Am Anfang stehen Willkommensgrüße und Neugier. Und die „Fragen eines lesenden Arbeiters“, ein Gedicht von Bertolt Brecht, geschrieben 1935 im Exil in Dänemark, erstmals 1936 in der Zeitschrift „Das Wort“ in Moskau veröffentlicht. Der Text fragt nach den Menschen, den Handelnden, die nicht immer in der großen Geschichtsschreibung auftauchen. „Wer baute das siebentorige Theben?“ heißt es, weiter wird nach Maurern, Köchen, Einwohnern und Kämpfenden gefragt. Nach den Leuten hinter – und hierarchisch gesehen unter – den großen Namen der Historie. „‚So viele Berichte. So viele Fragen.‘ Wir haben das Stück früher in der Schule gelernt, die Älteren kennen es alle“, sagt die Historikern Kristina Geisler.
Für die jüngere Generation ist es wohl eher eine Neuentdeckung – ein Fundstück mit ganz aktuellen Fragen, die auch den Kern des neuen Museums Oder Spree bilden. Die Regionalausstellung geht nicht chronologisch nach Zahlen und Ereignissen vor. Sie ist thematisch aufgebaut. In ihrem Zentrum stehen Menschen – jene Menschen, die das Leben in Oder-Spree prägen.

Von Vorratsgefäß von vor rund 5500 Jahren bis zur Siruppresse von 1945

Die (noch) unsichtbare Schau im neuen Museum Oder Spree

Burg Beeskow Die (noch) unsichtbare Schau im neuen Museum Oder Spree

Wer das Museum in den Galerieräumen der Burg Beeskow betritt, wird von einer grauen Wand begrüßt. Mit diesem „Brett vorm Kopf“ ist noch nichts von der Schau zu erkennen. „Diese Unsicherheit und Irritationen sollen neugierig machen“, erklärt Geisler. Rechter Hand dann führt ein Netz aus Piktogrammen – wie auf einem Flughafen oder Bahnhof – vorbei und ein in das Konzept der Ausstellung: Ausgehend von der Gegenwart hält es Ausschau nach Entwicklungen aus der Vergangenheit und Perspektiven für die Zukunft. An den Wänden führen kurze Infotexte, Videos, Objekte und vor allem Karten durch die Dauerausstellung des Regionalmuseums. Siruppresse aus altem Gasmaskenbehälter von 1945 trifft hier auf Silbermünzschatz aus dem 15. Jahrhundert und riesiges Vorratsgefäß aus gebranntem Ton aus dem Mittelneolithikum vor rund 5500 Jahren aus Kohlsdorf.

„Wer soll was und wie viel besitzen?“

In der Mitte der vier Räume befinden sich insgesamt zehn Themeninseln – mit ihrem knalligen Gelb nicht zu übersehen –, die das Jahresthema vorstellen: 2020 bis 2021 ist das „haben und brauchen“. „Was ist nötig, um die eigene Existenz zu sichern?“, ist eine der hier erforschten Fragen, und: „Wer soll was und wie viel besitzen?“ Die erste Insel führt zur „Tafel“ in Beeskow. Zum Anfassen und buchstäblichem Begreifen aufgestellt ist die Fotografie mit Anna Hörning, einer Stammkundin, von Andreas Batke. Auf ihrer Rückseite wird erklärt: inwiefern die nötige „Berechtigungskarte“ ein „Armutszeugnis“ ist; wie die Arbeit der „Tafel“ funktioniert und entstand. Daneben sind zwei „Tafelkörbe“ aufgebaut – einer aus Beeskow aus der Vor-Corona-Zeit, einer aus Eisenhüttenstadt im Pandemie-Modus (vorgepackt zum Abholen). Obst, Brot, Milchprodukte und Süßes, kein Fleisch – alles aus täuschend echt wirkendem Plastik. Sogar das Gewicht ist imitiert. Die Donuts und Berliner verleiten geradezu zum Anbeißen. „Ein solcher Korb ist für eine Person für ein bis zwei Wochen gepackt“, erklärt Geisler. Reicht das? Und wenn ja, für welchen Konsumstil? Das große Fragen kehrt zurück – besonders beim Blick auf die beigefügten Essensmarken von 1940 – Faksimiles von geliehenen Originalen von dem Beeskower Bernd Trabandt.

