Andere haben es noch nie in die Schlagzeilen geschafft und sind dennoch wichtig und interessant. Und alle haben etwas zu erzählen. Das Oder-Spree-Journal stellt in einer Serie Gesichter aus Oder-Spree vor. Heute: Jörg Kühne. Der 80-Jährige geht in aller Stille einem in unserer Region seltenen Handwerk nach: Er ist Geigenbauer.
Das ganze Leben von Jörg Kühne wird durch die Liebe zur Musik und zum Holz geprägt. Die Musik hatte sich der in Bad Frankenhausen in Thüringen Aufgewachsene als Solobratschist in großen Orchestern unter Weltklasse-Dirigenten einerseits zum Beruf gemacht, andererseits angeheiratet. Ehefrau Elisabeth Balmas ist Geigerin und hat auf der Burg Storkow die Leitung der beliebten Konzertreihe klassischer Musik übernommen, welche durch den Cellisten Hans-Joachim Scheitzbach aufgebaut worden war. Mit ihm zusammen hatte sie viele Auftritte in der Region absolviert.
Üben für die Hausmusik
In der Liebe zum Holz verbindet Jörg Kühne beides, Handwerk und Musik, indem er in seiner rustikalen Wohnscheune am Waldesrand nahe des Storkower Sees Geigen und Bratschen baut.
Der Vater, ein Ingenieur, bestand darauf, dass jeder seiner vier Söhne ein Instrument lernt, damit in der Familie Hausmusik gemacht werden konnte. "Musik war für ihn alles, und ich war immer zweimal in der Woche dabei. Wenn andere Jungs am Sonnabend zum Tanz gingen, spielte ich im Quartett", erinnert sich Kühne noch heute gut.
Alle vier Brüder wurden Musiker. Jörg Kühne war zwölf Jahre alt, als die Familie nach Kleinmachnow bei Berlin zog. Nach dem Abitur an einer Musikspezialschule folgte das Studium an der Musikhochschule Berlin "Hanns Eisler". Zu einem Abschluss kam es allerdings nicht. Der Drang in die Welt war größer. 1965 unternahm Jörg Kühne einen Fluchtversuch über die Tschechoslowakei und wurde geschnappt. Die Folge waren vier Monate Gefängnis und Berlinverbot.
Als Solobratschist konnte er dennoch schon erst für ein Jahr in Jena und dann für drei Jahre in der Philharmonie Dresden unter Kurt Masur eine Anstellung finden. In den darauffolgenden zehn Jahren unter Walter Felsenstein an der Komischen Oper Berlin lernte er den Woltersdorfer Hans-Joachim Scheitzbach kennen, der dort Solocellist war, und spielte mit ihm im Quartett.
Wieder übermannte der Drang in die Welt den erfolgreichen Musiker, 1979 wurde seinem Ausreiseantrag stattgegeben. "Es waren die gleichen Noten und die gleichen Dirigenten, meist Russen", schildert Jörg Kühne die für seine Umstellung auf den Westen glücklichen Umstände. Auch in Köln war er wieder in einem traditionsreichen Klangkörper tätig, dem Gürzenich-Orchester. Hier begegnete er der Französin Elisabeth Balmas, die als Konzertmeisterin fungierte. In Köln begann er auch mit dem Geigenbau.
Als Elisabeth Balmas eine Stelle als Konzertmeisterin in der Pariser Philharmonie erhielt, ging der Ehemann mit, aber nun nicht mehr als Orchestermitglied, sondern schon als Geigenbauer. Das Paar lebte ländlich in der Normandie mit Ziegen, Hühnern, Hund und Katze, genau so, wie es zu der handwerklichen Tätigkeit mit Holz passte. Auch die Ehefrau wollte schließlich der strengen Orchesterdisziplin entrinnen und freiberuflich als Solistin arbeiten. So kam es 2010 zur Rückkehr nach Deutschland und damit zur Ansiedlung in Storkow.
Die Kunst des Klangbaus
An dem Geigenbau interessiert Jörg Kühne, "wie man einen vollen, konzentrierten Ton nach dem Vorbild der Stradivari-Geigen erreichen kann". Das bedeutet für ihn: "Versuch und Irrtum: Man muss das Instrument immer wieder aufmachen, eine neue Decke nehmen, die Stärken verändern – es dauert extrem lange, und das Geheimnis hat noch niemand gelüftet." Die erste, die das Instrument prüft, ist immer Ehefrau Elisabeth, die einige von ihnen in Gebrauch hat.
Zum Geigenbau kommt seit Frankreich auch die künstlerische Skulptur und seit vier Jahren der Holzschnitt. "Damit versuche ich auszudrücken, was auch die Musik kann, etwas, was einen von innen her bewegt", beschreibt Jörg Kühne seine Motivation. Einer seiner neuesten Holzschnitte heißt "Der Tod und das Mädchen", inspiriert durch das Streichquartett von Franz Schubert.

Sechs Fragen an den Geigenbauer Jörg Kühne


Wer hat Sie in Ihrer Entwicklung am meisten geprägt?

Die Eltern durch ihre Musikverbundenheit als Amateurmusiker.

Was würden Sie als Bürgermeister als erstes veranlassen?

Das von der Burg Storkow und Vereinen ausgehende kulturelle Leben, das schon reichhaltig ist, noch weiter zu unterstützen und noch vielfältiger zu gestalten.

Was wünschen Sie sich seit Jahren?

Ich bin sehr zufrieden mit allem in meinem Leben.

Möchten Sie noch einmal 17 sein?

Nein, auf keinen Fall.

Wovon träumen Sie?

Ich möchte, dass Frieden bleibt und wir friedlich weiter arbeiten können.

Was hält Sie in Ihrer Heimat? Würden Sie noch mal woanders hinziehen?

Die Sehnsucht nach der Weite ist gestillt. Das, was ich immer gesucht habe, ist eigentlich in mir selbst.