Tür auf!
: History-App in Arbeit

Rainer Klemke (71) hat in Groß Schönebeck die Hausnummer 20. Zur Zeit arbeitet der frühere Museumsreferent an einer Brandenburg-History-App.
Von
Ellen Werner
Groß Schönebeck
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Haus am Wald: Rainer Klemke lebt seit Jahrzehnten in Groß Schönebeck. "Überall wo man kratzt, ist hier Geschichte", sagt er über das Dorf, in dem er auch den Bürgerverein und viele Veranstaltungsreihen mit aus der Taufe gehoben hat.

Ellen Werner

Da, wo Rainer Klemke wohnt, ist das Dorf fast zu Ende. Stille, nur ab und zu kommt an der Schlufter Straße mal ein Auto vorbei. Hinter dem Haus ein großer Garten, dahinter grünes Dickicht. „Da beginnt die Biosphäre – 30 Kilometer nur Wald“, sagt Klemke. „Wir haben hier 28 verschiedene Vogelarten, vom Eichelhäher bis zur Tannenmeise, vom Buchfinken bis zur Amsel“, schwärmt der 71-Jährige.

Angetan hat es dem gebürtigen Westberliner der Ort vor Jahrzehnten. Der Großvater seiner Frau war Groß Schönebecker, Klemke deshalb seit Beginn der 70er-Jahre mit der Familie mehrmals im Monat zu Besuch im Dorf. „Da lag es auch nahe, sich nach der Wiedervereinigung hier umzutun“, erzählt er. „Und dann hatte ich mich hier in dieses Haus verliebt. Seit 1993 wohnen wir hier.“

Teilzeitberliner blieb er zwar, um bei der ganzen Wahrheit zu bleiben. In Berlin gibt es noch immer eine Arbeitswohnung. In Groß Schönebeck ist Klemke aber so zuhause, dass er nicht einkaufen kann, „ohne mit zehn Leuten zu sprechen“. Und eine Art Ehrenbürger, wie ihm der Bürgerverein, den er 2010 mitbegründet hat, per Urkunde im Namen „vieler Alt- und Neubürger aus der Schorfheide“ bescheinigte. "Für seine außergewöhnlichen Leistungen als Pressesprecher, Projekt und Mensch mit seinem Engagement für die nachhaltige Weiterentwicklung Groß Schönebecks“ dankte man ihm damit.

Klemke hatte unter anderem die Idee zum Tag der offenen Höfe, zu dem jedes Jahr Tausende Besucher in den Ort kommen. Ihm ist auch zu verdanken, dass sich Touristen und Groß Schönebeck wieder an den in Vergessenheit geratenen Sandmännchen-Dichter Walter Krumbach erinnern. Einen Themenweg mit Hörstationen, die online abgerufen werden können, hat er initiiert und eine Broschüre über den prominenten Groß Schönebecker herausgegeben.

„Ich wollte immer Menschen zusammenbringen, um gemeinsam etwas zu entwickeln“, begründet Rainer Klemke sein Engagement für den Ort. Das galt auch für seinen Beruf. Bis zu seinem Ruhestand 2012 war er Museums- und Gedenkstättenreferent des Berliner Senats. „In meiner Amtszeit habe ich insgesamt 48 Museen und Gedenkstätten eröffnet“, blickt Klemke zurück. Unter anderem hat er auch die Berliner „Langen Nächte der Museen“ mitentwickelt – ein Format, das weltweit Nachahmer fand.

Zu einem ähnlichen Erfolg scheint sich auch sein neuestes Projekt zu entwickeln. Mit dem Verein BerlinHistory, dessen Vorsitzender er ist, hat Klemke die gleichnamige App entwickelt. Mit dem kostenlosen geschichtlichen Berlin-Führer durch alle Epochen der Stadt, der seit Februar am Netz ist, lässt sich die Hauptstadt im Laufen erkunden. Rund um den Standort des Nutzers zeigt die App überall dort Symbole an, wo es etwas zu erfahren gibt. Abgelegt sind historische Bilder, Tonaufnahmen, Videos, alte Stadtpläne und vieles mehr.

Anfragen aus vielen Städten

Museen, Stiftungen und Wissenschaftler arbeiten mit an den Inhalten, die sich ständig erweitern und wohl die Entwicklung weiterer Apps nach sich ziehen. „Wir haben Angebote aus Wien, Breslau, Duisburg und vielen Orten mehr“, sagt Rainer Klemke. Der Verein sei zudem an der Auskopplung einer Brandenburg-History-App dran. „Dafür suchen wir noch Partner in Brandenburg.“

Rainer Klemke hat trotz Ruhestand also reichlich Arbeit. "Mein Tag fängt um halb fünf an“, berichtet er. Wenn er am Computer Zeitung gelesen hat, setzt er sich an die Korrespondenz für seine unterschiedlichen Projekte oder schreibt Texte für die Geschichtsapp. Für den Online-Führer durch die Geschichte Brandenburgs bietet sich sicher auch Groß Schönebeck an. „Das ist so ein spannender Ort – überall wo man kratzt, ist hier Geschichte.“

Drei Weihnachtsfragen an Rainer Klemke

Was kommt Weihnachten bei Ihnen auf den Tisch? Ich habe vor, einen Sauerbraten zu machen, einen schönen Rheinischen Sauerbraten mit Rosinen und Klößen. Den gibt’s es aber schon zur Mittagszeit. Am Abend gibt es bei uns Kartoffelsalat und Würstchen. Am ersten Feiertag geht es ins Restaurant – zu Edelgard nach Liebenthal.

Wie heißt Ihr Lieblingsweihnachtslied? "Stille Nacht" und "O du Fröhliche" gehören für mich auf jeden Fall zu Weihnachten. Das eine steht für das Fröhliche, das andere für das Nachdenkliche – und beides muss sein.

Und welchen Weihnachtswunsch haben Sie? Da gibt es einen politischen Weihnachtswunsch: dass es nicht so weitergeht, dass jeden Tag neue Kriege ausgelöst werden. Dass man einen Weg findet, wie man Frieden schaffen kann. Und einen privaten: eine Dashcam fürs Auto.⇥wer