodell.
Müller sagte den Bauern deutlich, dass sie vor einem Paradigmenwechsel stehen. Er empfahl, diesen schnell vorzunehmen. Seine These als Volkswirt: Je langsamer die Umwandlung vorangetrieben wird, desto weniger Geld werde die EU den Landwirten dafür zur Verfügung stellen. Zwar ist die Gesamtsumme der EU-Mittel für die Landwirte in den vergangenen Jahren relativ konstant geblieben, aber bezogen auf den gesamten EU-Haushalt sank der Anteil für die Bauern von 47 Prozent in den 1990er-Jahren auf mittlerweile weniger als 30 Prozent.
Was Müller den Landwirten in Ostdeutschland voraussagte, ist ein zweiter großer Wandel seit der Wende. Das wurde auch an den Zahlen deutlich, die Landwirtschaftsamtsleiter Gerd Piefel für den Kreis beisteuerte. Hat die Landwirtschaft im Jahr 1989 noch 14 Arbeitsplätze pro 100 Hektar Nutzfläche garantiert, seien es heute bei reiner Pflanzenproduktion gerade noch 1,6. Die Milchviehhaltung sei drastisch zurückgegangen. Standen vor 30 Jahren gut 31 000 Milchkühe in den Ställen, sind es jetzt noch 12 000. Allein in diesem Jahr hätten zwei Betriebe die Milchproduktion aufgegeben. Noch dramatischer sei es in der Schweinemast. 13 000 Tiere stehen aktuell in den Oder-Spree-Ställen, zur Wendezeit waren es fast 170 000. Prof. Müller zeigte ein weiteres Dilemma der Landwirte auf. Ihre Arbeit mache mittlerweile weniger als ein Prozent der Wertschöpfung in Deutschland aus, weniger als der Tourismus. Dazu kämen Imageprobleme der Branche in der Bevölkerung.
Produkte nach Kundenwunsch
Was also tun? Müller schlägt zielgruppenspezifische Produkte vor. Ein Beispiel sei die Nachtmilch. Bayrische Landwirte melken ihre Kühe zur Schlafenszeit, dann soll die Milch besonders viel des Schlafhormons Melatonin enthalten. Bis zu 90 Cent pro Liter Milch können sie damit einnehmen, das dreifache des üblichen Preises. Eine kombinierte Landnutzung, beispielsweise Gemüseanbau unter Photovoltaikanlagen, sei eine Idee, die regionale Vermarktung der Erzeugnisse besonders wichtig.
Beifall von Kommunalpolitikern und Landwirten gab es deshalb für den Vorschlag aus der Runde, Catering-Aufträge für öffentliche Einrichtungen nur an Küchen zu vergeben, die bei den hiesigen Landwirten einkaufen. Der Landkreis will zudem eine Regionalmarke schaffen, um Produkte aus Oder-Spree bekannter zu machen. Einfach wird das alles nicht. Wenn man nicht in der Direktvermarktung drin wäre, würde man jetzt nicht damit beginnen, sagte Frank Groß für die Agrargenossenschaft Ranzig.
