Corona-Pandemie: „Wir sind keine Helden“, sagt der Leiter des Covid-Zentrums Barnim

Dr. Georg Fritz
Immanuel Klinikum BernauHerr Dr. Fritz, wie ist zurzeit die Lage im Bernauer Krankenhaus?
Im Bereich der Intensivmedizin ist es ruhig. Wir betreuen zwei mit Covid-19 infizierte Patienten. Einer dieser beiden Patienten, der hochbetagt ist, wird aufgrund einer schweren Herzerkrankung künstlich beatmet. Auf der Überwachungsstation liegen mit Stand von heute 15 Patienten, davon sind fünf positiv auf Covid-19 getestet worden. Die Testergebnisse bei den anderen zehn Patienten stehen noch aus.
Vor drei Wochen, als der neue Ergänzungsbau und damit das Covid-19-Zentrum in Betrieb genommen wurden, befürchteten Sie eine weit stärkere Infizierungsrate. Sind Sie erleichtert, das es nicht so gekommen ist?
Natürlich. Wir sind sehr froh, dass wir hier nicht in der Situation sind wie unsere Kollegen in der Lombardei oder im chinesischen Wuhan. Das liegt daran, dass es in Deutschland gelungen ist, die Neuinfektionsrate zu verlangsamen.
Also greifen die Maßnahmen zur Eindämmung der Ansteckungsgefahr?
Ja. Aus meiner Sicht hat die Politik schnell reagiert und die Maßnahmen in der richtigen Reihenfolge ergriffen. Wir haben in der Bundesrepublik ein hervorragend funktionierendes öffentliches Gesundheitswesen und dreimal so viele Beatmungsplätze wie beispielsweise England. Doch auch unser Gesundheitssystem wäre überfordert gewesen, wenn es nicht gelungen wäre, die Neuinfektionsrate zu verlangsamen. So haben wir im Gegensatz zu Italien, Spanien, Frankreich oder England Zeit gewonnen, um uns auf die Pandemie vorzubereiten.
Kommen wir zurück auf den Barnim. Wenn man sich den Lagebericht vom 8. April ansieht, dann fällt auf, dass es Kommunen wie die Gemeinde Schorfheide oder das Amt Britz-Chorin-Oderberg gibt, in denen die Zahl der Infizierten mit je fünf Fällen äußerst gering ist. Im Amt Joachimsthal gibt es gar keinen Covid-19-Fall. Wie erklären Sie sich das?
In ländlichen Regionen gilt das Gesetz der kleinen Zahlen: weniger Menschen, geringes Infektionsrisiko. Da, wo viel Bewegung ist, da, wo Menschen zusammen kommen, ist auch das Infektionsrisiko größer. Das gilt vor allem für Metropolregionen. Und die Stadt Bernau gehört nun mal zur Metropolregion Berlin. Aber auch auf dem Land können die Ansteckungszahlen exponentiell steigen und aus einem Infizierten schnell viele werden. Deshalb ist es auch dort sehr wichtig, dass die Menschen sich an die Maßnahmen zur Eindämmung halten.
Anfangs schien auch unter den Mitarbeitern des Immanuel Klinikums die Unsicherheit im Umgang mit Covid-19 groß. Wie ist die Situation jetzt?
Ja, es gab eine große Unsicherheit – unter uns allen, den Ärzten und dem Pflegepersonal. Aber die hat sich gelegt. Vor ein paar Tagen hat ein Pfleger mir etwas ganz Bemerkenswertes gesagt: „Wir brauchen keinen Applaus. Wir sind keine Helden. Wir tun das, was wir gelernt haben und wofür wir berufen sind!“ Ich glaube, das trifft die Stimmung in unserem Hause sehr gut. Aus meiner Sicht ist die Unsicherheit auch gewichen, weil wir von drei Dingen profitiert haben: Erstens hatten wir Zeit, uns vorzubereiten. Zweitens konnten wir, wie schon gesagt, von den Erfahrungen unserer Kollegen in anderen Ländern profitieren. Und drittens ist unser Krankenhaus gut vernetzt – regional und lokal. Wir haben beispielsweise ein exzellentes Labor in Hennigsdorf. Testergebnisse erhalten wir innerhalb von 24 Stunden, teilweise sogar noch eher. Und durch die „Adler-Apotheke“ in Bernau werden wir bestens mit Medikamenten versorgt. Da brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Darüber hinaus sind wir Teil des Intensivmedizin-Netzwerkes Berlin-Brandenburg, indem wir uns regelmäßig mit anderen Kliniken fachlich austauschen und die neuesten Erkenntnisse besprechen. Und nicht zuletzt gibt es eine sehr gute Zusammenarbeit mit und innerhalb des Landkreises. Der Landrat fragt beispielsweise immer nach, ob wir genügend Schutzmasken und -kleidung haben. Auch mit der GLG Eberswalde stehen wir ständig im Kontakt.
Wenn Sie heute, am Gründonnerstag, um eine Prognose zur Entwicklung der Pandemie im Barnim gebeten würden, wie sehe die aus?
Ich bin deutlich optimistischer als noch vor drei oder vier Wochen. Und wenn sich die Menschen weiter an die Empfehlungen halten, direkte soziale Kontakte vermeiden, möglichst zuhause bleiben, dann wird es uns gelingen, die Neuinfektionsrate weiter zu verlangsamen.
