Eisenbahngeschichte
: „Die Stille Pauline“

Bis zum 31. März 1949 verkehrte die Schmalspurbahn zwischen den Städten Rathenow und Nauen.
Von
Heinz-Walter Knackmuß
Havelland
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  • "Die Stille Pauline bei Senzke.

    "Die Stille Pauline bei Senzke.

    Archiv Knackmuß
  • Der Streckenverlauf zwischen Rathenow und Nauen.

    Der Streckenverlauf zwischen Rathenow und Nauen.

    privat
  • Zug. Personal und Fahrgäste auf einer alten Postkarte aus Kotzen.

    Zug. Personal und Fahrgäste auf einer alten Postkarte aus Kotzen.

    Knackmuß
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Einmal fuhren zwei Landiner, Fritz Mewes und Gerhold Müller, mit der Kleinbahn von Landin zur Stadt Nauen, als in Haage ein neuer Fahrgast einstieg und gleich auf Gerhold Müller zuging, ihm die Hand schüttelte und fragte: „Wie geht es Dir denn, Gustav?“ „Gut, gut, gut,“ antwortete der Angesprochene. „Was machen denn Deine Frau und die Kinder, Gustav?“ „Auch gut,“ erwiderte er. Als der Fahrgast in Pessin ausstieg, verabschiedete er sich überschwenglich und bestellte noch einmal viele Grüße an Frau und Kinder. Nachdem der Zug wieder angefahren war, sagte Fritz Mewes zu seinem Freund: „Du heißt doch gar nicht Gustav, und bist doch auch nicht verheiratet, und Du hast auch keine Kinder. Warum hast Du nichts gesagt?“ Gerhold Müller erwiderte ihm seelenruhig: „Ja, das ist alles richtig, was Du sagst. Ich kannte den Mann auch nicht, aber sollte ich mich mit ihm streiten?“

Für die Bauern war „Die Stille Pauline“ überlebenswichtig, wenn im Herbst die Zuckerrüben zur Zuckerfabrik nach Nauen gebracht werden mussten, für den Transport von Kartoffeln, Korn, Obst und Gemüse und für das Schlachtvieh. Alles transportierte „Die Stille Pauline“ — natürlich auch die Menschen, die zum „Inköpen“ (Einkaufen) in die Kreisstadt Rathenow fuhren. Von dort war es dann auch nur ein Sprung nach Berlin. Es gab richtig schöne Bahnhöfe wie in Stechow, aber auch nur Haltepunkte, die einfach zwischen Feldern lagen und doch keine 1.000 Meter weiter von Stechow  schon als „Bahnhof Ferchesar“ bezeichnet wurden. Es gab auch für den damaligen Stress folgendes geflügeltes  Wort, das Agnes Barnewitz zugeschrieben wird: „Wäsche wascht, Mann begraven und nach Stadt jeführt“ (Wäsche gewaschen, Mann begraben und in die Stadt gefahren), wobei damit Rathenow gemeint war. Die Besucher des Adels und aller anderen Familien kamen mit der Stillen Pauline nach Landin, aber auch das Dienstpersonal und die Knechte und Mägde für die Bauern. Denn es musste ja noch alles mit der Hand gemacht werden, und der Bedarf an Arbeitskräften war besonders im Herbst groß. Wenn sich Besuch bei den von Bredows angesagt hatte, fuhr der Kutscher zum Bahnhof Landin und holte die Gäste pünktlich ab. Die Besucher hatten ja meistens eine briefliche Korrespondenz vorausgeschickt, und „Die Stille Pauline“ war berühmt für ihre Pünktlichkeit. Man konnte die Uhr danach stellen, auch wenn sie immer auf Gäste, die mit der Bahn in Rathenow eintrafen, wartete. Dem Schaffner wurde Bescheid gesagt, dass man die Tante aus Berlin erwartete, und dann konnte man in Ruhe alle Koffer, Kästen und Taschen, es gab auch noch Reisekörbe,  in „Die Stille Pauline“ bringen, und dann ging die Reise los.

Es war ja von Rathenow eine wunderschöne Fahrt durch das Havelland mit seinen Wäldern, Wiesen und Feldern. Ob die Menschen damals dafür Augen hatten, weiß ich nicht, aber heute wäre „Die Stille Pauline“ eine Touristenattraktion. Nach der Landesgartenschau 2006 und nach der Bundesgartenschau 2015 hat es ja eine regelrechte Invasion von Touristen im Havelland gegeben, und ich denke, das wird auch zukünftig ein wichtiges Standbein der Wirtschaft sein. Dabei sollte man die Vision der Wiederinbetriebnahme der „Stillen Pauline“ nicht aus den Augen lassen.

Im Havelland gibt es so manche Sehenswürdigkeit wie die Sieben–Brüder–Eiche in Friesack, den Hochzeitsbaum in Linde und natürlich die Lady Agnes in Stölln. „Die Stille Pauline“ fuhr von 1932  bis zum 31. März 1949 und wurde vom Landkreis Westhavelland betrieben. Sie sollte den Landkreis an die Bahnnetze nach Berlin und Hamburg anschließen. Der Sitz der Verwaltung der Schmalspureisenbahn war in Rathenow.

Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939—1945) wurden die Schienen der Stillen Pauline als Reparationsleistungen abgebaut und in die Sowjetunion gebracht und dort wohl eingeschmolzen. Es war ja auch bei in der Sowjetunion durch den Krieg alles zerstört worden.