Farbenfrohes Palimpsestieren

Raum zwei beherrschen Kunst und Farben: „Barock und Bushaltestelle“. Mit kleiner Verspätung gesellte sich im Dezember das monumentale Gemälde „Brandenburger Land“ von dem Frankfurter Künstler ATAK, mit bürgerlichem Namen Georg Barber, dazu. In der bunten Landschaft mit EKO, Graureiher, Birken, Blumen, Wasser, Windrad sind hunderte weitere Details zu entdecken. Manches besser von der Ferne. Vieles besser ganz nah: Dann erkennt man auch, dass diese künstlerische Karte ein buntes Puzzle alter Karten übertüncht – unter der Farbschicht entdecken wir Wien und Königgrätz (heute Hradec Králové in Tschechien) und allerlei andere ferne Orte – wie ein altertümliches Palimpsest, wieder beschriebene Manuskripte.
Wer genau hinsieht findet im Raum die Themeninsel mit den Wachsengelchen, gut geschützt in starken Glasglocken. Hier erzählt Familie Stünzner-Karbe aus Sieversdorf ihre Geschichte von Enteignung und Rückkehr. Nebenan zeigt eine Original-Liste die Ausbreitung der Landwirtschaftlichen Produktionsbetriebe (LPG) im Kreis. Und natürlich – auch eine Karte darf nicht fehlen: hier von Herzberg bei Lindenberg.

Orientierung in Zeit und Raum

Das Motiv der Karte zieht sich weiter durch die Schau: Selbst in Walter Womackas „Bodenreform“ (1972) ist in der Ecke ein Stück Karte zu sehen. Und erst recht im dritten Raum übernehmen Karten die Führung. Die eine Hälfte des Saals schmückt eine Naturraumkarte vom Berliner Rand bis in die polnischen Nachbarregion Lubuskie. Wasserstraßen führen durch grüne Waldareale. Weiße Flächen stehen für wirtschaftliche Nutzung. Die grauen Örtchen liegen weit auseinander. Mit Magneten können Ortsnahmen und wichtige Stellen markiert werden: das leckerste Eis, die längsten Staus, besuchenswerte Museen, Kirchen, Burgen, Häuser.
Und nun eine Drehung um 180 Grad – da hängen historische Karten des Kreises Oder-Spree und seiner Vorgänger. Finden wir den Ort der Eisdiele wieder? Wie formten politische Gebilde die Region? Woran orientiert sich das Leben hier – und was prägt die Identität der Menschen zwischen Eisenhüttenstadt und Schöneiche? Vielleicht die Aktion „Ufer frei“, die als Vertreter des Jahresthemas eine Insel bestellt?

Gar nicht trockene Zahlen

Geradezu mehr Antworten, als wir zu Beginn Fragen hatten, liefert der vierte und letzte Raum des Museums im Untergeschoss. Neben der paritätisch besetzten Ecke „Töchter und Söhne“ der Region – von Ludwig Leichhardt bis Tamara Bunke – umschließen zwei weite Wände mit Dutzenden Statistiken und weiteren Biografien (die alle übrigens wie die Themen-Insel-Personen auch im aktuellen Kursbuch Oder-Spree mit demselben Titel „haben und brauchen“ zu finden sind) den alten Kamin. Einerseits: „Im Jahr 2019 sind 13.806 Personen in den Landkreis gezogen, 12.532 Personen haben ihn verlassen.“ Andererseits: „1361 Menschen wurden im Jahr 2019 geboren, 2454 Menschen sind gestorben.“ Und mit Hinblick auf Widerstände in der Gegenwart ein historischer Vergleich: „23.272 Flüchtlinge lebten 1946 im Kreis Storkow-Beeskow. Das waren 45,7 Prozent der Bevölkerung.“
Nach kurzer Lese- und Hörpause auf dem Sofa führen die vom Start bekannten Piktogramme ins Obergeschoss. Der Raum unterm Dach wird nicht nur museumspädagogischer Arbeit mit Schülern gewidmet sein. Er soll auch für Veranstaltungen wie Quizze und als Co-working-Raum genutzt werden können. Außerdem zeigt er noch eine Auswahl des Bestands des früheren „Heimatmuseums“: eine Albino-Amsel zum Beispiel. Und viele „Dinge mit Loch“.

Letzte Frage: Wann öffnen wir?

Und in der benachbarten Vitrine wird der Blick weiter in die Region geworfen: Hier können sich in wechselnd kleinere Ortsmuseen und Heimatstuben des neuen Museumsnetzwerks vorstellen. Dessen Arbeit hatte Corona in diesem Jahr ausgebremst, darum beginnt Eisenhüttenstadt.
Und… und… und… Die aufgezählten Objekte sind längst nicht alle Gezeigten der neuen Ausstellung. Obwohl es auch insgesamt an der Zahl nicht viele sind, sind es Gegenstände mit Charakter, eigener Geschichte, mit thematischen Verweisen. Beeskow als Kreisstadt, Beeskow als Startpunkt zu Ausflügen der Region, Beeskow als Basislager für Forschungs- und Entdeckungstouren – bis dahin bleibt jedoch zusätzlich zu den Brecht’schen Fragen nach den Menschen noch eine weitere: Wann endet Corona, wann eröffnet das neue Museum Oder-Spree?