Holocaust-Gedenken in Biesenthal
: Spurensuche für die ersten Stolpersteine

Ein paar Namen, viele Lücken. In Biesenthal zeigt ein Gedenkspaziergang, wie schnell ein Leben aus dem Ort verschwinden kann. Doch das soll sich ändern.
Von
Sophia Schwan
Biesenthal
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Bahnhofstraße in Biesenthal: Teilnehmende des Gedenkspaziergangs zu jüdischen Schicksalen halten vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Lippschütz inne.

Bahnhofstraße in Biesenthal: Teilnehmende des Gedenkspaziergangs zu jüdischen Schicksalen halten vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Lippschütz inne.

Sophia Schwan
  • Gedenkspaziergang in Biesenthal thematisiert jüdische Schicksale und NS-Zwangsarbeit.
  • „Weg der Würde“: Sieben Stelen erinnern an Zwangsarbeiter und die Unteilbarkeit der Menschenwürde.
  • Erste Stolpersteine für Biesenthal werden am 9. März verlegt, basierend auf intensiver Recherche.
  • Lebensgeschichten von jüdischen Familien wie den Schlochauer und Lippschütz werden beleuchtet.
  • Projekte wie der „Weg der Würde“ setzen ein Zeichen gegen das Vergessen und für bewusstes Erinnern.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der erste Halt ist unspektakulär. Neben dem Pendlerparkplatz in Biesenthal steht eine Steinstele. Keine große Bühne, kein abgesperrter Ort. Autos rollen vorbei, Menschen ziehen die Jacke zu. Es sind minus drei Grad. Und dann bleiben einige stehen. Sie sind gekommen, um zu erinnern.

Es ist der Auftakt eines Gedenkspaziergangs am Sonntag, dem 25. Januar, zu jüdischen Schicksalen in Biesenthal. Und es ist ein Ort, der zeigt, wie nah Geschichte sein kann: zwischen Arbeitsweg, Aldi und dem Blick zurück.

Holocaust-Gedenken in Biesenthal: Sieben Stelen, ein Weg

Gestaltet wurde die Stele von Jugendlichen aus Biesenthals Naturschule gemeinsam mit Jugendlichen aus Tschechien. Sie haben sich in die Geschichte der Zwangsarbeit eingearbeitet, auch hier in Biesenthal. Sieben Stelen sind daraus geworden: der „Weg der Würde“.

Im Grußwort zum Projekt heißt es, Vergangenes präge uns oft unbemerkt. Bewusstes Erinnern helfe, zu unterscheiden, „was gut war und was Leid verursacht hat“ – und daraus zu lernen. Die Stelen seien Meilensteine: Mahnmal und Symbol für die Unteilbarkeit der Menschenwürde.

Wo heute geparkt wird, wurde früher Zwangsarbeit verrichtet

Dass dieser Gedenkspaziergang ausgerechnet hier beginnt, hat seinen Grund. Auf dem Gelände stand einst eine Kaserne. Nach 1933 wurde dort ein Arbeitsdienstlager eingerichtet: kaserniert und gedrillt.

Ab 1934 folgte eine SA-Sportschule. Die SA, die Prügeltruppe der NSDAP, wurde nach der Machtübernahme zur Hilfspolizei – und zum Werkzeug des Terrors. 1936 übernahm die Wehrmacht das Gelände. Von hier aus wurde auch der Vernichtungskrieg vorbereitet, der 60 bis 80 Millionen Menschen das Leben kostete und Europa in Schutt und Asche legte.

Später nutzte die SS die Anlage – als Ausbildungsort und als Lager. Von 1943 bis 1945 waren hier etwa 30 Männer aus Italien eingesperrt und zur Arbeit gezwungen. Und von 1941 bis 1945 ließ die SS hier auch Hunde zu tödlichen Waffen ausbilden. Viele ehemalige KZ-Häftlinge schilderten nach der Befreiung Verstümmelungen und Tötungen durch Tiere, die zum Zerfleischen abgerichtet wurden.

Wer heute über Parkflächen und Bordsteine läuft, ahnt davon nichts

Holocaust-Gedenken in Biesenthal: Spaziergang gegen das Vergessen

Der Gedenkspaziergang ist Teil eines größeren Prozesses: Elliot Müller von der Initiative „Bunt statt Braun Biesenthal“ recherchiert seit Jahren intensiv zu Opfern des Nationalsozialismus mit Bezug zur Stadt. Biesenthal habe einst eine relativ große jüdische Bevölkerung gehabt, sagt die Initiatorin.

Sie habe gesucht, verglichen, nachgefragt. „Ich habe vor allem für die Stolpersteine sehr viel recherchiert – zu Menschen, die hier gelebt haben und verfolgt wurden“, sagt sie. Inzwischen habe sie über 100 Namen zusammengetragen – und arbeite weiter.

