Germanische Geschichte zum Anfassen
: Das historische Dorf Gannahall in Nauen

Der Semnonenbund befasst sich in Nauen mit dem Leben der alten Germanen und baut dazu das historische Dorf Gannahall.
Von
Silvia Passow
Nauen
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Rico Krüger und Norbert Gardow haben sich in Schale geworfen. Nicht irgendeine Schale, sondern möglichst detailgetreu sollen Kleidung, Gebäude und Feste im historischen Dorf Gannahall in Nauen sein.

Silvia Passow

Krüger experimentiert schon eine ganze Weile, stellt sich die Frage, wie die Altvorderen ihre Häuser warmhielten. Dabei geht ihm einiges durch den Kopf: Wie zogen Rauch und Qualm ab, war ein offenes Feuer in einem Haus, dessen Dach aus Stroh bestand, nicht doch etwas zu leichtsinnig? Zumindest, wenn das Stroh so offen aus der Dachkonstruktion lugt? Hätte eine Verkleidung das Risiko eines Brandes nicht deutlich geschmälert? Und ist es sinnvoll, die Feuerstelle in der Nähe der tragenden Teile des Hauses zu bauen? Und letztlich, würde der Ofen tatsächlich genug Wärme abgeben?

Letzteres wird Krüger im Praxistest herausfinden. Er wartet auf die nächsten frostigen Nächte, dann will er in dem Langhaus übernachten, auf moderne Errungenschaften wird er dabei verzichten. Denn darum geht es im kleinen germanischen Dorf Gannahall: Im Experiment herausfinden, wie es sich um Christi Geburt, von der man hier freilich noch nichts ahnte, auf der Nauener Platte lebte.

Leben vor 2.000 Jahren

Wären Asterix und Obelix aus ihrem Gallischen Dorf bei der Gassi–Runde mit Idefix zu lange gen Osten gelaufen, hätten sie irgendwann Bekanntschaft mit dem Volk der Semnonen gemacht. Die als Stammvolk der Elbgermanen geltenden Semnonen siedelten im heutigen Ostdeutschland, waren tief religiös und geachtete Kämpfer.

Im Jahre 2000 gründeten Geschichtsinteressierte aus Nauen den Semnonenbund. Der Verein hat rund dreißig Mitglieder, davon sind etwa zehn regelmäßig auf dem Vereinsgelände aktiv. Es ist nicht der erste Standort des Vereins, es ist jedoch der Ort, an dem sie sich dauerhaft niederlassen wollen. Hier soll ein experimentelles Dorf entstehen, Gannahall wird hier gebaut. Krüger versteht sich als Forscher in Sachen Geschichte vor der Haustür. Die sei wenig bekannt, befindet er. Denn so wie im sogenannten Dritten Reich die Geschichte der Germanen überhöht dargestellt wurde, so wurde sie in der DDR kleingeredet, sagt Krüger. Dass gerade die Beschäftigung mit den alten Germanen Fallstricke hat, weiß Krüger sehr wohl. „Wir möchten die germanische Kultur von der Nazi–Fraktion wegholen“, sagt er. Krüger hat die Frühgeschichte nicht im akademischen Sinne studiert, er hat sie sich erlesen, besucht die Grabungsorte, hält Kontakt zu Archäologen und Historikern.

Krüger beschreibt die Semnonen als ein Volk, dass sehr eng an die Natur, an Rituale und Glaubenssätze gebunden war. Sie waren bereits sesshaft und betrieben Ackerbau und Viehzucht. „Sie hatten Fachleute für alle Lebensbereiche und sie lebten extrem nachhaltig. Wenn sie ein Tier schlachteten, nutzen sie alles davon. Gingen sie in den Wald, weil sie Holz brauchten, fällten sie nicht einfach irgendeinen Baum. Sie wussten, welcher Baum gefällt werden kann, ohne dass ganze System Wald zu gefährden“, sagt Krüger und mit jedem Wort kann der Zuhörer seine Bewunderung für die Altvorderen heraushören.

Die bereits im vergangenen Jahr angelegten Gärten sollen erweitert werden. Zur Zeit wird das Saatgut historischer Obst– und Gemüsesorten gesucht und es wird weiter auf Kräuterkundige gesetzt, die das Wissen um die Schätze auf den Havelländer Wiesen erweitern. Außerdem wird weiter an den Gebäuden im Dorf gebaut. Der Speicher soll fertig werden, ein weiteres Langhaus und eine Töpferei mitsamt Brennofen stehen auf der To–Do–Liste für dieses Jahr.

Möglichst nah am Original

Norbert Gardow trägt eine wunderschön gearbeitete Mantel–Fibel, also eine Klammer, die den wärmenden Umhang verschließt. Er ist mit seinen 55 Jahren ältestes Vereinsmitglied, wie sagt. Die Mantel–Fibel hat er sich nach einem Originalfundstück aus Pessin anfertigen lassen. Die Kleidung, die er trägt, entspricht jener, die in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhundert nach Christi Geburt getragen wurde, erklärt er. Er hat ein Schwert dabei, ebenfalls eine Nachbildung und zwei Sperre. Auch hier wurden die Spitzen den Funden aus der Umgebung nachempfunden. Auch das Design von Krügers Gürtelschnalle ist vor rund 2.000 Jahren erdacht worden. Auch eine Replik, das Original wurde bei Ausgrabungen in Ketzin gefunden, sagt Krüger.

Gefeiert wird, so ist es Brauch, auch rund ums Jahr. Am Samstag, 21. März, beginnt die Feier–Saison in Gannahall mit den Ostara–Feierlichkeiten, mit denen der Winter ausgetrieben werden soll. Am 9. und 10. Mai stehen die Wettbewerbe der Kämpfer, die Alls Wari Dags in der achten Auflage auf dem Programm.