Musikfestspiele: Im siebten Himmel der Klänge

Wie ein schwebender Vogelflug, der den Zuhörer von der ersten Note an davonträgt: Der russische Pianist Nikolai Tokarev begeisterte am vergangenen Sonnabend mit seinem Spiel das Publikum in Bernau. Er brachte beim Musikfestival "Siebenklang" Tschaikovskys "Jahreszeiten" und Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" zu Gehör.
Klaus KleinmannNikolai Tokarev wird zu Recht in den höchsten Tönen gelobt. Dass einer wie er sein Instrument in absoluter Perfektion beherrscht, bedarf eigentlich keiner Erwähnung. Erwähnenswert ist eher der lange, harte Weg, den er beschreiten musste, um so weit zu kommen, und der von Kindheit an über tägliches acht- bis zehnstündiges Üben und drei Studiengänge in Russland, England und Deutschland schließlich an die Weltspitze führte.
Doch mit Übung allein kommt man nicht so weit. Was hat Tokarev, das anderen perfekten Pianisten fehlt? Hauptmerkmal seines Spiels ist eine schwingende Leichtigkeit, ein weiches Gleiten, ein schwebender Vogelflug, der den Zuhörer von der ersten Note an davonträgt. Nur zu gerne lässt man sich mitnehmen und möchte nicht aufhören zu lauschen, gleichsam aus erhöhter Position auf die eigene Seelenlandschaft zu schauen und zu staunen. Dabei führt die Reise oft an gefährlichen Klippen vorbei, wo sich Gewitter zusammenbrauen und sich aus dem tiefsten Bauch des Instruments heraus entladen. Tokarevs Spiel hat reichlich Ecken und Kanten. Er meistert sie mit Kraft und Stilsicherheit, breitet dann aber wieder seine Flügel aus und entführt einen mit unglaublich feinem Spiel in den siebten Himmel der Klänge.
In Peter Tschaikowskys Zyklus „Die Jahreszeiten“ gelang es Tokarev mühelos, die unterschiedlichen Stimmungen der verschiedenen Einzelstücke herauszuarbeiten. Das Werk besteht aus zwölf Teilen, die die Monate des Jahres symbolisieren. Der Januar verweilt mit verhaltenen, melodischen perlenden Läufen in sich gekehrt an Ort und Stelle, der Mai scheint sehnsüchtig auf etwas zu warten, der September lädt ein zum fröhlichen Jagen und der Oktober nimmt die Melancholie des Herbstes auf. Für Nikolai Tokarev war das eine Spielwiese, die er mit all ihren Nuancen vor den Zuhörern ausbreitete und genüsslich abgraste.
Stehapplaus und vier Zugaben
In diesem ersten Teil des Konzerts schien die Soundanlage noch nicht ganz so fein eingestellt zu sein wie Tokarevs Spiel. Eine neue Stimmung des Klaviers und die Entfernung dessen Deckels brachten den gewünschten Effekt. Modest Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ sind ein Paradebeispiel der Programmmusik. Sie tragen den visuellen Charakter der Musik schon im Titel. Tokarev brachte die verschiedenen Eindrücke meisterhaft zur Geltung und erweckte die Bilder zu farbenfrohem Leben. Da hätte es die hübschen – an Kandinsky orientierten – Hintergrundillustrationen des Video-Künstlers Uwe Niesig nicht unbedingt gebraucht, zumal der Projektor auch den Flügel anstrahlte und den Pianisten blendete, wie er danach selber sagte. Die Bilder gefielen ihm aber gut, meinte Tokarev.
Stehende Ovationen entlockten ihm vier Zugaben, von denen Schumanns „Spanische Romanze“ besonders beeindruckte. Hätte Tokarev nicht schließlich im Abgang die Tür zu den Garderobenräumen diskret geschlossen, das Publikum hätte sicher noch lange applaudiert.
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