Freitod in Bernau
: Leben in Dunkelheit und Stille – warum Marc Kirch seinen Suizid plant

Der 51-jährige Marc Kirch aus Bernau ist schwerst an ME/CFS erkrankt und plant seinen begleiteten Freitod. Sein Fall wirft Fragen über den Umgang mit Erkrankten und die Anerkennung ihrer Leiden auf.
Von
Britta Gallrein
Bernau
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Ein Leben in Dunkelheit und Stille. Ein an ME/CFS erkrankter Mann schützt sich vor Außenreizen, um seine Erkrankung nicht zu verschlechtern (Symbolfoto).

Ein Leben in Dunkelheit und Stille. Ein an ME/CFS erkrankter Mann schützt sich mit Augen- und Ohrenschutz vor Außenreizen (Symbolfoto). Der 51-jährige Marc Kirch auch Bernau leidet unter dieser Krankheit und will aus dem Leben gehen.

Lea Aring / Deutsche Gesellschaft für ME/CFS
  • Marc Kirch (51) aus Bernau, schwer an ME/CFS erkrankt, plant seinen begleiteten Freitod.
  • ME/CFS ist eine chronische Multisystemerkrankung mit schwerer körperlicher und kognitiver Beeinträchtigung.
  • Kirch lebt seit Jahren isoliert in Dunkelheit und Stille, da Sinnesreize seinen Zustand verschlechtern.
  • Er möchte auf die Krankheit aufmerksam machen und fordert mehr Forschung und Anerkennung.
  • Sein Freitod ist für 2025 geplant, begleitet durch die Deutsche Gesellschaft für humanes Sterben (DGHS).

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Marc Kirch will sterben. Dabei ist der 51-Jährige keineswegs lebensmüde. Im Gegenteil. Der intelligente Mann mit dem trockenen Humor würde gerne leben. Aber nicht so wie jetzt. Er leidet unter der Erkrankung ME/CFS, einer chronischen Multisystemerkrankung. Sie macht sein Leben zur Hölle. Jeden Tag.

Marc Kirch liegt auf dem Bett in einem Pflegeheim in Bernau, seit zwei Jahren ist er bettlägerig. Der Raum ist stockdunkel und kühl. Dazu – Stille. Immer Stille. Liegen im Dunklen, die Gedanken kreisen. Unterbrochen wird die Eintönigkeit nur durch kurze Mahlzeiten, ab und an durch ein kurzes, geflüstertes Telefongespräch mit dem Freund aus Kindertagen. Dann wieder: Stille und Dunkelheit. Minute für Minute, Stunden für Stunde, Tag für Tag.

Marc Kirch aus Bernau: wie gefangen in einem dunklen Verlies

Ob es außerhalb seines Zimmers 35 Grad Celsius sind oder ob der Winter die Stadt fest im Griff hat – Marc Kirch bekommt von alledem nichts mit. Ein Fenster kann er wegen der Geräusche und des Lichts nicht öffnen. Er liegt allein, meist schlafend, abgeschottet von der Außenwelt. Gefangen in seinem Körper, der ihm nicht mehr recht gehorchen will. Verdammt dazu, immer wieder den gleichen, tristen Tagesablauf zu durchleben. Wie gefangen in einem dunklen Verlies. Wie lebendig begraben. „Wenn ein gesunder Mensch das zwei Tage erleben würde, würde der durchdrehen“, ist der 51-Jährige überzeugt. Es klingt nüchtern, nicht nach Selbstmitleid.

Marc Kirch hat schon früh mit körperlichen Problemen zu kämpfen. In der vierten Klasse kommt er mit dem Lernstoff nicht hinterher. Er leidet nach einer Sauerstoffunterversorgung während der Geburt unter „Infantiler Cerebralparese“, einer fortschreitenden Schädigung des Gehirns, die zu Problemen in der Motorik führt. Mit acht Jahren wird er am Auge operiert, verliert einen großen Teil seiner Sehkraft.

Wohngruppe und Werkstatt: die schönste Zeit seines Lebens

Er wechselt auf eine Sonderschule, macht dort seinen Hauptschulabschluss und eine Berufsvorbereitung. Sein großer Traum, Lokführer zu werden, scheitert an seiner schlechten Sehkraft. Ein herber Rückschlag für ihn.

Marc Kirch arbeitet in verschiedenen Betrieben im Lagerbereich. Er wechselt mit fortschreitenden Krankheitssymptomen in eine Behindertenwerkstatt, lebt in einer Wohngruppe. Es ist die schönste Zeit seines Lebens. Der junge Mann genießt den Kontakt mit den anderen Bewohnern, liebt seine Tätigkeit in der Werkstatt. „Ich würde alles dafür geben, dort wieder leben zu können“, sagt er.

