Leichtathletik: Hagen Pohle um das Abspielen der Hymne betrogen

10. Juli 2013 in Tampere, U-23-EM im 20 Kilometer Gehen: Hagen Pohle mit Piotr Bogatyrev und Alexander Iwanov an der Spitze des Feldes. Die beiden Russen wurden später des Dopings überführt, der Beeskower bekam jetzt den Titel zugesprochen.
Philipp PohleSeit Anfang des Monats bestreitet Hagen Pohle gemeinsam mit den anderen deutschen Auswahl-Gehern ein Höhentrainingslager in Toluca, rund 60 Kilometer westlich von Mexico City. Die Übungseinheiten in rund 3000 Metern über der Meereshöhe dienen der Vorbereitung auf den erhofften WM-Start im Herbst in Doha.
In der mexikanischen Bundeshauptstadt erfuhr der Beeskower Leichtathlet auch von seinem nachträglichen Titelgewinn bei den Europameisterschaften der U 23 im 20 Kilometer Gehen 2013 in Tampere. Erst war der Russe Piotr Bogatyrev, jetzt dessen Landsmann Alexander Iwanov des Dopings überführt und disqualifiziert worden.
Der 10. Juli 2013 in Finnland war Pohles letzter Auftritt bei einer internationalen Nachwuchsmeisterschaft. Eine Medaille war das erkärte Ziel. Der Geher vom SC Potsdam übernahm früh die Spitze, später schlossen Bogatyrev und Iwanov zu ihm auf, irgendwann konnte der Beeskower dem Tempo der beiden Russen nicht mehr folgen. Mit einer für ihn mäßigen Zeit von 1:25:04 Stunden rettete er aber Bronze.
„Das Fazit damals lautete, dass die Russen in einer ganz anderen Liga gehen. Jetzt kenne ich die Ursache dafür: Es war von Beginn an ein Kampf mit un-gleichen Mitteln“, sagt Pohle. Und ist aus mehreren Gründen arg enttäuscht, wenn nicht gar wütend. Zum Einen wurde er um das Abspielen der deutschen Nationalhymne bei der Siegerehrung betrogen – ein Erlebnis, ein Gefühl, dass ihm auch mit der nachträglichen Anerkennung des EM-Titels unwiederbringbar verloren gegangen ist.
„Zum anderen wären vielleicht viele Dinge anders gelaufen“, mutmaßt Pohle. „Der Wettkampf selbst – mit der Goldmedaille vor Augen wäre ich in der zweiten Rennhälfte womöglich nicht so eingebrochen –, oder auch spätere Preis- und Sponsorengelder. Sogar ein Start bei den Weltmeisterschaften der Elite in Moskau wäre mit einer Wildcard möglich gewesen, war ich in jenem Jahr doch Deutscher 20-km-Meister, Jahresschnellster und anscheinend Europas besterU-23-Geher.“ Besonders dieser verpassten WM-Chance trauert der 27-Jährige nach: „Klar fühle ich mich da betrogen.“
Wie aber tritt Hagen Pohle heute den Dopingsündern von damals gegenüber? „Wer bei einem Wettkampf am Start steht, hat dafür nach den Regularien auch die Legitimation, ist also auch ein normaler Gegner“, sagt der Beeskower recht nüchtern. „Allerdings kann ich nicht verschweigen, dass gerade bei Sportlern aus Russland eine Portion Skepsis dabei ist. Letztlich muss man aber jeden Athleten gleich sehen. Wenn man darüber nachdenkt, dass jemand gedopt sein könnte, macht man sich selber kaputt und ruft nicht sein volles Leistungsvermögen ab, hat immer eine Ausrede parat.“ Pohle spricht sich unabhänig davon „klar und deutlich für lebenslange Sperren von Dopingsündern aus. Sie haben den Sport bereits betrogen und wer einmal lügt ...“
Zumal über die Langzeitwirkung des Dopings wenig bekannt ist. „Schließlich ist man nicht durch die Einnahme eines Stoffes urplötzlich gut, sondern viel eher dadurch, dass man weniger ermüdet, schneller regeneriert, so deutlich mehr und intensiver trainieren kann. Und davon profitiert man eben auch nach einer Sperre noch langfristig. Nur ein ernsthafter Anti-Doping-Kampf unter gleichen Bedingungen in allen Ländern kann für faire Wettkämpfe sorgen“, lautet das leidenschaftliche Plädoyer des Beeskower Gehers.