Rund 500 Kilometer sind es zwischen Kehrigk bei Storkow und Roding in Bayern. Jeden Freitag und jeden Sonntag fährt Tim Zschüttig diese Strecke. Der 23-Jährige bleibt seiner Heimat in Brandenburg treu, auch wenn sich sein Arbeitsplatz im Süden der Republik befindet. Am vergangenen Sonntagnachmittag machte er sich in Kehrigk wieder auf den Weg über die Autobahnen und setzte sich in seinen roten Ford Focus.
Diesmal aber kam er nie an in Roding. Unterwegs wurde er in einen Unfall verwickelt, der eigentlich vergleichsweise harmlos war, dann aber dramatische Folgen hatte. Tim Zschüttig wurde auf der Motorhaube eines fremden Autos über die Autobahn mitgeschleppt, rund vier Kilometer weit. Am Dienstag, zwei Tage nach dem Unfall, erreichen wir den jungen Mann aus Kehrigk telefonisch im Krankenhaus in Reichenbach im Vogtland.
Zuvor hat bild.de über das Geschehen berichtet. „Ich habe eine Prellung an der Hand, aber sonst geht es mir gut. Ich warte heute auf meine Entlassung“, sagt er. Doch von dem Unfall, oder besser gesagt von dem filmreifen Geschehen danach, hat er jede Menge zu erzählen.

Im Baustellenbereich wollte er überholen

Tim Zschüttig ist nach seiner Abfahrt in Kehrigk bereits mehrere Stunden unterwegs, als er auf der A72 in Sachsen in einen Baustellenbereich gelangt. Die Fahrspuren sind verengt, es gilt Tempo 80. „Vor mir fuhr ein etwas langsamerer Mazda, teilweise leicht mittig. Ich habe deshalb Lichthupe gegeben“, erzählt von den Momenten unmittelbar vor dem Unfall. Der Mazda sei dann wieder auf der rechten Spur gewesen, er selber habe mit ziemlich genau 80 km/h zum Überholen angesetzt.

Hohen Neuendorf

Als Zschüttig mit seinem Ford dann neben dem Mazda ist, gerät dieser wieder nach links – die Autos kollidieren. Zschüttigs Ford ist auf der rechten Seite zerbeult, aber sogar noch fahrbereit. Die sächsische Polizei spricht in einer Mitteilung am Montag von einem Sachschaden an beiden beteiligten Fahrzeugen von insgesamt 10.000 Euro.

Auf einmal landet er auf der Motorhaube

Das große Drama aber ereignet sich nach dem Unfall. Zunächst nutzen beide Autofahrer den Einfädelungsstreifen der Auffahrt Reichenbach und halten an, so wie es sein sollte. Dann aber setzt der Mann am Steuer des Mazda auf einmal den Blinker links und fährt wieder an. Tim Zschüttig stellt sich ihm in den Weg – und ehe er sich versieht, landet er auf der Motorhaube des anderen.
Seine Fahrt über die A72 in Richtung Bayern geht nun weiter – aber nicht in einem Auto, sondern auf einem Auto. Denn der Unfallfahrer macht keine Anstalten, wieder anzuhalten – im Gegenteil. „Er hat immer wieder abwechselnd beschleunigt und gebremst, um mich abzuschütteln“, so Zschüttig. Andere Autofahrer beobachten die Szenerie. „Wir wurden mit Handys fotografiert und gefilmt.“ Einige rufen offenbar auch die Polizei, so wie auch Zschüttig selber während seiner unfreiwilligen Fahrt an der frischen Luft.

Am Ende geht es durch Absperrbaken hindurch

Zunächst ist der Kehrigker aber weiter auf sich allein gestellt. „Irgendwann haben wir dann angehalten.“ Der Mann am Steuer verlässt dazu die Fahrbahn und lenkt zwischen Absperrbaken hindurch in den Baustellenbereich. „Vielleicht war das, weil er nichts mehr gesehen hat“, mutmaßt Tim Zschüttig zwei Tage später. Jedenfalls ist die Frontscheibe des Mazda zersprungen. „Das ist bereits passiert, als ich beim Losfahren auf die Motorhaube gestürzt bin.“

Nach dem Anhalten entsteht ein Gerangel

Das Abenteuer ist damit aber noch nicht vorbei. „Ich bin vom Fahrzeug runter, habe die Fahrertür aufgemacht und wollte ihm den Schlüssel entreißen.“ Doch so einfach ist das nicht. Der andere habe ihn angreifen wollen, erzählt Tim Zschüttig, das folgende Gerangel habe er aber für sich entschieden und seinen Kontrahenten schließlich überwältigt.
Das sei nicht besonders schwierig gewesen, so der junge Mann. „Der andere war betrunken. Das habe ich sofort gerochen und ihm auch angemerkt.“ Wenig später trifft die Polizei ein, nach Angaben von Zschüttig mit gleich drei Fahrzeugen. In ihrer Pressemitteilung schreibt die sächsische Polizei von einem Wert von 1,9 Promille, den ein Atemalkoholtest bei dem Mazda-Fahrer, einem 59 Jahre alten Mann aus Polen, ergeben habe.
„Im Fußraum seines Autos habe ich Schnapsflaschen erkennen können“, sagt Zschüttig. Vier Kilometer, heißt es im Polizeibericht, hat der Kehrigker auf der Autobahn auf der Motorhaube eines betrunkenen Fahrers zurückgelegt. „Mir kam es vor wie mindestens eine halbe Stunde. Aber man hat in so einer Situation auch kein Zeitgefühl.“

Am Ende geht es ins Krankenhaus

Auf Anraten einer Notärztin lässt er sich nach dem glücklichen Ende seiner Horror-Fahrt ins nächstgelegene Krankenhaus nach Reichenbach fahren. „Meine Prellung an der Hand ist nicht so schlimm. Aber ich hatte auch einen sehr hohen Blutdruck.“
Am Dienstagvormittag wartet Tim Zschüttig dort auf seine Entlassungspapiere. Dann geht es erst einmal nach Hause nach Kehrigk. „Ich bin im Krankenhaus immer wieder angesprochen worden, ich sei doch der Stuntman von der Autobahn“, erzählt er mit einem Schmunzeln. Auch viele Freunde und Bekannte hätten ihn kontaktiert, viele auch ihre Hochachtung gezeigt. „Aber stolz auf die Geschichte bin ich nicht. Wenn ich an der Stelle auf der Autobahn wieder vorbeikomme, werde ich sicherlich noch öfters daran denken.“
Gleich am nächsten Wochenende dürfte es wieder so weit sein, wenn Tim Zschüttig wieder zwischen Kehrigk und Roding, zwischen Brandenburg und Bayern, unterwegs ist. „Dieses ständige Pendeln ist auch Stress“, sagt er. Das sei ihm bereits vor dem Unfall vom Sonntag bewusst gewesen.