ME/CFS – die Müdigkeit fällt Marc Kirch plötzlich an

Doch seine Krankheit macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Wieder einmal. Denn er lernt seinen neuen Feind kennen: die Müdigkeit. Immer wieder fällt sie ihn plötzlich an. Er fühlt sich schlapp und so unendlich müde, dass er sich hinlegen muss, nicht mehr weiterarbeiten kann. Am Ende schafft er es nicht einmal mehr, die erforderlichen zwei Stunden Mindestarbeitszeit in der Werkstatt zu absolvieren. Er muss die Arbeitsstätte und damit auch die Wohngruppe verlassen, kommt in ein Pflegeheim.

Die Müdigkeit schiebt er zunächst auf seine Vorerkrankung, doch die Symptome werden schlimmer. Nach zahlreichen Untersuchungen bekommt Marc Kirch vor acht Jahren endlich die Diagnose ME/CFS – Myalgische Enzephalomyelitis / das Chronische Fatigue Syndrom. Eine schwere neuroimmunologische Erkrankung, die oft zu einem hohen Grad körperlicher Behinderung führt.

Schon Zähneputzen wird Marc Kirch zu viel

Auf der einen Seite ist er erleichtert, dass nun endlich der Grund für seinen Zustand gefunden wurde, andererseits weiß er nun, was ihn erwartet – eine düstere Zukunft. ME/CFS-Betroffene leiden unter schwerer, körperlicher Schwäche, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, Muskelzuckungen, grippalen Symptomen und Verschlechterung des allgemeinen Zustandes. Dazu kommen kognitive Störungen wie Konzentrations-, Merk- und Wortstörungen.

Schon kleinste Aktivitäten wie Zähneputzen, Duschen, Kochen oder wenige Schritte Gehen werden zur Tortur und führen danach zu tagelanger Bettruhe.

Schwerste Form von ME/CFS: Gespräche nur im Flüsterton

Marc Kirch hat die Krankheit in ihrer schwersten Form erwischt. Schon kleinste Sinnesreize können seinen Zustand erheblich verschlechtern. Seit anderthalb Jahren verträgt er wie andere Schwerst-Betroffene kein Licht, keine Geräusche, keine Gerüche, keine hohen Temperaturen.

Marc Kirch ist schwerst an ME/CFS erkrankt. Wir veröffentlichen dieses Foto auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin. "Ich möchte, dass die Menschen sehen, wie wir ME/CFS-Erkrankten leben müssen", sagt er. Normalerweise ist sein Zimmer in komplette Dunkelheit gehüllt.

Der Bernauer Marc Kirch ist schwerst an ME/CFS erkrankt. Wir veröffentlichen dieses Foto auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin. „Ich möchte, dass die Menschen sehen, wie wir ME/CFS-Erkrankten leben müssen“, sagt er. Normalerweise ist sein Zimmer in komplette Dunkelheit gehüllt.

Britta Gallrein

Es bleibt ihm nur das Liegen in Stille und Dunkelheit. Brille und Gehörschutz behält er immer an, falls doch eine Pflegekraft überraschend sein Zimmer betritt. Unser Gespräch führen wir im Flüsterton. „In guten Momenten kann ich für etwa fünf Minuten ganz leise Radio hören.“ In sehr guten Momenten kann er kurz mit seinem Freund aus Kindertagen telefonieren. Mehr geht nicht.

Marc Kirch ist es wichtig, die Krankheit bekannter zu machen und um ihre Anerkennung als schwere körperliche Erkrankung zu kämpfen. „Selbst meine Familie und mein bester Freund sind der Meinung, dass es sich um eine psychische Erkrankung handelt. Das stimmt aber nicht“, sagt er. „Immer mehr junge Menschen erkranken. Wenn es mir auch nicht mehr hilft, will ich wenigstens für die nächste Generation erreichen, dass ihre Krankheit endlich Anerkennung findet, sich die medizinische Versorgung verbessert und endlich mehr in die Forschung investiert wird.“

Marc Kirch aus Bernau entschied sich für den Freitod

17 Millionen Menschen sind laut der Deutschen Gesellschaft für ME/CFS weltweit von der Krankheit betroffen. In Deutschland schätzungsweise 650.000. Damit ist ME/CFS relativ weit verbreitet. Dennoch sei die Erkrankung in der Öffentlichkeit und bei Ärzten nahezu unbekannt. ME/CFS gehöre zu den letzten großen Krankheiten, die kaum erforscht seien, heißt es auf der Internetseite.

Die genauen Mechanismen der Erkrankung sind bislang noch ungeklärt. Neuere Studien weisen auf eine mögliche Autoimmunerkrankung und eine schwere Störung des Energiestoffwechsels hin. Häufig beginnt ME/CFS nach einer Infektionskrankheit. Daher wird mit einer deutlichen Zunahme der Erkrankungen gerechnet.

