Die Steintorbrücke hat am heutigen Sonntag, dem 1. November, ein Jubiläum ganz besonderer Art. Denn es jährt sich zum 95. Mal der Tag ihrer feierlichen Einweihung. Allerdings ist es - für jeden sichtbar - alles andere als ein „betagtes“ Bauwerk. Dabei war auch dieser Brücke noch in den letzten Kriegstagen eine mutwillige Teilzerstörung seitens der nach Westen fliehenden, weitgehend aufgeriebenen Wehrmachtsverbände nicht erspart geblieben.    Wohl vor allem von den Kraftfahrern wird sie im dichten Straßenverkehr nur bedingt als solche wahrgenommen.

Stadtkanal 1550 erweitert

Schließlich lässt die geringe Spannweite der 24-Meter-Konstruktion kaum erahnen, dass hier der Schleusen- bzw. Stadtkanal überquert wird, der 1550 im Auftrag von Kurfürst Joachim II. vom Graben zur Schifffahrtsstraße erweitert worden war.
Zum anderen trägt das arteigene, steinerne Geländer der Brücke mit ihren beiden 2 x 6 Meter breiten Fahrbahnen - hinzu kommen je zwei Bürgersteige von vier Metern und die Schutzinsel in der Mitte - ebenfalls dazu bei, dass sie erst beim Betrachten vom Kanalufer aus als solche empfunden wird. Und aus dieser Perspektive erweist sie sich dann fürwahr als eine besondere Schönheit. 

Klappenbrücke bis 1925

Weitaus weniger ansehnlich war der gesamte Bereich indes noch bis 1925, als hier eine recht schmale, hölzerne Klappenbrücke den einst so wichtigen innerstädtischen Schifffahrtsweg überspannte. Doch mit Eröffnung des Silokanals im Jahr 1910 verlor diese Relation auf dem Wasser weitgehend ihre Bedeutung.
Als Verbindung von und zur Brandenburger Neustadt war indes der Übergang am Steintor stets enorm wichtig. Führte doch hier die Heerstraße Magdeburg - Berlin entlang. Geschichtliche Höhepunkte sprechen da für sich.

Häuser zur Kanalseite abgerissen

So sollen der Einzug des ersten Hohenzollern im Jahr 1412 sowie der Einmarsch der französischen Truppen unter Napoleon unbedingt genannt sein.
Als vor nunmehr 95 Jahren der Neubau der Steintorbrücke erfolgte, musste gleichermaßen ihr Umfeld attraktiver gestaltet werden. Zudem machte es sich notwendig, eine ohnehin recht altersschwache Häuserzeile an der Kanalseite abzureißen, um die Zufahrt von der Jakob-  in die Kur- bzw. Wollenweberstraße zu erleichtern. Gleichzeitig fiel aber leider u. a. auch das alte, historisch wertvolle Torschreiberhaus der Spitzhacke zum Opfer.

Fußgänger mussten Damm passieren

Der recht schmale Stadtkanal machte es für die Bauleute möglich, die neue Steintorbrücke gleich in einem Bogen zwischen den beiden Pfeilern zu errichten. Weitaus schwieriger gestaltete sich das Beseitigen von nahezu 170 Pfahlstümpfen sowie einer Vielzahl großer Feldsteine, die  noch von verschiedenen Vorgängerbauten stammten.
Während der Bauzeit mussten die Fußgänger einen eigens für sie aufgeschütteten Damm passieren, um von der Neustadt in die Wilhelmsdorfer Vorstadt oder in umgekehrte Richtung zu gelangen. Dieser befand sich in Höhe der heutigen Sportschleuse.

Lob für Berliner Firma

Aber die Havelstädter wurden bald entschädigt, denn die (Rekord-)Bauzeit für die Brücke am Steintor betrug - man lese und staune! -, gerade einmal sechs Monate. Zwischen Mai und Oktober des Jahres 1925 vollbrachten die hier eingesetzten Bauhandwerker wahrlich Hervorragendes.
Unsere Stadt hatte mit den Arbeiten die Berliner Firma Dyckerhoff & Witmann beauftragt, für die es bereits beim Errichten der Luckenberger Brücke viel Lob gegeben hatte. Das eigentliche Bauwerk entstand damals aus Stampfbeton, der durch Quarz-Porphyrsteine fortan sein typisches, überaus attraktives „Gesicht“ erhielt.

Delfin an der Ufermauer

Gleichzeitig wurde rund um den Steintorturm, den Recken des Mittelalters, ein prächtiges Ensemble errichtet.
Es gab dort dem Stadtbild ein modernes, weitläufiges Gepräge. Von Stadtbaurat Dr. Ing. Moritz Wolf stammten dazu alle Pläne. So wurde eine schöne Pergola angelegt (heute beginnt hier der sowjetische Soldatenfriedhof), die einen ausgezeichneten Blick auf die einst von Schornsteinfegermeister Johann Gottfried Bröse gestaltete Grabenpromenade ermöglichte. Unterhalb, an der aus adäquatem Gestein gestalteten wuchtigen, weit ausladenden Ufermauer entdeckt der aufmerksame Betrachter wohl aber erst beim genaueren Hinsehen einen steinernen Delfin.

Große Schäden im 2. Weltkrieg

Dieser gehört eigentlich zu der vom italienischen Künstler Bernini geschaffenen Tritonengruppe, die inzwischen ihren angemessenen Standort auf der Dominsel am „Eingang“ zur kleinen Straße St. Petri gefunden hat.
 Dieser architektonisch so gelungenen Steintorbrücke konnten sich die Brandenburger zunächst leider nur für gerade einmal 20 Jahre erfreuen. Denn während der innerstädtischen Kämpfe zum Ausklang des Zweiten Weltkrieges im April 1945 wurde, wie eingangs erwähnt, das Bauwerk noch erheblich beschädigt.

Losungen am Steintorturm

Eine Tafel auf der östlichen Seite des Brückengeländers verkündet es: „Im April 1945 durch verzweifelten Vernichtungsbetrieb gesprengt - bis April 1946 durch tatkräftigen Aufbauwillen wiederhergestellt“.
An der Westseite des wuchtigen Steintorturms übrigens ist auf einem Relief unter anderem zu lesen, dass die Brücke im Jahr 1925 erbaut wurde. Zu DDR-Zeiten schreckten in den Anfangsjahren die Propagandisten der SED und FDJ nicht davor zurück, sogar auch den Steintorturm wiederholt mit Losungen zu verunstalten.

Bester Ausblick vom Steintorturm

Noch immer sind, zumindest schemenhaft, diese Hinterlassenschaften zu erkennen. Weitaus attraktiver ist da - sofern es die Bedingungen im Sommerhalbjahr wieder ermöglichen - ein Besuch des Turminneren mit Ausstellungen zu lokalen historischen Themen. Zudem würde dann ein Aufstieg auf die Plattform seiner Kuppel lohnenswert sein, um zwischen den Zinnen den Blick auf die  „rüstige“, nunmehr 95 Jahre alte Steintorbrücke und weite Teile unseres mehr als 1090-jährigen Brandenburgs zu werfen.