Holocaust-Gedenken
: Zeitzeugin spricht in Panketal – Diskussion um Erinnerungskultur

Ruth Winkelmann überlebte im Berliner Untergrund das Morden des NS-Regimes. Mit Schulklassen in Panketal sprach sie über ihre Erfahrungen. Wie sieht die Erinnerungskultur der Zukunft aus?
Von
Ole Rockrohr
Bernau
Jetzt in der App anhören
„In Echt? - Virtuelle Begegnung mit NS-Zeitzeug:innen“: 07.11.2024, Brandenburg, Potsdam: Die Holocaust-Überlebende Ruth Winkelmann, 96 Jahre alt, nimmt an einer Pressekonferenz anlässlich der Ausstellung "In Echt? - Virtuelle Begegnung mit NS-Zeitzeug:innen" im Brandenburg Museum für Zukunft, Gegenwart und Geschichte teil. In dem Museum wird heute, am 7. November 2024 die Ausstellung "In Echt? - Virtuelle Begegnung mit NS-Zeitzeug:innen" eröffnet. NS-Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in der virtuellen Realität sollen dazu beitragen, die Erinnerung an NS-Unrecht für nachfolgende Generationen lebendig zu halten. Foto: Michael Bahlo/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Ruth Winkelmann: Die 96-Jährige sprach mit Schulklassen in Panketal über die Zeit im Nationalsozialismus.

Michael Bahlo/dpa
  • Ruth Winkelmann, 96, überlebte den Holocaust und berichtet von ihren Erfahrungen.
  • Sie besuchte das Panketal Gymnasium und sprach mit Zehntklässlern über ihre Erlebnisse im Nationalsozialismus.
  • Winkelmann spricht über das Überleben im Berliner Untergrund und ihre Arbeit in einer Uniformfabrik.
  • Schüler schätzen den persönlichen Kontakt mit Zeitzeugen und diskutieren die Zukunft der Erinnerungskultur.
  • Vorschläge umfassen Bücher, Dokumentationen und Aufzeichnungen von Zeitzeugengesprächen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Ruth Winkelmann überlebte die Verfolgung im Nationalsozialismus. In Panketal besuchte sie Zehntklässler, um von ihren Erlebnissen zu berichten. Doch was ist, wenn niemand mehr da ist, der erzählen kann? Was glauben die Schüler, wie man die Erinnerungskultur auch für junge Menschen aufrechterhalten kann?

„Haben sie ein Lieblingsessen, das sie heute noch gern essen?“ Die Frage der Schülerin beantwortet die 96-jährige Ruth Winkelmann genauso ruhig wie die anderen Fragen, die den Schülern des Panketal Gymnasiums einfallen. Wie es war nach dem Krieg in Berlin? Wie fühlte es sich an, als die Nazis die Macht ergriffen? Jede Frage wird gewissenhaft beantwortet.

Winkelmann ist eine der Zeitzeugen, die das Regime und die Auswirkungen der Diktatur noch am eigenen Leib erfahren haben. Heute besucht sie Schulen und spricht über ihre Erlebnisse. Sie beantwortet die Fragen der Schüler. Auch die, die nicht direkt mit ihrer dramatischen Kindheit im Berlin der 30er und 40er Jahre zusammenhängen, wie nach dem Lieblingsessen.

Überleben im Untergrund

Ruth Winkelmann ist Tochter einer Christin und eines Juden und war damit aus der Sicht der Nationalsozialisten keine echte Deutsche. Ihre Eltern mussten sich zwangsweise scheiden lassen und sie als „Halbjüdin“ den gelben Davidstern tragen. Viele ihrer jüdischen Verwandten fielen dem NS-Regime zum Opfer. Ruth Winkelmann überlebte. Vor allem deshalb, weil sie sich der Deportation entzog und mit Mutter und Schwester in einer Berliner Laube Unterschlupf fand.

Das ehemalige NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau

Das ehemalige NS-Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Ruth Winkelmanns Vater wurde hier ermordet.

