700 Jahre Melchow
: Zeitreise durch die Geschichte – über Bäcker von 1920 und DDR-Polizisten

Dorfgeschichte kann aufregend wie ein runder Geburtstag sein. Menschen feiern zusammen und selbst die Gäste spüren den guten Geist, der in Melchow die Gemeinschaft verbindet.
Von
Hans Still
Melchow
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Ein Foto vom Gesellschaftsverein - Der Alte Fritz, alias Dietmar Mittner, hält die lebenslustigen Frauen mit seinem Handy fest.

Ein Foto vom Geselligkeitsverein in Melchow - Der Alte Fritz, alias Dietmar Mittner, hält die lebenslustigen Frauen mit seinem Handy fest.

Hans Still

Dass der Alte Fritz ein Handy besaß, dürfte neu sein. Und trotzdem schießt der honorige Preußenkönig mitten in Melchow ein Foto vom Geselligkeitsverein, der ab 1920 das Leben im Ort bereicherte. Vier muntere Frauen tanzen vor dem blaublütigen Friedrich II., alias Dietmar Mittner, etwas wild und lasterhaft auf dem bunt dekorierten Wagen. Auch sie gehören, wie alle Darsteller an diesem Sonnabendnachmittag (7. September), zum Festumzug im 700 Jahre alten Melchow.

Die glühende Sonne treibt die Menschen entlang der Eberswalder Straße in den Schatten. Kühle Getränke sind gefragt wie der Diesel in Lanz Bulldog von Andreas Walter. Der extra aus Bruchmühle bei Strausberg angereiste Traktorenfreund hat seinen Oldtimer aus dem Jahr 1954 inzwischen zweimal komplett aufgebaut.

Honorige Persönlichkeiten in edler Robe: Die Bürgermeister Ronald Kühn und André Stahl sowie Landrat Daniel Kurth (v. li.).

Honorige Persönlichkeiten in edler Robe: Die Bürgermeister Ronald Kühn (li.) und André Stahl (re.) sowie Landrat Daniel Kurth.

Hans Still

Ein nobles Trio stellt die Ratsherren von damals dar

Perfekt lackiert, wirkt der Lanz wie ladenneu. Interessant auch die drei noblen Herren im Anhänger des Ackerschleppers. Melchows Bürgermeister Ronald Kühn trägt ebenso wie der Bernauer Amtskollege André Stahl und Landrat Daniel Kurth eine prachtvolle Robe. Das Trio stellt ganz vorn im Festumzug die Ratsherren dar, die sich 1324 in Melchow trafen. Auch in dieser Zeit dokumentierte die Politik durch Bekenntnisse Haltung, damals ging es um die Verbundenheit zu Frankfurt Oder.

Hübsch anzusehen: Die Tanzmädels des Melchower Carnevalclubs (MCC) sorgen beim Umzug für Stimmung.

Die Tanzmädels des Melchower Carnevalclubs (MCC) sorgen beim Umzug für Stimmung.

Hans Still

Der Festumzug markiert am Sonnabend den Start in einen Nachmittag, der in der Melchower Dorfchronik ein eigenes Kapitel bekommen wird. Hunderte Zuschauer winken den gut einhundert Darstellern im Zug zu. Sie begrüßen Bekannte, freuen sich über zugeworfene Bonbons, das eine oder andere kalte Bier und über Eis aus der Kühltruhe. Kein Zweifel, mit aller Freude und Freundlichkeit widmet sich die gesamte Dorfgemeinschaft diesem Jubiläum. Der Abend wurde folglich lang und erlebnisreich.

Aufschwung in Melchow: Ab 1930 siedelten sich Bäcker und eine Tankstelle an, auch Gaststätten gehörten dazu.

Aufschwung in Melchow: Ab 1930 siedelten sich Bäcker und eine Tankstelle an, auch Gaststätten gehörten dazu.

Hans Still

Beispielsweise für Marko Schmidt (43), der ein Jahr lang als Cheforganisator agierte und sämtliche Fäden in seiner Hand hielt. "Er bekommt nachher die Ehrenmedaille des Amtes Biesenthal-Barnim verliehen. Damit würdigen wir sein Engagement in der Gemeinde und seinen gesamten Einsatz beim Karneval, in der Feuerwehr und hier beim Jubiläum", verrät Bürgermeister Kühn schon vor der festlichen Ehrung.

Backtradition seit 1920 - Der Melchower Bäcker Robby Haupt zeigt die Fotos seiner Vorfahren.

Backtradition seit 1920 - Der Melchower Bäcker Robby Haupt zeigt auf dem Festplatz die Fotos seiner Vorfahren und verkauft natürlich Kaffee und Kuchen.

Hans Still

Nach dem Umzug herrscht auf dem Festplatz sofort Andrang an den Ständen. Der Bierwagen wird logischerweise dicht umlagert, bei über 30 Grad im Schatten trocknen die Kehlen gehörig aus. Großer Andrang auch am Stand von Bäcker Robby Haupt. In vierter Tradition backt der dreifache Vater Brötchen, Brot und Kuchen und gehört damit unweigerlich zu den ältesten Mitgliedern der Melchower Dorffamilie. Historische Fotos der Gründer aus dem Jahr 1920 erzählen am Stand davon, aber auch eine Frau aus Biesenthal. Ihre Vorfahren trugen als Buben Brot und Brötchen im Dorf aus.

Vorsicht Stempel - ein Volkspolizist der DDR behält beim Umzug die Bürger im Blick.

Vorsicht Stempel - ein Volkspolizist der DDR behält beim Umzug die Bürger im Blick.

Hans Still

Bei den Zuschauern kommt der Nachmittag ausnahmslos gut an. "Die Abstände zwischen den Bildern waren eventuell etwas groß, aber insgesamt war das sehr gelungen", urteilt ein Bernauer, der seinen Namen nicht sagen möchte, weil er Bediensteter der Stadtverwaltung ist. Ein jüngeres Paar ist da gesprächsbereiter. "Wir haben im RBB-Wetterbericht den Vorbericht zum Jubiläum gesehen, das hat uns neugierig gemacht. Ein wunderschönes Fest", sagen Ulrike und Martin Specht, die aus Panketal angereist sind. Umstehende nicken dazu und pflichten dem jungen Paar bei.

Voll besetzte Tribüne - Andreas Hoffmann, Carsten Bruch, André Nedlin und Roman Wieloch (vorn, von li.) gehören zu den Zuschauern des Festumzuges.

Eng besetzte Tribüne - Andreas Hoffmann, Carsten Bruch, André Nedlin und Roman Wieloch (vorn, von li.) gehören zu den Zuschauern des Festumzuges.

Hans Still