deutsch-deutsche Geschichte
: Erinnerungen eines ehemaligen Grenzbeamten der DDR

Detlef Weber war 17 JahrePasskontrolleur an der Bornholmer Straße. Nun reflektiert er über die Wende und das System.
Von
MOZ
Barnim
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Ein Mann mit vielen Erfahrungen und Erinnerungen: Detlef Weber war gerne Passkontrolleur in der DDR an der Bornholmer Straße, er denkt mit Freude an die Zeit zurück. Dennoch sah er die Ideologie des Staates kritisch.

Sergej Scheibe

Detlef Weber lebt heute als Rentner im Barnim mit seiner Lebensgefährtin, die er erst nach der Wende kennengelernt hat. „Meine erste Ehe ist Opfer der Wende geworden“, erzählt er. Mehr sagt er dazu nicht - nur dass seine Ex-Frau im Zentralkomitee angestellt war. Mit Freude erzählt er aber von seiner Arbeit an der Bornholmer Straße.

„Ich war wirklich gerne Passkontrolleur. So wie das in der Öffentlichkeit dargestellt wurde, so war das nicht. Es gab Ostpropaganda und Westpropaganda. Beides war Mist“, so Weber. Als Grenzbeamter an der Bornholmer Straße hat Weber viele Menschen kennenlernen dürfen. „Es gab die Stammkunden, also Familien, die man regelmäßig gesehen hat. Ich habe zugesehen, wie Kinder groß geworden sind, Menschen älter wurden.“ Dann gab es noch die Diplomaten, die Politiker, die Künstler. „Mit denen habe ich immer gerne gesprochen. Über Politik natürlich! Dafür habe ich von meinem Chef aber auch die eine oder andere Backpfeife kassiert. Der war nämlich ein knallharter Stalinist.“

Der Druck des 9. November

In der Nacht des 9. November 1989 war Detlef Weber auch im Dienst. Er kam abends für seine Schicht und verbrachte 24 Stunden an dem Grenzübergang. „Ich habe sowieso nie verstanden, warum man in der DDR die Leute nicht hat gehen lassen“, sagt Weber. Die Entscheidung, die Mauer zu öffnen, wurde von Oberstleutnant Jäger getroffen. „Nach den Worten von Schabowski fingen die Menschen an, sich an der Grenze zu treffen. Anfänglich waren es um die 100, als ich in den Dienst kam. Und dann irgendwann waren es Zehntausende. Der Druck wurde dann so hoch, dass Oberstleutnant Jäger zu uns gesagt hat: Was sollen wir denn jetzt machen? Es gab keine Entscheidungen von oben mehr. Die gesamte DDR-Führung war untergetaucht. Da fielen seine berühmten Worte: Wir fluten jetzt.“ Danach hatten die Kontrolleure an der Brücke andere Sorgen: „Die Massen auf der Brücke wurden mir irgendwann unangenehm. Da hätten Unfälle passieren können, Menschen hätten von der Brücke stürzen können. Aber das haben wir dann mit der Westberliner Polizei gut koordiniert.“ Das schönste Erlebnis in dieser Nacht war für ihn, dass er endlich mit seinen Kollegen von der Westberliner Polizei sprechen durfte. „Wir sind uns in die Arme gefallen. Wir kannten uns ja schon ein halbes Leben, aber durften kaum Kontakt haben. Klar hatten wir einander mal zugezwinkert, wenn keiner zugesehen hat – aber am 9. November konnten wir uns endlich mal richtig grüßen. Es war Freude. Wirklich Freude.“

Nichts zu meckern

Detlef Weber ist scheinbar in allen Dingen ein Realist. Er blickt sowohl auf den Westen als auf den Osten mit kritischem Blick zurück. „Ich habe das Glück, dass ich in der DDR meine Jugend verbringen durfte und in der BRD meine Rente“, sagt er. Er findet, dass er eine sehr gute Bildung im Osten genossen hat, wenn sie auch ideologisch geprägt war. Nach der Wende hat er sich schnell nach einem neuen Job umgesehen, er befürchtete schon, dass viele arbeitslos werden würden. Er wird bald fündig: Im Sicherheitsdienst. Er trauert der DDR nicht hinterher – er bedauert aber den hohen Konsumdruck im kapitalistischen Westen.

Irgendwann erfuhr Weber, dass er bespitzelt wurde. Obwohl er selbst Angestellter beim MfS war. „Das war es auch, was mich letzten Endes aus der Linie gebracht hat. Ich habe durch einen dummen Zufall erfahren, dass mich ein guter Kumpel bespitzelt.“ Er stand der DDR-Ideologie schon vorher skeptisch gegenüber, das gab ihm aber den Rest. Als sein Chef plötzlich Dinge über ihn wusste, die eigentlich nur eine Person wissen konnte. „Damit hatte sich das Ding erledigt. Ich habe dann elegant die Verbindung zu diesem Freund abgebrochen.“ Erst nach der Wende konfrontierte er seinen einstigen Freund. „Als ich ihn wiedergetroffen habe, habe ich es ihm ins Gesicht gesagt.“ Trotz des Wissens, dass er bespitzelt wurde, hat Weber noch nie in seine Stasi-Akte reingeschaut. Als ehemaliger Mitarbeiter müsste er eine Gebühr in Höhe von 80 Euro aufbringen, um die Akten einzusehen. „Aber eigentlich will ich es tun. Ich weiß auch nicht, warum ich es noch nicht gemacht habe. Ja, ich will es jetzt doch in Angriff nehmen“, überlegt er.

Den Umbruch der Wendezeit hat Detlef Weber vergleichsweise gut weggesteckt. Er lernte seine Lebensgefährtin kennen, mit der er nun fast 30 Jahre zusammen ist. „Wir sind glücklich. Ich habe nichts zu meckern. Was will man auch mehr?“