Brandenburger erinnert sich: Manfred Ostendorf über die letzten Kriegstage 1945
Unter dieses Motto stellte unlängst der Brandenburger Manfred Ostendorf einen fundierten und objektiven Vortrag, veranstaltet vom Interessenkreis Militärgeschichte des Brandenburgischen Kulturbundes. Der 84 Jährige kann sich noch umfassend an jene schlimme Zeit erinnern. Aufgewachsen in der Rathenower Straße und später im gerade entstehenden Wohngebiet Görden (SA-Straße / heutige Gördenallee), nahm er zunächst den Glanz unserer alten Chur- und Hauptstadt wahr. Aber mit den ersten Lebensmittelkarten ab September 1939 sowie in den Folgejahren vor allem durch immer öfter ertönenden Fliegeralarm – bis hin zu dem nachhaltigen Bombenangriff am 6. August 1944 auf Opel und andere Werke – wurden alle von der Realität eingeholt. „Für mich Achtjährigen bleibt dieser Tag unvergesslich. Soviel Angst wie damals im Luftschutzkeller hatte ich nie wieder“, resümierte Ostendorf. Verdunkelungsrollos, auch in Straßen- und Eisenbahnen, bis hin zu Lichtschlitzen der Auto-Scheinwerfer, waren da längst bedrückendes Szenarium. Inbegriffen jene drei weißen Großbuchstaben „LSR“ an den Häusern bzw. die zu den oft stockfinsteren Luftschutzkellern weisenden Pfeile. Mit Koffer oder Rucksack, die Namen der Angehörigen eingeprägt, ging es bei Alarm in diesen vermeintlich sicheren Unterschlupf. „Je länger der Krieg dauerte, desto öfter bestimmten schauriges Sirenengeheul und Bombenabwürfe – auch nachts – unser Leben. Trostlos zudem das Bild der Flüchtlingstrecks aus den deutschen Ostgebieten. Ein Teil dieser geplagten Menschen fand Aufnahme bei hiesigen Familien, oft ungeachtet eigener Wohnungsnöte. Aber die pausenlos von den Nazis propagierte ‚große Gefahr’ aus dem Osten ließ nicht mehr auf sich warten. Nach der erbittert geführten Schlacht auf den Seelower Höhen, mit der die Sowjetarmee am 16. April ’45 ihre Berlin-Operation einleitete, hieß es nämlich kurz darauf in unserer Stadt: ‚Die Russen kommen!‘ Ein Sirenen-Dauerton stimmte am 24. April darauf ein. Im Vorfeld“, so schilderte Ostendorf weiter, „wurden bei uns noch die Kellerfenster mit einem Splitterschutz ausgestattet und verbarrikadiert. Kriegsgefangene mussten dazu Bordsteine heranschleppen; eiligst im Gördenwald geschlagenes Holz diente für Panzersperren. Ergänzt durch zahlreiche Schützenlöcher. Schließlich sprengte die Wehrmacht nun auch die bei Opel über den Silokanal führende Brücke. Vergeblich, denn die vordringenden Russen setzten kurzerhand auf einer Behelfsfähre über. Vor allem dank ihrer deutlichen Übermacht ließen sich diese Soldaten nicht mehr aufhalten. Nun erschallte zum Schrecken der in den Kellern ausharrenden, völlig eingeschüchterten Bewohner immer wieder ein forderndes ‚Dawai, aufmachen!!!’. Die so gefürchteten Russen waren da. Einige riefen eher fragend ‚Kapitalist?!’, trafen im Anblick von Frauen und Kindern aber nur ganz einfache Menschen an.“
