DDR-Geschichte
: Opfer von Zwangsadoption fordern Aufklärung

In der DDR wurden tausende Kinder unrechtmäßig von ihren Eltern getrennt und zur Adoption freigegeben.
Von
Amy Walker
Bernau
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Zwei Mütter, die noch immer ihre Kinder vermissen: Sabine Zapf und Dolores Schumann (v.l.) erzählen im Paulus-Praetorius-Gymnasium in Bernau wie ihre Kinder in der DDR verschwunden sind.

Sergej Scheibe

Nach 34 Jahren konnte Sabine Zapf ihre jüngste Tochter das erste Mal wiedersehen. Davor verging jahrzehntelanges Suchen nach den beiden Töchtern, die ihr die DDR unrechtmäßig weggenommen hat. „Die Beziehung zu meiner ältesten Tochter ist komplett kaputt. Sie glaubt diese Geschichte nicht“, erzählt Sabine Zapf. Das, was die Adoptiveltern über sie glauben, beruht auf Unwahrheiten in ihrer Stasi-Akte. „Wenn ich wirklich diese Dinge gemacht hätte, müsste ich heute noch im Gefängnis sitzen.“

Verschleppte Kinder

Sabine Zapf erzählt ihre Geschichte bei einer Veranstaltung der Frauen Union Barnim zum Thema Zwangsadoption und ungeklärter Säuglingstod in der DDR. Sie und ihr Ehemann werden beim Fluchtversuch verhaftet, sie erleiden Schläge und Demütigung. Sabine Zapf erfährt im Gefängnis, dass sie schwanger ist. „Mich fragte eine Stasi-Beamtin gleich, ob ich es behalten will. Als ich gesagt habe ja, selbstverständlich, sagte sie zu mir: Das werden wir ja noch sehen.“

Nach ihrer Verurteilung - drei Jahre auf Bewährung - darf sie ihre Tochter erst noch behalten. 1983 bekommt sie ihre zweite Tochter. 1985 kommt plötzlich das Jugendamt und nimmt ihre älteste Tochter mit. Zu der Zeit ist ihre jüngste Tochter im Krankenhaus. Sabine Zapf wird unter Druck gesetzt, ihre Töchter zur Adoption freizugeben. Jahre später erfährt sie aus ihren Akten, dass die Kinder schon vor der erzwungenen Unterschrift neuen Familien zugeteilt waren.

Sabine Zapf ist kein Einzelfall. Auch nach drei Jahrzehnten hat ihr Schmerz nicht nachgelassen: Sie ist bei der Erzählung ihrer Geschichte den Tränen nahe, einmal muss sie den Saal verlassen. Frank Schumann, Sprecher der Interessengemeinschaft Gestohlene Kinder der DDR fragt: „Wo bleibt die Aufarbeitung, wo die psychologische Betreuung für diese Menschen?“ Seine Ehefrau, Dolores Schumann, ist ebenfalls Opfer: Sie liest aus ihrem Buch, worin sie schildert, wie zuerst ihre Tochter Julia mit vier Jahren gestorben ist, und später ihr Sohn Philipp mit vier Tagen im Krankenhaus plötzlich starb. Doch darf Dolores Schumann nie die Leichen ihrer angeblich toten Kinder sehen, im später exhumierten Grab von Julia befinden sich Gegenstände, die dort nichts zu suchen haben. Nun wartet sie auf das Ergebnis einer DNA-Untersuchung der Knochen. „Ich will Antworten. Ich höre nicht auf, bis ich sie habe“, sagt sie.

Verschleppte Aufklärung

Warum gibt es also noch keine Antworten? Warum erfährt Sabine Zapf erst im Jahr 2018, dass sie ein doppeltes Opfer ist: Auch sie selbst ist zwangsadoptiert worden. Frank Schumann erklärt, dass die Aufklärung unter anderem daran scheitert, dass es zwar im Gesetz verankert ist, dass Adoptivkinder sich über ihre Herkunft informieren können - aber leibliche Eltern dürfen nicht nach ihren Kindern suchen. „Es gibt außerdem keine staatliche Aufklärungsorganisation, wir als Interessengemeinschaft müssen diese Arbeit ehrenamtlich machen. Dabei hat der Staat die Pflicht aufzuklären - nicht die Opfer“, so Frank Schumann. Dann sind Archivierungsgesetze zunehmend eine Hürde, Krankenhäuser bewahren in der Regel Unterlagen nicht länger als 30 Jahre auf. Im Hinblick auf den 30. Jahrestag des Mauerfalls ist das ein Problem. Schließlich bedauern die Opfer die Tatsache, dass die Verbrechen der DDR jetzt verjährt sind. „Es darf doch nicht alles verjährt sein. Ein bisschen Gerechtigkeit steht uns doch zu“, so Sabine Zapf.

Die Interessengemeinschaft macht aber Fortschritte: Ihre Petition wurde im Bundestag bereits debattiert, jetzt geht es darum, ihre Forderungen aufzunehmen und umzusetzen. Sie fordern die Aufbewahrung aller relevanten DDR Unterlagen für mindestens 100 Jahre, die Einrichtung einer staatlichen Clearingstelle sowie umfangreiche Betreuungsangebote für Opfer. Und sie verlangen eine Gesetzesänderung: Jedes Adoptivkind soll bis zum 16. Lebensjahr über seinen Adoptivstatus informiert werden, und das Kind und seine biologischen Eltern sollen per Antrag eine Adoption auflösen können. Union, SPD und Grüne haben sich nach Angaben von Frank Schumann bisher für die volle Umsetzung ausgesprochen.

„Ich bin am Anfang davon ausgegangen, dass in der Bundesrepublik das Unrecht gekippt wird. Heute muss ich sagen, ich habe mich geirrt“, sagt Andreas Laake, Vorsitzender der Interessengruppe und ebenfalls Opfer. „Auch nach der Wiedervereinigung hatten wir keinerlei Rechte, unsere Kinder zu sehen.“ Es hat 29 Jahre gedauert, bis er seinen Sohn fand. Sein Kampf hörte damit aber nicht auf. „Wir reden hier von tausenden Adoptionen“, sagt er. Nach 30 Jahren Wiedervereinigung muss die Regierung aufholen: Diese Menschen suchen immer noch. Und je länger die Aufklärung andauert, desto mehr Opfer nehmen ihr Leid mit ins Grab.