Striktes Handyverbot
: So streng geheim läuft die Party nach der Vergabe der Nobelpreise ab

Die Partys nach der Vergabe der Nobelpreise werden von Studenten der Stockholmer Unis organisiert und betreut. Ein riesiger Kraftaufwand unter strengster Geheimhaltung.
Von
Marie Herrnhold
Stockholm
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Top secret: Das Logo der Nobelpreisparty nach der Verleihung sagt alles aus. Das Thema "Geheimnisse" wurde von Studenten umgesetzt. Unter ihnen auch unsere Autorin Marie Herrnhold.

Marie Herrnhold

Die Nobelwoche findet traditionell jeden Dezember in Stockholm statt, wohin alle diesjährigen Preisträger eingeladen werden. Die Laureaten halten an den Stockholmer Universitäten oder der Wissenschaftsakademie nacheinander Vorlesungen über ihre prämierten Arbeiten.

Der Höhepunkt der Nobelfestlichkeiten ist stets der 10. Dezember, an dem die Preisverleihung durch den schwedischen König erfolgt. In einer monumentalen Vergabezeremonie in Zentralstockholm, die nur der Königsfamilie, Preisträgern und Vorsitzenden der Nobel– und Vergabegremien zugänglich ist, werden die Preismedaillen und Urkunden überreicht. Anschließend gibt es ein Bankett, zu dem schon andere Ehrengäste eingeladen werden. Da dürfen wenige ausgewählte Studenten teilnehmen und zeremonielle Aufgaben übernehmen.

Der richtige Spaß, zugegeben eine höchst subjektive Einschätzung der Autorin, findet jedoch am Abend statt: Jedes Jahr richtet ein riesiges studentisches Organisationsteam den sogenannten Students‘ Nobel Night Cap (SNNC) aus. Dies ist die gigantische Afterparty der Nobelfeierlichkeiten. Dort  sind immerhin etwa 1500 Gäste (Laureaten, Botschafter, hohe Staats–, Akademie– und Firmenchefs sowie Universitätsgremien) eingeladen und etwa 300 Studenten arbeiten mit. Mithelfen — dies ist auch die einzige Möglichkeit, als „normaler“ Student einen Nobelpreisträger zu Gesicht zu bekommen. Und dies ist mit enormem Aufwand verbunden.

Die SNNC–Komitees werden im Februar aus Bewerbern der Studentenunionen der vier größten Stockholmer Universitäten erwählt. Diese überlegen sich ein streng geheimes Thema, die Location ist reihum eines der vier großen Studentenunionshäuser. Dann geht die Planung los: Man braucht Sponsoren, man braucht Unterthemen für die einzelnen Räume, Getränke, Speisen, Lautsprecher, Lkw zum Lastentransport, Schauspieler, Künstler, Kostüme, Wandverkleidungen, und, und, und....

Der Aufwand ist enorm, das offizielle Budget der Nobelstiftung etwa 20 000 Euro und alles unter strikter Geheimhaltung. Später im Jahr werden die „Nighties“ angeworben, die fleißigen studentischen Arbeiter. Als ein solcher Nightie wird man in der Konstruktions– und Dekonstruktionswoche vom 2. bis 10. Dezember oder in den Tagen nach der Party zu etwa 40 Stunden Arbeit verpflichtet. Im Gegenzug darf man als Mitarbeiter auf dem SNNC dabei sein. Die Arbeit ist hart, in Fünf–Stunden–Schichten wird Holz geschleppt, gemalert, geschraubt, Lichter angebracht, Wände gezimmert — kurz, die Räumlichkeiten werden in eine dem Thema entsprechende Welt verwandelt.

Die Nighties, oft internationale Studenten auf Austausch, unterschreiben eine Geheimhaltungserklärung inklusive Foto/Handyverbot und stürzen sich mit Feuereifer auf die Arbeit. Es werden Bartische gezimmert, ein komplettes Baumhaus gebaut, die Kantine wird das Bermudadreieck mit einem unter der Decke kreisendem Holzflugzeug und eigens platzierten Schiffstrümmern. Der Außenbereich wird Area 51, inklusive als Aliens verkleidete Studenten. Es werden Grabsteine von Friedhöfen ausgeliehen, mystische sektenartige Theatereinlagen einstudiert, geheime chemische Experimente vorgeführt, ein Zimmer als venezianischer Maskenball ausgestattet, zwei Räume als Casino Royale. Die Kammer des Schreckens darf nicht fehlen, eine eigens programmierte, künstlich intelligente Wahrsagerpuppe auch nicht.

Als Bond–Girl an der Bar

Das Thema diesen Jahres war „Geheimnisse“, ganz klar, und nun darf ich darüber berichten. Ich war ein solcher Nightie, habe Uninoten, blaue Flecke und schlaflose Nächte investiert, um als 007–Bond–Girl verkleidet an einer der vielen Bars arbeiten zu dürfen. Es war eine verrückte und lange Nacht. Ich servierte hunderte von (gerührten) Vodka Martinis und hatte in sieben Stunden nur 15 Minuten Pause. Überwältigende Musik, feine Garderobe, Lichtshows, hohe schwedische Beamte, Eindrücke die man so schnell nicht vergisst. Die Wahrscheinlichkeit, direkt mit einem der Nobelpreisträger zu interagieren, ist gering — ich persönlich habe einen im Vorbeigehen erkennen können.

Was zählte, war die Vision und Wirklichkeit der besten Feier aller Zeiten, in die ein großes Studententeam mit einem beeindruckenden kumulierten Fähigkeitsrepertoire enormen Aufwand und Begeisterung steckte. Ein gemeinsames Ereignis und die Aufregung hat mir eine riesige Studentenfamilie geschaffen, die Heimlichkeit hat unterschiedlichste Charaktere verbunden. Es war ein unbeschreiblicher Spaß — ein Geheimnis, dessen Teil man wirklich sein möchte.