Geschichte der Funkstelle Nauen
: Fläche konnte günstig gekauft werden

Die Geschichte des „Funkamtes“ in Nauen ist lang. Es ist die älteste noch in Betrieb befindliche Großfunkstelle der Welt.
Von
Helmut Augustiniak
Nauen
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Die Großfunkstelle bei Nauen um 1920. Das Gebäude steht heute unter Denkmalschutz.

Archiv Augustiniak

Warum diese bedeutende Anlage gerade in der Jägelitz im Havelländischen Luch gebaut wurde, hatte folgende Gründe: die 40 Hektar große Fläche konnte vom Fideikommissar Fritz Stotze aus Neukammer preiswert gekauft werden, der feuchte Untergrund des Luchbodens ist sehr günstig für die Ausbreitung der Funkwellen und die Nähe der Hauptstadt Berlin war wünschenswert. Kaiser Wilhelm II., bekannt als Technikfreak, konnte die Strecke zwischen Berlin und Nauen bei seinen Besuchen schnell bewältigen. Die großen Industriebetriebe und die wissenschaftlichen Einrichtungen hatten ihren Sitz in der Reichshauptstadt. Ihre Mitarbeiter konnten mit den damals noch recht langsamen Verkehrsmitteln die Anlage über die vorhandenen schlechten Chausseen gut erreichen.

Am 9. August 1906 wurde der Probebetrieb der Anlage durch den Telefunken–Ingenieur Rudolf Hirsch aufgenommen und am 16. August der operative Betrieb als Versuchsstation. Als Sendemast diente ein 100 Meter hoher Stahlmast, der eine Schirmantenne trug. Als Sender wurden Knallfunksender verwendet. Schon beim ersten Funkversuch reichten die Signale bis St. Petersburg. Ab 1909 wurden mit den neu installierten Löschsendern Reichweiten bis 5.000 Kilometer erzielt.

Da Deutschland bei der Aufteilung der Welt mit Kolonien zu spät gekommen war, eroberte das Deutsche Reich vorwiegend in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Asien und Afrika riesige Landstriche. Die Kommunikation mit den dort ansässigen deutschen Verwaltungsbehörden wurde durch den Bau von Funksendern abgesichert. 1911 gelang erstmals eine Funkverbindung mit der Funkstation Kamina in der damaligen deutschen Kolonie Togo. Roland Stock führte einen Originalfilm aus dieser Zeit vor. Er dokumentierte den Bau der Funkstation.

Fernab des Deutschen Reiches mussten Material und vorgefertigte Teile aus Deutschland in die Einöde Afrikas gebracht werden. Dafür wurden eine Landungsbrücke, Straßen und Schienenwege gebaut. Die Arbeitskräfte für den Bau der der Funkanlage mit den entsprechenden Gebäuden wurden aus den Bewohnern der Umgebung rekrutiert. Der Film zeigt ein Gewimmel von Afrikanern, die nur mit einem Lendenschurz bekleidet die schwersten und gefährlichsten Arbeiten verrichteten. Jeder der deutschen Aufseher beobachtete die Ausführung der Tätigkeiten mit einem Ochsenziemer in der Hand.

Die Nauener Funkstation bekam im Ersten Weltkrieg eine große Bedeutung. Die Unterseekabel waren von den gegnerischen Mächten unterbrochen worden. Von Nauen aus erreichte die Nachricht vom Kriegsausbruch die deutschen Kolonien, von denen die deutschen Handelsschiffe benachrichtigt wurden.

Von 1918 bis 1931 gehörte die Anlage zur Transradio AG, 1932 übernahm die Deutsche Reichspost die Station. Das von Hermann Muthesius errichtete Hauptgebäude wurde 1920 errichtet und steht heute unter Denkmalsschutz.

Im Zweiten Weltkrieg diente der Sender vorwiegend zur Übermittlung von Befehlen an getauchte U–Boote. 1945 erfolgte die Demontage der Station durch die sowjetische Besatzungsmacht. Eine schwere Zeit erwartete die Beschäftigten des Bewachungspersonals der Deutschen Reichspost. Sie wurden während der Hitlerzeit in die SS integriert. Das hatte 1945 die Folge, dass sie in sowjetische Internierungslager kamen. Wie viele dort überlebten, ist unklar. Einige wurden nach ihrer Entlassung bei der Post der DDR weiterbeschäftigt.

Bis 1955 arbeitete die Funkstation nicht. Sie wurde als Kartoffellager benutzt. 1956 entstand das Funkamt Nauen. Einige Rundfunkstationen und das „Nauener Zeitzeichen“ wurden von hier gesendet. Die ersten drehbaren Kurzwellenantennen wurden 1964 errichtet. Der Malermeister Wolfgang Döpke, der den Vortrag besuchte, konnte sich erinnern, dass er als Mitarbeiter der PGH Maler Falkensee in schwindelnder Höhe von 80 Metern die Antennenteile strich. Nach der Wende ging die Anlage an die Deutsche Bundespost über. Seit 2008 gehört die Sendeanlage dem Unternehmen Media Broadcast.