Bahnverkehr
: Ein Blick in den Führerstand

Die Niederbarnimer Eisenbahn lädt zum Tag der offenen Tür. Ein Werkstatt-Besuch begeisterte vor allem die Kinder.
Von
Renate Meliß
Basdorf
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Interessanter Arbeitsplatz: Caroline, Ben und ihr Vater ließen sich den Führerstand eines Triebwagens erklären.

Renate Meliß

Das habe Papa auch im Auto,  weist Ben auf den Tacho vor sich. Doch er sitzt nicht im Auto, sondern im Führerstand der NEB, der Baureihe VT 632. Gemeinsam mit Papa und Schwester Caroline ist er zum Tag der offenen Tore auf das Gelände der Niederbarnimer-Eisenbahn (NEB) gekommen.

„Bahnfahren ist auch ein Hobby von mir“, so der Vater, der selbst eine TT-Bahn hat und mit dem Aufbau von mehreren Platten seiner Eisenbahnanlage eines großartigen Hobbys frönt. „Das sind etwa zehn Quadratmeter auf dem Dach unseres Hauses.“ Das Hobby hat den Familienvater so gepackt, dass er sogar plant, eine AG in der Basdorfer Grundschule zu gründen.  Da ist so ein Tag zwischen Eisenbahnen von heute und einst natürlich ein absolutes Muss. Wenn man als gewöhnlicher Fahrgast den Zug betritt, um seine Strecke von A nach B zurückzulegen, ist es schon spannend, mal direkt den Führerstand begutachten zu können. Die drei Monitore im Führerstand zeigen die Bahnsteigüberwachung, einen Tacho sowie verschiedene technische Überwachungen des Zuges selbst. „Dieser hier  ist seit 2016 im Einsatz auf der Strecke von Berlin-Ostkreuz bis Küstrin Kiez (RB 26) und schafft es auf den Gleisen bis zu 140 Kilometer die Stunde“, erklärt Werkstatt-Mitarbeiter Frank Galle.

100 Meter Diesellok fahren

Wer von den Kids richtig Mut hatte, der konnte sogar seinen Kinder-Lokführerschein machen. Justin Tietze ist Azubi bei der NEB und weist die Kleinen in die Reihenfolge ein. „Zuerst müsst ihr einen kleinen Theorie-Kurs machen, im Anschluss könnt ihr euch aussuchen, ob ihr auf die Draisine wollt oder in die Diesellok.“ Eine lange Schlange hat sich bereits gebildet, das will sich keiner entgehen lassen, die Diesellok knapp 100 Meter selbst zu lenken. Natürlich unter fachkundiger Anleitung des Lok-Führers.

Die Waschanlage für die Züge in der Halle ist eine Spezialanfertigung für Triebfahrzeuge bis zu 50 Metern Länge. „Cool!“, ruft Paul Feigner aus Oranienburg aus, der mit Mama über den Platz schlenderte und eine Frage nach der anderen stellte. 14 000 Liter fasst der in sich geschlossene Kreislauf der Anlage.

Nur Minuten liegen heutzutage zwischen Einsteigen und Ankommen bei einer Fahrt mit der NEB. Doch bis dahin war es ein langer Weg. Noch um 1700 mussten die Bauern aus der Schorfheide und dem Barnim einen ganzen Tag für eine Reise nach Berlin einplanen.

Erst  die Wandlitzer Poststation reduzierte die Reisezeit ab 1800 auf drei Stunden für eine Fahrt. Die allerdings sehr teuer war. 2,20 Mark musste man zahlen – bei einem Tageslohn von 50 Pfennig. Erst 1898 beantragte der Kreis Niederbarnim die Genehmigung zum Bau und Betrieb einer „y-förmigen Streckenführung“ zur schnelleren Anbindung an die Hauptstadt Berlin. Die Reinickendorf-Liebenwalder-Groß-­Schönebecker-Eisenbahn-Aktiengesellschaft wurde gegründet. Am 21. Mai 1901 fuhr mit viel Dampf und Musik der erste Personenzug ab dem extra errichteten Bahnhof Reinickendorf-Rosenthal die 41 Kilometer Strecke (später Berlin-Wilhelmsruh) bis Groß Schönebeck, und ab Basdorf bis Liebenwalde knapp 19 Kilometer. Liebevoll wurde der Zug später im Volksmund „Heidekrautbahn“ genannt. Ab 1927 nannte sich die Bahn Niederbarnimer Eisenbahn-Aktiengesellschaft. Der Zweite Weltkrieg legte dann alles lahm. Erst 1945 wurde der Zugverkehr wieder aufgenommen. Die NEB-Bahn wurde nicht enteignet, doch mit dem Mauerbau 1961 ließ die DDR die Gleise stilllegen.

Grenzenlos ist die NEB seit 2006 mit der Oderlandbahn wieder unterwegs. Mit der Übernahme des Netzes Ostbrandenburg verbindet die NEB nun mit elf Linien mehrere Kreise mit Berlin. Ziel ist es nun, die alte Stammstrecke bis Berlin-Wilhelmsruh wieder anzubinden.