Wende
: Lobetaler Gemeinde erinnert an den Mauerfall

Auch in Lobetal wurde an die Geschehnisse des 9. November 1989 erinnert. Bei einem Erinnerungscafé spricht die Gemeinde über diese hochpolitische Zeit.
Von
Amy Walker
Lobetal
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Erinnerungen an eine spannende Zeit: Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde Lobetal erzählen vom Mauerfall und von dem Aufbruch, der kam. Darunter sind Stephan Böttcher, Christian Steincke, Wolfgang Kern sowie Elisabeth und Reinhard Kunze (v.l).

Sergej Scheibe

Heute vor 30 Jahren war es der Tag danach. Der Tag nach dem Wunder, nach dem Rausch“, beginnt Wolfgang Kern. So eröffnet er im Bonhoeffer–Haus in Lobetal das Erinnerungscafé. Nach einem Dankgottesdienst versammelt sich hier die Gemeinde, um sich an die Ereignisse des Mauerfalls und die Zeit danach zu erinnern. Wolfgang Kern selbst war nicht dabei - "Ich weiß nicht mal mehr, was für ein Tag es war“, sagt er, worauf die Gemeinde in den Saal ruft: Donnerstag! Aber er stellt die Fragen: Wie war diese Zeit? Was haben Sie sich erhofft? Und für Lobetaler speziell die Frage: Wie war das, als Honeckers Asyl bekamen?

Wie geht’s? Über Ungarn!

Einstimmig sagen die Lobetaler, dass sich die Veränderung schon lange angekündigt hat. „Es gab schon seit einiger Zeit den Spruch: Wie geht’s? Worauf die richtige Antwort war: Über Ungarn“, erzählt Reinhard Kunze lachend. „Also ja, es gab die Grenzöffnung in Ungarn, die Belagerung der Botschaft in Prag, man hörte, dass sich die SDP gegründet hatte. Dass es am Ende dann so schnell ging, hat man vielleicht nicht erwartet. Aber es war lange etwas im Gange.“ Reinhard Kunze und seine Ehefrau Elisabeth hielten sich trotz der Aufregung durch ihre Umstände etwas am Rande zurück. „Wir hatten vier kleine Kinder und ich war schwanger mit dem fünften. Ich war also gebunden an zuhause. Trotzdem mussten wir zusehen, dass wir einen Fernseher haben, um alles mitzubekommen!“ sagt Elisabeth Kunze.

Auch in der Zeit danach, erinnern sich die Lobetaler an einen hochpolitischen Moment zurück. „Es lag etwas in der Luft. Alle haben es gespürt“, sagt Stephan Böttcher. Die Diskussionen um die Wünsche und Erwartungen für die Zukunft gab es überall. „Es gab einen Wunsch nach Freiheit. Noch heute läuft es mir heiß und kalt den Rücken runter, wenn ich an eines denke: Die Menschen, die sich nach der Wende als inoffizielle Mitarbeiter bei der Stasi herausstellten. Das wünsche ich, dass so etwas nie wieder passiert. Zu erleben, dass man seinen Nachbarn nicht vertrauen kann. Das hat mich mein ganzes Leben geprägt“, erzählt ein Mann aus dem Publikum. Eine andere Frau erzählt lachend von ihrem sehr einfachen Wunsch direkt nach dem Mauerfall: "Ich wollte endlich den Wannsee sehen.“

Dem Feind Asyl gewähren

In dieser Zeit wurde Lobetal plötzlich in das Auge eines Sturms geworfen. Pfarrer Uwe Holmer entschied, dem Ehepaar Honecker im Pfarrhaus für einige Woche Kirchenasyl zu gewähren. „Damit haben wir, konnten wir nicht rechnen. Ich war am Anfang nicht dafür, das sage ich ehrlich. Hauptsächlich hatte ich Angst. Dass Lobetal durch die Anwesenheit Honeckers unsicherer werden würde, wenn hier zum Beispiel der Mob auftaucht und versucht, Lynchjustiz zu betreiben. Die Ängste haben sich zum Glück nicht bewahrheitet. Es hat sehr lange gedauert, bis ich die Entscheidung Holmers kapiert habe“, sagt Stephan Böttcher. Diese Gefühle bestätigt Christian Steincke, auch seine eigene Unsicherheit. „Was sehr schwierig war, war der sofortige Presserummel, der hier entstand“, erinnert er sich. Alle sagen aber, dass sie später die Entscheidung des Pastors verstanden haben. Die Feindesliebe sei christlich. „Für mich war die Zeit geprägt von Bewunderung, dass jemand diesen Menschen aufnimmt. Das hat mich tief beeindruckt“, so Elisabeth Kunze.

Zum Abschluss blickte die Gemeinde in die Zukunft. „In der Wendezeit haben wir gelernt, wie schnell Systeme kippen können. Binnen weniger Monate ist der DDR–Staat in sich zusammengefallen. Und ich hab das Gefühl, dass wieder Systeme kippen. Die Welt ist unruhig, die Herausforderungen sind global. Vielleicht ist das, was wir erlebt haben, nur ein blasser Vorläufer dessen, was kommt“, sagt Reinhard Kunze. Die Gemeinde wünscht sich, dass die Gesellschaft wieder zueinander findet, dass Polarisierung wieder abnimmt. „In dieser bewegten Zeit ist jeder gefragt, Farbe zu bekennen“, sagt abschließend Stephan Böttcher.