Mehr als zwei Jahre nach einem tödlichen Autounfall in Roskow beschäftigt sich seit Mittwoch das Landgericht Potsdam als Berufungsgericht mit dem schrecklichen Geschehen. Ein Wagen war am Juli 2018 in einer Kurve von der Fahrbahn abgekommen, gegen drei Bäume geprallt und auseinandergebrochen. Die 16-jährige Beifahrerin wurde aus dem Leben gerissen, ihr damals 20-jähriger Freund Tobias D. wurde schwerverletzt in ein Krankenhaus geflogen. Für ihn wurden eine Blutalkoholkonzentration von 1,14 Promille und eine Geschwindigkeit zwischen 106 und 126 Kilometern pro Stunde ermittelt – erlaubt waren 50. Beide waren auf dem Heimweg vom Vereinsheim in Zachow, wo sie ein Spiel der Fußball-Weltmeisterschaft verfolgt und D. Bier getrunken haben soll.

Staatsanwaltschaft will neues Gerichtsverfahren

Im September 2019 war D. vom Amtsgericht Brandenburg an der Havel zu einer einjährigen Bewährungsstrafe wegen fahrlässiger Tötung und wegen fahrlässigen gefährlichen Eingriffes in den Straßenverkehr verurteilt worden. Eine Neuauflage des Gerichtsverfahrens will nur die Staatsanwaltschaft – weder der Angeklagte noch die Eltern als Nebenkläger waren gegen das Urteil des Amtsgerichtes in Berufung gegangen. Die Behörde hatte gerügt, dass es sich um einen vorsätzlichen und nicht nur fahrlässigen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr gehandelt hatte, die Strafe zu niedrig ausgefallen sei und zwei Zeugen nicht gehört worden waren, die D. vor dem Unfall mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit überholt haben soll.

Richter will Hinterbliebenen neuerlichen Prozess ersparen

Der Vorsitzende Richter Jörg Tiemann äußerte in deutlichen, eindringlichen Worten sein Unverständnis, dass die Staatsanwaltschaft das Verfahren weiter betreibe und warnte auch vor falschen Erwartungen an den Prozess. Was als Berufungsgründe angeführt werden, erscheine ihm vor dem Hintergrund des wirklich Geschehenen „so klein und so marginal“.
Für die Eltern werde der Verlust ihrer einzigen Tochter nie zu überwinden sein, und der Angeklagte habe einen geliebten Menschen getötet. „Meine Ansicht ist, es besser auf sich beruhen zu lassen“, sagte Tiemann. Das Gericht könne keine Gerechtigkeit schaffen, die auch für die Eltern Gerechtigkeit ist. „Es wird ein schweres Verfahren werden, auch emotional, und es wird keine Wunder bewirken“, prophezeite der Richter.

Auch Geld spielt eine Rolle

Tiemann verwies auch darauf, dass die Staatsanwaltschaft selbst in der ersten Instanz die einjährige Freiheitsstrafe beantragt hatte. Staatsanwältin Luczyk ließ sich am Mittwoch aber nicht darauf ein, die Berufung zurückzunehmen – dann würde das erstinstanzliche Urteil wirksam. Sie verwies darauf, dass es sich um eine hierarchische Behörde handele und der Behördenleiter es so entschieden habe.
Nicht außen vor schien das Thema Geld bleiben zu können. Das Amtsgericht hatte den Eltern jeweils 10.000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen, die D. zahlen soll und offenbar teilweise von der Versicherung getragen werden. Als D.s Anwalt und sein Kollege, der die Eltern des Mädchens vertrat, über verschiedene Detailfragen zu debattieren begannen, beendete Tiemann das energisch. Über die Beträge zu reden ehe darüber gesprochen wurde, was dem Opfer passiert sei, „das ist pietätlos“.

Keine neuerliche Aussage durch den Beschuldigten

Weiterverhandelt werden soll in Potsdam am 2. November – wenn die Staatsanwaltschaft in der Zwischenzeit nicht doch noch mit Zustimmung des Angeklagten die Berufung zurücknimmt. D.s Verteidiger stellte bereits klar, dass sein Mandant im neuen Prozess nicht aussagen wird. So müssten Zeugen und Sachverständige noch einmal auf den Zeugenstuhl, Eltern und andere Verwandte sich erneut mit dem Geschehen auseinandersetzen. Bereits im Urteil des Amtsgerichts waren die enormen psychologischen Beeinträchtigungen geschildert worden. Die Eltern waren mehrere Monate lang krankgeschrieben und in – wie auch der Angeklagte – in psychologischer Behandlung.