Markus Schreiber/AP/dpa

Über 50 Jahre schwieg sie zu ihren Erfahrungen. Doch Anfang der 2000er entschied sie sich dazu, an die Öffentlichkeit zu treten. Zusammen mit der Autorin Claudia Bauer schrieb sie ein Buch über die Zeit und begann, Schulen zu besuchen. Dort berichtet sie den Anwesenden von damals und beantwortet viele Fragen.

Winkelmann erzählt, wie sie als 13-Jährige 56 Stunden in der Woche in einer Uniformfabrik arbeiten musste, wie ihre Schwester erkrankte und schließlich starb. Sie erzählt von ihren gemischten Gefühlen gegenüber den US-Amerikanern, die sie zwar hoffnungsvoll erwartete, denen sie aber bis heute nicht verzeihen konnte, dass sie ihre geliebte Heimatstadt Berlin zerbombten.

Zeitzeugen als lebendige Erinnerungskultur

Die unbezahlbare Arbeit, die Winkelmann als Zeitzeugin leistet, hat jedoch ihre Grenzen. Jährlich nimmt die Anzahl der Menschen ab, die im NS-Staat gelebt haben. Laut einer Erhebung der Jewish Claim Conference, einer Organisation, die sich für die Kompensation der Verbrechen in der NS-Diktatur einsetzt, liegt das Alter der Überlebenden der Shoah im Schnitt bei 86 Jahren. Die Überlebenden werden nicht mehr lange von den Verbrechen im Nationalsozialismus berichten können.

Dabei ist das gerade wichtig, wie ein Blick in das Gymnasium Panketal verrät. Denn die Schüler sind sich einig: Eine Zeitzeugin, die von ihren Leben in dieser Zeit berichtet, ist den Schülern viel näher als die Lehrbücher, die über diese Periode der deutschen Geschichte aufklären.

„Das war viel persönlicher“, sagt eine Schülerin nach dem Gespräch mit Winkelmann. „Man fühlt sich viel verbundener mit Frau Winkelmann, als wenn man nur ihr Buch liest.“ Und auch ihr Klassenkamerad ist sich sicher: „Ich habe heute viel mehr gelernt als im Geschichtsunterricht.“

Auch dass Ruth Winkelmann aus ihrer Perspektive als Berlinerin berichtet, hilft den Schülern. So schätzt es auch eine Klassenkameradin ein: „Dadurch, dass man die Kulisse so gut kennt, in der Frau Winkelmann all das erlebt hat, fühlt man sich dem Ganzen viel näher. Es gibt einem ein ganz anderes Gefühl, dass das hier in der Umgebung passiert ist.“

Schüler wünschen sich persönliches Erinnern

Die Zehntklässler sind sich einig: eine reale Zeitzeugin vor sich zu haben und ihr all die Fragen zu stellen, die man sich als Schüler stellt, ist durch kein Geschichtsbuch zu ersetzen. Doch wie kann eine zukunftssichere Erinnerungskultur aussehen? Was, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, die von ihren Erlebnissen berichten können?

In den 10. Klassen des Gymnasiums Panketal haben die Schüler verschiedene Ideen, wie so etwas umgesetzt werden könnte. Immer wieder kommen dabei die altbewährten Methoden der Erinnerungskultur auf. Ob persönliche Bücher, wie das von Winkelmann, Dokumentationen oder Gedenkstätten. All das könne laut der Schüler helfen, die Geschichte greifbar zu machen. Die persönlichen Erfahrungen der Menschen müssten dabei jedoch im Zentrum stehen.

Auch Aufzeichnungen der Gespräche zwischen Schülern und Zeitzeugen könnten laut der Klasse helfen, diesen Teil des Geschichtsunterrichts erlebbar zu machen für künftige Generationen. Solche Aufnahmen könnten den „emotionalen Aspekt erhalten“, glaubt ein Schüler des Gymnasiums.

Doch trotz der Vielzahl an Vorschlägen: Ein Gespräch mit einer Überlebenden kann das alles nicht ersetzen. Das sagt auch ein Schüler im Anschluss an das Gespräch mit Ruth Winkelmann. Das gleiche Gefühl zu vermitteln wie beim Treffen einer Zeitzeugin, das „kann nicht funktionieren. Aber man kann schon vieles tun, um das Gedenken zu erhalten.“