"Sie gaben noch Interviews, als ich gerade einmal ein Jahr alt war", erzählt Seeland, die als erste Nachfahrin diesen Teil der Familiengeschichte nachrecherchierte. Sie fand gewissenhafte Aufzeichnungen ihrer Vorfahren, erhielt von Professoren Informationen. "Aber meine Oma und meine Eltern wissen gar nichts davon, sie haben das alles nicht gelesen", sagt Seeland und staunt noch immer darüber.
Wühlen im Persönlichen
Urenkelin Melanie Seeland ist mittlerweile Schauspielerin. Sie gründete in Strausberg die Wasserwerk Kulturstätte und 2017 gemeinsam mit Ines Burdow die Andere Welt Bühne. Der dicke rote Ordner ist heute nur ein Bestandteil der Materialsammlung der zwei Bühnen-Leiterinnen für ihr nächstes Recherchestück "Die Suche nach dem geglückten Unvergessen". Seit April sammeln sie: ihre eigenen Familiengeschichten sowie die des engagierten Regisseurs Paul Spittler, der für das Stück aus Wien in seine Heimatstadt Strausberg zurückkommen wird. Sie studieren die Biografie von Ines Geipel über Inge Müller, der Ostberliner Lyrikerin, Dramatikerin und Heiner-Müller-Ehefrau Inge Müller, die 1966 mit 41 Jahren ihrem Leben selbst ein Ende setzte, aber auch "Opa war kein Nazi", eine Untersuchung zu Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis von Harald Welzer, Sabine Moller und Karoline Tschuggnall. Dazu aber suchen sie nun Briefe, Feldpost, Tagebucheinträge und direkte Erzählungen von Zeitzeugen selbst, aber auch ihren Kindern und Enkeln. Und von allen Seiten: Dokumente von Personen aus der Täterschaft, von einfachen Mitläufern, Opfern, Widerstandskämpfern und vielen mehr.
Viele Beiträge kämen von Menschen, die am Kriegsende Kinder waren und bis heute mit einem kindlichen Blick auf die damalige Zeit blickten. "Wir sammeln das Material, ohne zu bewerten", ergänzt Seeland. Erst später, im Prozess des Zusammenführens, würde eingeordnet, reflektiert, ver- und bearbeitet. "Es wird eine diskussive Auseinandersetzung mit dem Material sein", sagt Ines Burdow. "Diese Recherchestücke sind ja eine Sparte von uns, an der wir jedes Jahr arbeiten." Im vergangenen Jahr ging es in "Horror Vacui?" um den Mauerfall 1990.
Nun gehen sie weiter zurück. "Uns interessiert auch das Schweigen in Familien, das Verdrängen und die Auswahl der erinnerten Momente", betont Burdow. Denn Kriegserfahrungen beträfen nicht nur die Kriegsgeneration selbst. Die Frage ist: "Was hat die Geschichte mit der Elterngeneration und mit uns gemacht?"
Ursprünglich waren dazu Workshops und direkte Gespräche geplant. Wegen der Corona-Pandemie wurde umdisponiert: auf E-Mail und Post, nach Voranmeldung und unter Wahrung der vorgegebenen Hygienemaßnahmen sind aber auch persönliche Treffen möglich. Aktuell auch auf der Burg Beeskow, wo sich Seeland und Burdow noch bis Sonntag auf Arbeitsklausur befinden. "Die Burg Beeskow ist als Kooperationspartner für das Projekt Aufführungs- und Residenzort", betont Burgdirektor Arnold Bischinger erfreut.
Die Idee zu "Unvergessen" entstand auch anlässlich des Brandenburger Themenjahrs "Krieg und Frieden" sowie des 75. Jahrestages des Ende des Zweiten Weltkrieges. Aber es soll darüber hinausgehen, ist insgesamt auf drei Jahre angelegt. 2021 soll ein Teil zum Kalten Krieg folgen, 2022 dann zu Kunst, die aus Kriegserfahrungen heraus entstand.
Burdows Familiengeschichte wird wohl auch ins Stück einfließen: Ihr Großvater war "einfacher Schlosser", aber doch in der Wehrmacht und führte ein detailliertes Tagebuch "mit klaren Reflexionen". Am Ende werde zwar nicht alles im Stück selbst vorkommen. Vieles könnte aber in musealer Form zusätzlich präsentiert werden. Aber das ist alles noch Zukunftsmusik: Bis Juni dauert noch die Materialarbeit. Spätestens im Herbst soll das Stück auf die Bühne kommen.
Und über ihre Bücher gebeugt, betont Burdow noch: "Das ist ja ein hochaktuelles Thema. Auch heute gibt es überall Kriege und Menschen, die vor Krieg flüchten, kommen zu uns."

Kontakt zurAndere Welt Bühne


Melanie Seeland und Ines Burdow sind noch bis Sonntag, 10. Mai, auf der Burg Beeskow und freuen sich über gebrachtes oder zugesandtes Material. Zwischen 12 und 15 Uhr oder nach individueller Vereinbarung sind sie im Mittelatelier ansprechbar. Außerdem erreichbar unter: Telefon 01577 3516871, E-Mail: wasserwerk@anderewelt.org oder auch per Post an: Die Andere Welt Bühne, Garzauer Straße 20, 15344 Strausberg. plo