Gedenken in Corona-Zeiten: 75. Jahrestag der Befreiung im KZ Außenlager Falkensee
Wir üben uns in dem, was es schon damals, vor über 70 Jahren, gebraucht hätte. Solidarität und Achtsamkeit, wir wollen andere Menschen vor Leiden bewahren. Wir halten Abstand voreinander, gemeinsames Gedenken schließt dies ein. Vergessen sein sollte die Geschichte dieses Ortes dennoch nicht. Auch wenn, zum ersten Mal seit 1965, keine offizielle Gedenkveranstaltung stattfindet, in deren Rahmen der Opfer von Terror und Gewalt des menschenverachtenden Nazi-Regimes an diesem Ort gedacht wird.
Das KZ Sachsenhausen-Außenlager Falkensee
Das Außenlager in Falkensee war eines der größten Außenlager des KZ Sachsenhausens und von 1943 bis 1945 in Betrieb. Zwischen 1.600 und 2.500 Gefangene aus nahezu allen Ländern Europas mussten hier unter mörderischen Bedingungen für die Deutsche Maschinen AG (DEMAG) arbeiten. Viele der Menschen, die hier als Arbeitssklaven gehalten wurden, überlebten die harte körperliche Arbeit nicht. Die meisten Insassen kamen aus Frankreich, Polen, der Sowjetunion und Norwegen. Ab 1944 mussten die Häftlinge unter unmenschlichen Umständen jene Waffen produzieren, die in ihren Heimatländern für Tod und Zerstörung sorgen sollten.
Als die sowjetische Armee im April 1945 auf Berlin zu marschierte, floh ein Großteil der SS-Wachmannschaft Richtung Westen. Die Häftlinge warteten unter Leitung eines Lagerkomitees das Eintreffen der sowjetischen Truppen ab. Diese Truppen sollen sehr überrascht gewesen sein, als sie am 26. April ein Konzentrationslager so dicht bei Berlin entdeckten.
Nach Kriegsende dienten die Baracken als Quarantänequartier für Umsiedler und Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten. Auch aus der Kriegsgefangenschaft entlassene Soldaten wurden hier untergebracht. Und auch die verletzlichsten aller Kriegsopfer, Waisenkinder, fanden hier Obdach. Ein Kapitel trauriger Geschichte, dass bisher nur sehr wenig Aufmerksamkeit erhielt. 1948 löste man das Lager auf und riss fast alle Baracken ab. Eine der Baracken blieb als Lagerraum stehen.
Gedenken im Wandel der Zeit
Wenn jemand etwas über das KZ, den Umgang mit dem Gedenken und dem Geschichtspark weiß, dann ist das die Leiterin des Museums Falkensee, Gabriele Helbig. Das Museum verfügt über eine umfangreiche Sammlung an Dokumenten und Fotos, viele davon wurden von den Falkenseern dort abgegeben.
Auch von der ersten Gedenkfeier auf dem Gelände des ehemaligen KZs Falkensee werden im Museum Fotos aufbewahrt. Sie fand zwanzig Jahre nach der Befreiung statt, 1965 und es waren ehemalige französische Häftlinge, die am Ort des Terrors, den sie überlebt hatten, gedenken wollten. Bis dahin hatte man Gedenkveranstaltungen an einem 1950 erbauten Mahnmal zelebriert. „Auf dem Gelände der alten Stadthalle gedachte man der Opfer des Faschismus“, erklärt Helbig.
Dieses zentral gelegene Mahnmal war nicht der Ort, den die Überlebenden mit ihren Schicksalen und Erinnerungen verbanden. Sie wollten dorthin, wo sie gemeinsam gelitten hatten, an den Ort der Erinnerungen. Und sie hatten einen Gedenkstein dabei. Diesen Naturstein, versehen mit einer Tafel und einer Inschrift, wollten sie als Mahnmal aufstellen. Dem Wunsch entsprachen die Verantwortlichen in der DDR und der Stein wurde im Rahmen des Gedenkens aufgestellt.
Auf den Schwarz-Weiß-Fotos aus jener Zeit sieht man Redner am Pult stehen, umringt von Kindern aus den benachbarten Schulen. Ehemalige Häftlinge sind zugegen. Den Ort als Gedächtnisstätte zu erhalten, sei den Überlebenden wichtig und die Stadt Falkensee unterstützt den Wunsch, einen Ort der Erinnerung zu schaffen, erzählt Helbig.
So wird zwei Jahre später das Mahnmal, die Stele mit dem auf dem Kopf stehenden Winkel, eingeweiht. Die Säule wird von einem Relief des Dresdners Karl Schönherr eingefasst. Das Vierteilige Bronze-Relief hat eine realistische Bildsprache. „Vier Themen hat Schönherr hier dargestellt, den Lageralltag, die schwere Arbeit, den Zusammenhalt der Häftlinge und die Befreiung“, erläutert Helbig die Darstellung auf dem ursprünglichen Relief.
Wer heute den Ort besucht, findet statt des Original-Reliefs die in Sandstein gearbeitete bildhafte Darstellung des Lageralltags von Ingo Wellmann vor. Nicht nur die Materialien unterscheiden sich, auch die Art der Darstellungen. Im Gegensatz zu Schönherr, der auch die Täter abbildete, lässt Wellmann deren Anwesenheit am Ort des Gedenkens für die Opfer nicht zu. Der Falkenseer Wellmann orientierte bei sich bei seiner Arbeit an den Aussagen von Überlebenden, weiß Helbig zu berichten.