Marc Kirch will in seinem Zustand nicht weiterleben. „Die Forschung steckt in den Kinderschuhen. Es ist nicht zu erwarten, dass in den nächsten 20 bis 30 Jahren entsprechende Medikamente entwickelt werden. Und so lange kann ich nicht mehr warten.“  Er wird sein Leben beenden. Marc Kirch entschied sich für den begleitenden Freitod.

Sterbewilliger muss den Tod eigenhändig ausführen

Möglich ist dieser Weg in Deutschland seit 2020. In dem Jahr hob das Bundesverfassungsgericht das Verbot der Suizidhilfe auf. Marc Kirch wurde vor zwei Jahren Mitglied in der „Deutschen Gesellschaft für humanes Sterben“ (DGHS). Sie vermittelt ihren Mitgliedern sogenannte „Suizidassistenten“.

„Unsere Mitglieder stellen einen schriftlichen Antrag, der von unseren Psychologen fachlich eingeschätzt wird“, erklärt Pressesprecherin Wega Wetzel. Voraussetzung ist unter anderem, dass der Antragsteller weiß, was er tut, nicht aus einem Affekt heraus handelt und mögliche Alternativen kennt. Außerdem muss der Wunsch nach Freitod dauerhaft, nicht von Dritten beeinflusst sein und die Person muss sich im Klaren darüber sein, dass sie den Freitod eigenhändig ausführen muss. „Würde der Arzt dem Patienten das Mittel spritzen, wäre das Tötung auf Verlangen, und das ist in Deutschland immer noch strafbar“, erklärt Wega Wetzel den Unterschied.

Arzt legt den Zugang mit Narkosemittel

Sind diese Kriterien erfüllt, vermittelt die DGHS zwei sogenannte Freitodbegleitungen. Ein Jurist führt das Erst-, ein Arzt das Zweitgespräch. „Darin wird noch einmal abgeklärt, ob der Antragsteller frei verantwortlich handelt und sich sicher ist in seiner Entscheidung“, erklärt Wega Wetzel. 623 vermittelte Freitodbegleitungen verzeichnet die DGHS 2024.

Zahlen rund um das begleitete Sterben

83 Prozent aller Deutschen glauben irrtümlich, dass Freitodbegleitung in Deutschland strafbar ist.
87 Prozent der Deutschen sind für eine aktive Sterbehilfe.
120 Freitodbegleitungen organisiert alle die DGHS im ersten Jahr der Freigabe, 2021. Seitdem ist die Zahl auf 623 Freitodbegleitungen im Jahr 2024 gestiegen.
24 Jahre alt war die jüngste Antragstellerin. Sie litt an ME/CFS.
10.500 Menschen begehen in Deutschland pro Jahr Suizid.
27,7 Prozent der Menschen wählen den Freitod aus Gründen der Multimorbidität, an Platz zwei der Gründe folgen Lebenssattheit (22,15 Prozent), danach Krebs (21,83 Prozent).
79 Jahre beträgt das Durchschnittsalter der Antragsteller.
62,28 Prozent der sind Frauen, 37,72 Prozent Männer
42 Prozent der Menschen, die sich für einen begleiteten Freitod entscheiden, haben einen Hochschulabschluss. Damit stellen sie die größte Gruppe nach Bildungsabschlüssen. Menschen mit Hauptschulabschluss entschieden sich nur zu 1,28 Prozent für das freiwillige begleitete Sterben.
Quellen: Forsa-Umfrage im Auftrag der DGHS / DGHS

Sein Erstgespräch hat Marc Kirch am 18. August 2025. Nach dem Zweitgespräch mit dem Arzt ist es dann soweit. Einen Termin für seinen Todestag hat er noch nicht. „Aber es wird bald sein.“

Wega Wetzel schildert, wie der Freitod vonstattengeht. „Der zuständige Arzt und der Jurist sind vor Ort und begleiten den Prozess als Zeugen. Der Arzt legt dem Sterbewilligen einen Zugang.“ Der Patient werde noch einmal gefragt, ob er den Schritt wirklich gehen will. Wer es sich im letzten Moment anders überlegt, könne das natürlich tun. „Aber das ist bislang erst einmal passiert“, sagt Wega Wetzel.

„Für mich wird der Tod eine Erlösung sein“

Dann müsse der Sterbewillige selbst das Rad aufdrehen, so dass das Narkosemittel in seinen Körper fließt. Es sei ein schneller Tod, erklärt Wega Wetzel. „Es ist vergleichbar mit einer Narkose vor einer Operation – die Menschen schlafen einfach ein. Das Ganze dauert nur wenige Minuten.“

Die Trauerrede, die auf seiner Beerdigung vorgelesen werden soll, hat Marc Kirch bereits verfasst. „Behaltet mich einfach in guter Erinnerung im Herzen“, heißt es dort zum Schluss.

Vor dem Tod fürchte er sich nicht, sagt der 51-Jährige. „Ein wenig Gedanken mache ich mir darum, was danach kommt“, sagt er. „Aber für mich wird der Tod eine Erlösung sein.“

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