Die achteckige Barockkirche in Golzow beherbergt unter sich eine Gruft, die der Kirchenstifter Friedrich Wilhelm von Rochow 1750-1752 erbauen ließ. Diese wurde zu DDR-Zeiten geplündert und das Innere stark beschädigt. 2019 bis 2020 nahmen das Ehepaar Andreas und Regina Ströbl aus Lübeck – beide Archäologen und Kunsthistoriker – die Herausforderung an und retteten die darin befindlichen Särge. Insgesamt 28 Familienmitglieder im Laufe von zirka 150 Jahren vom Baby bis zum Erwachsenen wurden dort bestattet.

Besterhaltene Gruft dank gut durchdachter Belüftung

Nun konnte endlich die offizielle Eröffnung stattfinden. Ehepaar Ströbl war extra hierfür angereist. „Es ist die besterhaltene Gruft, in der wir je gearbeitet haben“, so Regina Ströbl. Durch eine gut durchdachte Belüftung der Gruft blieb diese trocken. Feuchtigkeit und Schimmel wurden so verhindert. Durch die Trockenheit und ständige Luftzirkulation setzte eine natürliche Zersetzung durch Maden nicht ein. Die Leichname trockneten aus und wurden portraitgleich zu Mumien.

Gottesdienst und Gruft-Begehung mit zirka 150 Interessierten

Zirka 150 Besucher nahmen die Einladung zu diesem besonderen Gottesdienst an. Die Landfrauen aus Golzow nutzten die Gelegenheit, sich bei der Kirchengemeinde für die Nutzung kirchlicher Räumlichkeiten mit einer Erntekrone zu bedanken. In 300 Handarbeitsstunden fertigten die Landfrauen das Symbol des Dankes aus Getreideähren an.
Restaurator Andreas Ströbl und Famulus Oliver Notzke predigten gemeinsam anlässlich der Grufteröffnung. Danach wurde der große Teppich im Zentrum der Kirche zusammengerollt. Es offenbarte sich der Eingang hinab in die Gruft. Eine alte Steintreppe führte in das Reich der Toten. Kleine und große Särge stapelten sich in dem unterirdischen Raum. Nur in kleinen Gruppen war eine Besichtigung möglich. Derweil ließen sich die anderen Besucher mit Kuchen und Getränken von den Landfrauen verköstigen.

Das Ehepaar Ströbl hat zahlreiche Nächte in der Gruft gearbeitet

Schlichte Särge aus Holz und  kunstvoll mit Metallbeschlägen verzierte gab es zu bestaunen, ebenso mit Seide ummantelte und Särge aus Kupfer. Das Ehepaar Ströbl bedankte sich bei den vielen Helfern. Mitglieder der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr halfen bei der Bergung der Grabstätten. Holz- und Metallrestauratoreninnen und -restauratoren arbeiteten mit viel Hingabe an der Sanierung der Särge mit.

Müll und gewaltsam geöffnete Särge, gestohlene Grabbeigaben

Die gebürtige Amerikanerin und Textilrestauratorin Rosemarie Selm ließ sich die Eröffnungsfeier nicht nehmen. „Wir haben nächtelang in der Gruft gearbeitet“, so Selm, denn nicht alle Särge konnten aus der Gruft getragen werden.
Schockiert waren Regina und Andreas Ströbl, als sie zum ersten Mal die Gruft besichtigten. Es war ein Anblick des Grauens. Zwischen Müll und Schmutz waren viele Grabstätten gewaltsam geöffnet worden. „Man musste aufpassen, nicht auf Knochen zu treten“, so Andreas Ströbl. Die mit Gewalt geöffneten Särge wiesen erhebliche Beschädigungen auf, stilvoll gefertigte Handgriffe waren demontiert und entwendet, Grabbeigaben wie Schmuck, Orden und Waffen gestohlen und die mumifizierten Leichen zerstückelt.

Famulus Oliver Notzke bietet um anonyme Rückgabe der fehlenden Köpfe

„Viele der Särge wurden durchwühlt und den Toten die Gliedmaßen und sogar die Köpfe abgerissen. Es bedarf einer gewissen Kraft, um einer Mumie den Kopf abzureißen“, so Andreas Ströbl. Manche dieser Köpfe fehlen bis heute. „Wir würden uns freuen, wenn sie ihren Weg zurückfinden würden, damit die Toten ihre Würde zurückerhalten und die Totenruhe wieder hergestellt werden kann“, appellierte Famulus Oliver Notzke. Aber auch entwendete Grabbeigaben werden gern zurückgenommen.

Jugendliche Grabschänder hinterließen einst ihre Namen an der Gewölbedecke

Rechtliche Konsequenzen muss niemand befürchten. Auch anonyme Rückgaben sind willkommen.
Übrigens: Vier der Grabschänder konnten mittlerweile identifiziert werden. Die damals zu DDR-Zeiten ortsansässigen Jugendlichen schrieben ihre Namen mit Kerzenruß an die Gewölbedecke der Gruft. Drei von ihnen sind tot: durch einen Motorradunfall, eine Krebserkrankung und durch Suizid.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version enthielt der Text inhaltliche Fehler. So stammt die Familie Ströbl nicht aus Kiel, sondern aus Lübeck. Diese Fehler wurden korrigiert.