Politisch instrumentalisiertes
Gedenken in der DDR
In der Deutschen Demokratischen Republik wurde nicht nur der Opfer des Faschismus am Ort des ehemaligen KZs gedacht. Die Übergabe von Partei-Dokumenten erfolgte hier regelmäßig. Gerade von solchen Momenten zeugen sehr viele der Fotos im Museum. Es gab Bemühungen, die Bedeutung des Ortes auch über die Stadtgrenze Falkensees hinaus zu tragen. Fotos im Museum zeigen eine Ausstellung zum KZ Falkensee in Nauen. Im Hintergrund ist auf einem der Fotos Bruno Schultz zu erkennen. Schultz war Häftling im KZ. Am Tag der Befreiung begann er ein Tagebuch zu führen. Heute liegt das Tagebuch im Museum und wird dort sorgsam aufbewahrt.
Im Jahr 1967 ereignete sich ein Vorfall, der nicht wirklich aufgeklärt werden konnte. Der französische Gedenkstein wurde zerbrochen aufgefunden. „Die Finder hatten die Teile sehr sorgsam eingesammelt“, sagt Helbig. Der Stein befindet sich heute im Museum, am Gedenkort selbst standen verschiedene Repliken, allesamt dem Original im Museum nachempfunden. Ob der Stein einfach umfiel oder ein Opfer von Vandalismus war, lässt sich nicht sagen. Aufgrund der Nähe zur Grenze war das Areal gut bewacht, unmöglich ist jedoch nichts.
Auch von den Feierlichkeiten aus dem Jahr 1975 gibt es Fotos im Museum. Auf einem der Fotos ist Max Reimann zu sehen. Reimann war Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und ehemaliger Häftling im KZ Falkensee. Die Spandauer Straße trug eine Zeit lang seinen Namen.
Auch der Geschichtspark
hat Jahrestag
1995 wurde aus der Gedenkstätte der Geschichtspark Gedenkstätte KZ-Außenlager Falkensee. Zuvor hatte die Stadt das Gelände zum symbolischen Preis von 1 D-Mark erworben. Der Erwerb war zweckgebunden, Baudenkmal und Bodendenkmal im KZ sollten damit geschützt werden. Michael Heurich zeichnet sich für die Landschaftsplanung verantwortlich, erstellte das Konzept zum Geschichtspark zusammen mit Ingo Wellmann. Aus dessen künstlerischer Hand kommen die drei Statuen am Lager: die Denkzeichen Nicht sehen, nicht hören, nicht sagen.
Ein zweiter Gedenkstein
Die größte Gruppe der Häftlinge waren französischer Herkunft, die zweitgrößte Gruppe stellten die Norweger. 2005 bringen auch die Skandinavier einen Mahnstein. Der norwegische Botschafter ist dabei und auch Sigurd Syversen, der wohl bekannteste unter den norwegischen ehemaligen Häftlingen, ist angereist. Syversen kehrt oft zurück an die Stätte seiner Lagerhaft. Die von ihm eingerichteten „Weißen Busse“ bringen norwegische Schüler regelmäßig zum Erinnern und Gedenken nach Falkensee.
An der einzigen noch verbliebenen Baracke aus dem Jahr 1943 wird eine Gedenktafel angebracht, die an alle Opfer des Nazi-Terrors im Lager erinnert. Damit sollen alle Angehörigen jedweder Nation einen Ort finden, an dem sie gedenken und Blumen niederlegen können.
75 Jahre später
Heute schützt ein Bauzaun die instabile Baracke, Moos hat sich wie ein grüner Teppich über die Fundamente gelegt. In der Baracke sind drei Statuetten erkennbar. Auch sie stammen von Ingo Wellmann. Sie bilden die Gegenentwürfe zu Jenen am Lagerrand. Der Sehende, der Hörende und der Rufer.
Das Gras wächst im Geschichtspark, doch über die Geschichte sollte es nicht wachsen, an einem Ort der Erinnerung. 2018 wurde für den Park ein neues Konzept erarbeitet. Dies sieht vor, dem Besucher mehr Informationen zur historischen Stätte zu geben. An den drei Eingängen wurden bereits Informationstafeln errichtet. Dafür erhielt die Stadt Fördermittel vom Land Brandenburg. Noch in diesem Jahr will die Stadt die Häftlingsbaracke sichern, heißt es auf Anfrage. Eine Ausschreibung sei bereits erfolgt. Auch sollen weitere Informationstafeln aufgestellt werden. Hier gibt es allerdings noch keine Angaben zum Zeitpunkt.
Danksagung: Dieser Beitrag wäre nicht möglich geworden ohne die großartige Unterstützung von Gabriele Helbig. Einen herzlichen Dank dafür. Im Museum werden die Zeitzeugnisse gewissenhaft verwahrt. Ihr guter Zustand, die Vielfalt der Dokumente und Fotos sind dem Engagement der aktuellen Mitarbeiter, wie auch deren Vorgängern, zu verdanken.


