Blick in die Geschichte
: Arbeiten, bescheiden leben, Gottvertrauen finden

Historiker Jam Cantow sprach in Wandlitz über Pastor Friedrich von Bodelschwingh und sein Werk in Lobetal
Von
Angela Kowalick
Wandlitz
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Vater einer großen Idee: Pastor Friedrich von Bodelschwingh im Porträt

promo HA Lobetal

Wenn es draußen dunkel und ungemütlich ist, dann kann man es sich drinnen bei Kaffee und Kuchen gemütlich machen und Geschichten über Land und Leute hören. Dieser Grundidee folgt die Vortragsreihe „Blicke übers Land“, die jeweils einen Sonntagnachmittag pro Wintermonat mit einem interessanten Vortrag über lokale oder regionale Geschichte bereichert. 25 Zuhörer hatten sich am Sonntag im Wandlitzer „Goldenen Löwen“ zusammengefunden und lauschten in angenehmer Sonntagsstimmung dem Vortrag von Jan Cantow über „Lobetal und Pastor Bodelschwingh“. Als Archivar der Hoffnungstaler Stiftung in Lobetal beschäftigt sich Cantow seit gut 25 Jahren mit der Geschichte des Ortes.

Zunächst ordnete Cantow den Gründer Lobetals als Person seiner Zeit ein: Friedrich von Bodelschwingh wurde 1831 in eine westpfälische Adelsfamilie hineingeboren, war Spielgefährte des späteren Kaisers Friedrich III., er war geprägt vom Kaiserreich und in seiner Haltung eher konservativ. Nach einer Ausbildung zum Landwirt wurde er als Gutsverwalter in Hinterpommern erstmals mit der Not der landlosen Bevölkerung konfrontiert. Von Bodelschwingh wollte den Menschen helfen, zur Mission gehen, studierte Theologie und wurde Pastor. In seinen Gemeinden traf er immer wieder auf Armut. Ab 1872 leitete von Bodelschwingh die Bielefelder „Evangelische Heil– und Pflegeanstalt für Epilepsiekranke“, die er 1874 in „Bethel“ — hebräisch für „Haus Gottes“ — umnannte. Bald darauf weitete er seine Missionsarbeit auf die „Brüder von der Landstraße aus“ und gründete für sie Arbeiterkolonien.

Der Wunsch zu helfen brachte von Bodelschwingh auch zur Politik. Ab 1904 war er als Parteiloser im Preußischen Landtag aktiv, er versuchte in Berlin den vielen Armen zu helfen.

Historiker Cantow beschrieb am Sonntag die damaligen Zustände in Berlin eindrucksvoll anhand von historischen Fotos. Mit dem fiktiven Landarbeiter „Karl Lange“, der auf den Fotos immer wieder erkennbar war, konnten die Zuhörer dem Werdegang eines Mannes vom Landarbeiter zum Obdachtlosen und schließlich zum Kolonisten in Lobetal folgen.

Bodelschwingh wollte keine große Revolution anschieben, sondern versuchte eine Rückkehr zum Altbewährten. Als er die überfüllten Asyle sah, gründete er 1905 den „Verein Hoffnungstal für die Obdachlosen von Berlin“, pachtete einen verlassenen Hof in Rüdnitz und holte die ersten Männer in den Barnim. Sie sollten in Lobetal Arbeit finden, für sich selbst anbauen, Wohnstätten schaffen, bescheiden leben und zum Gottesvertrauen zurück finden. Jan Cantow zeigte dazu eindrucksvolle Archivbilder.

Aus dieser Anfangsidee von 1905 entwickelte sich nach dem Tod Bodelschwinghs 1910 in den letzten mehr als 100 Jahren ein großes Netzwerk an Wohlfahrtseinrichtungen im Barnim und in Berlin. Seit 2011 unter dem Namen „Hoffnungstaler Stiftung“ arbeiten hier junge, erwachsene und alte Menschen, Kranke wie Gesunde miteinander und füreinander.

Dem Historiker Cantow gelang es, einen aufschlussreichen, interessanten Vortrag zu halten, der das Publikum mitnahm. Die anschaulichen Fotografien halfen, sich in die Zeit hineinzudenken. Im anschließenden Gespräch mit dem Publikum konnte Cantow noch vieles vertiefen.