Einschläfern oder therapieren? Was mit dem Rüden Rocky passieren sollte, darüber waren sich die zuständigen Stellen uneins. Ist der beeindruckende Rüde der Rasse Dogo Argentino wirklich eine Gefahr für andere Tiere und Menschen? Momentan darf er erst einmal weiterleben, allerdings nicht mehr im Tierheim Ladeburg.
Rocky stammt aus einer Sicherstellung. Der Rüde ist ein Dogo Argentino. Diese Rasse steht in Brandenburg auf der Liste der widerlegbar als gefährlich eingestuften Hunde, die nur mit Erlaubnis der Behörden gehalten werden dürfen.
Diese Erlaubnis konnten die Besitzer von Rocky nicht vorweisen. Außerdem wurde der Hund nicht besonders gut gehalten, weiß Simone Müller, Sachgebietsleiterin für Öffentliche Sicherheit und Ordnung der Verbandsgemeinde Liebenwerda, aus der das Tier stammt. Ihre Behörde zog den sehr aggressiven Hund ein und suchte ein Tierheim zur Unterbringung. „Bei uns gab es keine freien Plätze, deshalb waren wir froh, dass Ladeburg uns zugesagt hat“, erklärt Simone Müller.

Hundetrainer: Gestandener Rüde, der weiß, was er kann

Das Tierheim Ladeburg schloss einen Vertrag mit der Gemeinde Liebenwerda, die für die Unterbringung des Problemfalls bezahlte. Der ansässige Hundetrainer André Günther beschäftigte sich mit dem Hund, um herauszufinden, ob von ihm eine Gefahr ausgeht.
Günther arbeitet seit 20 Jahren mit Hunden – auch mit „Problemfällen“. Auf ihn habe der Hund sehr aggressiv gewirkt, sagt Günther. Wer sich dem Zwinger von Rocky nähert, merkt schnell, was der Experte meint. Rocky, ein Muskelpaket mit 50 Kilogramm Gewicht, steht starr hinter den Gittern, fixiert den Besucher, knurrt und bellt wütend. „Die Pfleger mussten ihn mit einer Stange fixieren und den Beißkorb anziehen, bevor sie den Zwinger reinigen konnten“, berichtet Frank Ehlert, stellvertretender Vorsitzender des Niederbarnimer Tierschutzvereins, dem Betreiber des Tierheims. Auch für die Mitarbeiter war dies eine tägliche Gefahr.

Dogo Argentino hat ausgeprägten Jagd- und Beschützerinstinkt

Die Hunde, die zwischen 60 und 68 Zentimeter groß werden, gelten als selbstbewusst und wachsam, haben einen starken Beschützerinstinkt und Jagdtrieb. Der Dogo Argentino sei sich seiner Kraft durchaus bewusst, heißt es auf der Seite des VDH (Verband für das deutsche Hundewesen) „Er darf keinesfalls aggressiv sein, ein Charakterzug, der streng unter Kontrolle zu halten ist.“ Infografik: Der Deutschen liebste Hunde | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista
Ein Rat, der bei Rocky offenbar nicht beachtet wurde. Hundetrainer André Günther weiß: „Grundsätzlich kann jeder Hund therapiert werden, aber es kommt auf Alter, Größe und Vorgeschichte an.“ Bei Rocky macht ihm vor allem ersteres Sorgen. „Der Hund ist sieben Jahre alt. Da haben sich Verhaltensmuster gefestigt. Das ist ein gestandener Rüde, der weiß, was er kann. Wenn der losgeht, ist das schon ein Problem.“