Hunger, Not, Elend, Trümmer, Tod sowie gefallene und verwundete Soldaten waren zuvor ja längst erdrückender Alltag geworden. Der heutzutage weiterhin umtriebige Rentner Manfred Ostendorf erinnert sich aber zugleich u. a. beispielsweise auch daran, dass damals ein russischer Offizier ein Kind aus der Nachbarschaft in der SA-Straße plötzlich streichelte. Schier undenkbar – dann erfreute dieser fremde Soldat das kleine Mädchen mit einer Packung „Katzenzungen“, die offensichtlich aus Königs Waffel- und Honigkuchenfabrik (Wredowstraße) stammte. Indes dürften einige findige Zeitgenossen ihren unbändigen Hunger weitaus besser gestillt haben, deckten sie sich doch in einer Gartenkolonie mit Fleisch von kurz zuvor getöteten Pferden ein. Und welch ein Husarenstück gelang da jenem Armamputierten, der seinen Handwagen im Heeresverpflegungslager am Silokanal mit so begehrten Lebensmitteln beladen konnte, ohne dass ihn die „siegestrunkenen“ Sowjets entdeckten. List und Tücke ("Ick habe keene Angst") halfen dabei wohl. Glücklich darüber, verteilte der Mutige einen Teil seiner Beute sogar an dankbare Mitbewohner. Übrigens, Posten der Sowjets wachten längst überall, auch vor dem „Einkaufszentrum“ Ruwisch. Und als man eine Reihe älterer, kriegsunfähiger Männer in die bisherige Polizeiwache beordert hatte – in der Annahme, sie würden der „Werwolf“-Organisation angehören –, zögerten einige der Rotarmisten nicht lange. Sie schleiften die Schwächsten dieser Gruppe, die auf den beschwerlichen Weg gen Oranienburg getrieben wurde (dort befand sich bisher das KZ-Lager Sachsenhausen) kurzum gar über die Straße...
Ein anderes trauriges „Kapitel“, das später zu DDR-Zeiten ein Tabu-Thema blieb, waren die Vergewaltigungen ungezählter Frauen und sogar Mädchen. „Ihre Schreie bei diesen Übergriffen seitens etlicher Russen verhallten offensichtlich ungehört im Wohngebiet“, konstatierte Ostendorf. Ebenso gravierend blieb in seinem Gedächtnis die Nachricht vom Tode zweier seiner Schulfreunde, die beim Wasserholen durch explodierende Minen getötet wurden. Bilder von schwer verwundeten deutschen Landsern vor dem inzwischen auch in der Werner-Mölders-Schule eingerichteten Lazarett waren kaum weniger schockierend als der Anblick getöteter russischer Soldaten auf offenem Gefährt in Richtung „ihres“ Friedhofs am Steintorturm. Gefangene Wehrmachtssoldaten hatten zuvor diese Sowjetarmisten bergen müssen. Da nahm sich jene Szene, als sich Kosaken an einer Pumpe im Siebenbürger Weg der Wassereimer des damals überraschten neunjährigen Manfred Ostendorfs bedienten, um ihre Pferde zu tränken, eher als eine Momentaufnahme aus.
Folgenschwer indes sollte die kurz nach Kriegsende einsetzende Requirierung von Wohnungen sein. „Nun mussten viele Familien ihre angestammten Quartiere aufgeben bzw. zunächst auf Teile davon verzichten. Das betraf insbesondere die Hohenzollern- (heutige Karl-Marx-Str.), Fouqué- und Oldenburger Straße, wo die Siegermacht wie in den meisten Kasernen dann für Jahrzehnte „zu Hause“ war.“ Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands Anfang Mai 1945 kam für lange Zeit abermals unter der Zivilbevölkerung Angst auf, nämlich nun von den sowjetischen Besatzern abgeholt zu werden. Selbstmorde, so unter Lehrern und Medizinern, waren da keine Seltenheit.
Manfred Ostendorf – seit Jahrzehnten ein profunder Kenner der Militärgeschichte – stellte an den Schluss seiner nachdenklich stimmenden Reminiszenzen eine vielsagende Bemerkung: „Wer heute etwas anderes über diese schweren Zeiten erzählt, der lügt!“


