Ärztemangel
: Anzahl der Ärzte in Brandenburg ist gestiegen

Die Anzahl der Ärzte im Land Brandenburg ist gestiegen, allerdings sind die Unterschiede regional groß und „Arztpendeln“ wird in Kauf genommen.
Von
Silvia Passow
Havelland
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Weil Zeit nicht alle Wunden heilt, braucht es oft medizinische Behandlung.

Pixabay

Arztsuche ist manchmal ein bisschen wie Geocaching. Bei dieser Form der Schnitzeljagd wäre ein zeitnaher Termin beim Arzt der Hauptpreis. Wer abkürzen will, sucht zunächst den Hausarzt auf. Entweder kann der bereits helfen oder er schreibt eine Überweisung zum Facharzt, damit sollte es schneller gehen. In Falkensee gibt es zwei Orthopäden. Ein ist gerade im Urlaub. Das soll auch so sein, jeder braucht mal eine Auszeit. Für Praxis zwei ist schnell eine Telefonnummer gefunden, nur geht am anderen Ende niemand ran. Eine Tonbandstimme erklärt, man befände sich gerade in der Behandlung. Nächster Tag, gleiche Tonbandstimme, wieder kein Durchkommen. Also persönlich zur Praxis fahren.

Bereits im Hausflur steht eine eindrucksvolle Warteschlange, fast könnte man glauben, drinnen geben heute die Stones ein Gratiskonzert. Tatsächlich stehen alle am Tresen der Sprechstundenhilfe an. Kein Zweifel, die Frau schafft es wirklich nicht ans Telefon. Endlich an der Reihe wird der nächstmögliche Termin genannt, in rund zwei Wochen. Der Hinweis, dass auf der Überweisung etwas von Schmerzen steht, verhallt. Man sei eine Terminpraxis und habe keine Akutsprechstunden. Für akute Schmerzen wird ein Besuch im Krankenhaus empfohlen.

Nun klagen gerade die Mediziner in den Rettungsstellen über Patienten, die mit ihren Beschwerden auch gut und gern einen niedergelassenen Arzt aufsuchen könnten. Da erscheint so ein Hinweis irgendwie seltsam. Nun, wenn die 45.000 Einwohner–Stadt Falkensee gerade nur über einen Orthopäden verfügt, dann eben bei den Nachbarn in Berlin suchen. Das geht dann tatsächlich schnell und ist im Ergebnis zufriedenstellend. Nur ist das wirklich auch so gewollt?

Zum Arzt pendeln ist eingerechnet

Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin Brandenburg (KVBB) und die Krankenkassen des Landes Brandenburg erstellen einen Bedarfsplan für niedergelassene Ärzte. Regional und nach „Arztgruppen“ differenziert werden hier die Möglichkeiten oder Anstellung zur Niederlassung aufgezeigt, schreibt Christian Wehry, Pressesprecher der KVBB auf Nachfrage. Tatsächlich werden Pendlerströme von sozialversicherungspflichtigen Einwohnern hier berücksichtigt, wenn sich der Planungsraum in der Nähe eines Ballungszentrums, befindet. „Mitversorgungseffekt“, nennt man das.

Im konkreten Fall war das Pendeln zum Arzt dem Ausfall eines Arztes durch Urlaub geschuldet. Nun werden Ärzte aber auch selbst mal krank, fallen vielleicht für länger aus, müssen zur Reha, wie das Leben so spielt. Für Betriebe wird bei der Berechnung zur Personalplanung eine Ausfallquote von 20 Prozent empfohlen. Bei niedergelassenen Ärzten gibt es keine Quote, die Ausfälle mit einrechnet, allerdings kann laut Gesetz, ein Versorgungsgrad von 110 Prozent möglich sein. Diese 10 Prozent, so Wehry, könnten gewissermaßen als Ausfallquote angesehen werden.

Es gibt mehr Ärzte im Land

Die Zahl der ambulant tätigen Ärzte ist von 2013 bis Ende 2018 um 8,6 Prozent gestiegen. Derzeit sind 3.860 Vertragsärzte in Brandenburg tätig. Davon sind 1.636 Hausärzte und 2.224 Fachärzte. Aber auch die Einwohnerzahl ist gestiegen. 2013 lebten in Brandenburg 2,45 Millionen Menschen, im Dezember 2018 waren es 2,51 Millionen Brandenburger.

Im Landkreis Havelland gibt es gegenwärtig 211 Vertragsärzte. Bei den Fachärzten gibt es derzeit keinen Mangel, bei den Hausärzten sieht das schon anders aus. Hier sticht besonders Rathenow mit fünf unbesetzten Hausarztstellen ins Auge.

Dass es die jungen Ärzte mehrheitlich nicht unbedingt auf das Land zieht, ist bekannt. Das berufliche und das private Umfeld müssen stimmen. Denn der Arzt oder die Ärztin kommt vielleicht nicht allein, der Lebenspartner/in möchte ebenfalls Berufschancen vorfinden, Kinder wollen betreut und Eltern vielleicht gepflegt sein. Und dann schwebt diese Befürchtung im Raum, auf dem Land, wo jeder jeden kennt, hat der Arzt nie Feierabend. Da stehen die Leute auch des Nachts vor der Tür oder am Sonntag im Garten.

Im vergangenen Jahr hat die KVBB gemeinsam mit den Krankenkassen 8,2 Millionen Euro in die Nachwuchsförderung investiert. Mit dem Beginn des Studienjahres 2019/2020 geht ein neues Förderprogramm der Landesregierung zur Stärkung der landärztlichen Versorgung an den Start. Medizinstudierende können sich um ein monatliches Stipendium in Höhe von 1.000 Euro bewerben. Wer bereits ein Stipendium hat, kann hier zusätzliche Förderungen erhalten.

Dazu sagt Peter Noack, Vorstandsvorsitzender der KVBB: „Von den neuen Landarzt–Stipendium erwarten wir weitere Impulse für die Ansiedlung junger Kollegen und Kolleginnen. Wir haben schließlich die Landesregierung seit über zehn Jahren aufgefordert, uns bei der Förderung des ärztlichen Nachwuchses zu unterstützen. Denn medizinische Versorgung ist Daseinsvorsorge–deshalb ist hier auch die Politik in der Pflicht.“

Übrigens, ab September müssen Fachärzte der grundversorgenden und wohnortnahen Patientenversorgung mindestens fünf Stunden pro Woche als offene Sprechstunde, also ohne vereinbarten Termin, anbieten. Hausärzte sind von dieser Regelung ausgenommen.