Arbeit mit Rocky zeigt Wirkung – Gefahr bleibt

Eine ganze Weile arbeitete der Bernauer Hundetrainer mit Rocky. „Die ersten drei, vier Wochen hat er sich völlig gesperrt. Da hatten wir gar keine Chance, mit ihm zu arbeiten.“ Rocky zeigte sich unkooperativ, ließ niemanden an sich heran.
Dann allerdings machte er Fortschritte. „Ich war am Ende so weit, dass ich ihm einen Beißkorb aufsetzen und mit ihm eine Runde gehen konnte. Aber ich habe ihm nicht vertraut“, sagt Günther. Den Respekt habe er behalten. „Beim Absetzen des Beißkorbs hat er den sich blitzschnell geschnappt und verteidigt. Er hat einen starken Trieb, seine Ressourcen zu verteidigen. Das kann im Zusammenleben sehr schwierig werden.“
Was das Beste wäre für Rocky? „Klar, kann er auf einem Gnadenhof den Rest seines Lebens verbringen. Aber ob man dem Hund damit einen Gefallen tut, weiß ich nicht. Fakt ist: Es geht eine große Gefahr von ihm aus. Wer soll da die Verantwortung für übernehmen?“, mahnt Günther.

Behörden waren gegen die letzte Lösung, das Einschläfern

Eine Euthanasie des schwierigen Hundes stand im Raum. Doch das Veterinäramt des Landkreises Barnim sowie die Behörde in Liebenwerda spielten da nicht mit.
Bei einer Kontrolle Mitte November habe man festgestellt, dass sich das Verhalten des Hundes gebessert habe, teilt Chef-Veterinär Volker Mielke mit. „Der Hund erschien ruhig und ausgeglichen in Anwesenheit der vielen Personen. Es wurde besprochen, die Betreuung durch den Trainer weiterzuführen und angeraten, den Hund kastrieren zu lassen. Insgesamt wurde uns auch durch das Tierheimpersonal eine positive Prognose vermittelt“, so Volker Mielke. Das habe ihn überrascht, da der Tierheimleiter sich mit der Bitte um Zustimmung zur Euthanasie an die Verbandsgemeinde Liebenwerda gewandt hatte. Gemeinsam entschieden beide Behörden gegen den Vorschlag des Tierheimleiters: Rocky wird nicht eingeschläfert.

Hoffnung auf Chance für Hund Rocky

Das Tierheim Ladeburg wollte den Hund jedoch nicht weiter betreuen und kündigte den Vertrag mit Liebenwerda. „Wir haben den Hund am Montag abgeholt und in einer anderen Stelle untergebracht“, bestätigt Simone Müller.
Die Kosten für die Unterbringung des Tieres muss in solchen Fällen eigentlich der Halter übernehmen. „Aber in 90 Prozent der Fälle sind die dazu nicht in der Lage“, weiß die Sachgebietsleiterin. So sei es auch im Fall von Rocky.
Die Behörde wird nun seine Unterbringung bezahlen. Wenn es sein muss, bis das Tier irgendwann verstirbt. Simone Müller will aber nicht aufgeben. „Wir haben die Hoffnung, dass es für ihn noch eine Chance gibt und er vielleicht sogar nach einer Weile Training wieder einen Besitzer findet. Er hätte es verdient, denn vermutlich sind ja Menschen schuld, dass er so geworden ist.“ Eines ist ihr aber auch bewusst. „Man muss sich natürlich gut absichern, damit nichts passiert.“

Wer ist zuständig für gefährliche Hunde?

● Die Ordnungsämter der Kommunen sind dafür zuständig, die Hundehalteverordnung durchzusetzen. Sie haben Sachverständige, die die Gefährlichkeit des Tieres einschätzen können. Auch die Veterinärämter werden bei einer solchen Begutachtung hinzugezogen.
● Geprüft wird dann, ob eine Sozialisierung und anschließende Vermittlung des Hundes möglich ist. Dafür greifen Tierheime auf interne oder externe Hundetrainer zurück.
● Die Möglichkeiten für als gefährlich eingeschätze Hunde seien begrenzt, räumt Kreis-Veterinär Volker Mielke ein. In der Regel blieben sie für sehr lange Zeit im Tierheim. Das Einschläfern des Tieres sei dennoch immer die letzte Lösung. Zuvor würden alle Möglichkeiten einer Sozialisierung ausgeschöpft, betont er.
● Leidet ein Hund unter starken, nicht behebbaren Verhaltensstörungen, kann ein Tierarzt die Entscheidung fällen, dass das Tier eingeschläfert werden muss. Zuvor muss allerdings eine Kommission, bestehend aus einem Pfleger des Hundes, einer sachkundigen Person des Tierheims, dem Tierarzt und dem Amtstierarzt zustimmen.