Wer erwartet, dass Recherche am Ende ein sauberes Foto liefert, wird enttäuscht. „Oft hat man nur einzelne Puzzleteile und muss sich erschließen, was dazwischen passiert sein könnte“, erklärt sie. Genau diese Lücken seien Teil der Geschichte.

Drei Leben an der Bahnhofstraße – ein Puzzle aus Akten

Müller erzählt zu den Menschen, die an den jeweiligen Adressen lebten, dann wird kurz innegehalten. Eine Blume, ein Moment Stille, Musik. Und dann geht es weiter – zur nächsten Haustür, zur nächsten Zahl am Klingelschild. Neue Namen stehen dort, neue Familien leben hier. Aber die alten Geschichten sind noch nicht verschwunden.

Die Gruppe zieht die Bahnhofstraße entlang, früher die Hindenburgallee. An der ersten Adresse lebte 1933 ein älteres jüdisches Ehepaar: Berta und Eduard Schlochauer. Eine der wichtigsten Spuren führt ins Kreisarchiv Barnim: eine 1936 angelegte Liste jüdischer Einwohner. Wozu sie diente, ist nicht eindeutig – vieles deutet auf die Vorbereitung von Enteignungen hin.

Bis im März die ersten offiziellen Stolpersteine verlegt werden, erinnern provisorische Steine an jüdische Opfer aus Biesenthal.

Bis im März die ersten offiziellen Stolpersteine verlegt werden, erinnern provisorische Steine an jüdische Opfer aus Biesenthal.

Sophia Schwan

Eduard Schlochauer starb 1937 im jüdischen Krankenhaus in Berlin. Von Berta Schlochauer bleibt weniger Greifbares: Laut einer Datenbank soll sie 1939 in die USA geflohen sein, ein endgültiger Beleg fehlt. Auch das gehört zur Geschichte – dass selbst die Erinnerung an ihr Leben stellenweise nur noch aus Vermutungen besteht.

An einer anderen Adresse tauchen Namen auf, über die kaum mehr als ein Eintrag existiert: Adolf Aronson und Max Rosenthal. Müller kann nicht einmal sicher sagen, ob sie sich kannten oder zur gleichen Zeit dort lebten. Aronson findet sich später möglicherweise in einer Deportationsliste nach Riga wieder – plausibel, aber nicht mit letzter Sicherheit. „Es ist manchmal unbefriedigend“, sagt Müller. Gleichzeitig gehe es genau darum, auch das Fragment ernst zu nehmen: Hier haben Menschen gelebt. Und ihre Spur ist fast verschwunden.

Richard Lippschütz und die Rohrwiesen

Ein weiterer Halt führt zur Geschichte von Richard Lippschütz, einst Namensgeber der späteren Rohrwiesensiedlung. Lippschütz war selbstständiger Handwerker und Unternehmer, kaufte Land zwischen Biesenthal und Danewitz, parzellierte und verkaufte Grundstücke weiter. Ab 1927 wurde die Gegend „Lippschütz-Siedlung“ genannt.

Doch ab 1933 wurde sein Leben Schritt für Schritt aus der Stadt gedrängt: Kredite wurden gekündigt, das Haus musste verkauft werden, sein Unternehmen konnte nicht weiterbestehen. Die Familie zog um, später sogar auseinander. Er war Jude, seine Frau und die beiden Söhne Katholiken. 1940 fand Richard Lippschütz in Biesenthal keine Wohnung mehr und zog alleine nach Berlin – in der Hoffnung, in der Anonymität der Großstadt wenigstens etwas Schutz zu finden.

Dort starb er 1941. Die Quellen sprechen von Herzversagen oder einer Herzerkrankung, die Familie von einem tödlichen Gestapo-Verhör. Vieles lässt sich nicht eindeutig klären – aber die Richtung ist eindeutig: Es war ein System, das nicht nur Menschen deportierte, sondern ihnen vorher schon das Leben nahm, Stück für Stück.

Seine Frau Margarete und die beiden Söhne überlebten den Krieg. Einer der Söhne wurde später SPD-Abgeordneter im West-Berliner Abgeordnetenhaus. Und bis heute ist die Geschichte nicht „weg“: Zu den Enkeln von Richard Lippschütz besteht inzwischen Kontakt, erzählt Müller. Einer lebt in Bernau und hat ein Sommerhaus in der ehemaligen Lippschütz-Siedlung. So schließt sich der Kreis.

Die ersten Stolpersteine für Biesenthal

Diese Orte sind keine Kulissen. Sie sind Teil der Gegenwart. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die AfD in Biesenthal 38,49 Prozent bei einer Wahlbeteiligung von knapp 51 Prozent. Das sagt nicht alles über eine Stadt. Aber es sagt genug, um zu verstehen, warum Projekte wie der Weg der Würde nicht nur Rückblick sind.

Am 9. März sollen in Biesenthal die ersten Stolpersteine verlegt werden – Gedenksteine im Gehweg, die vergessene Schicksale zurück in die Gegenwart holen.