Historisches
: Plauer Traditionen des Schiffbaus

Auch die Werft Busse & Biermann schrieb im Fischerstädtchen Geschichte, wie Manfred Lutzens in dieser Woche berichtet.
Von
Manfred Lutzens
Brandenburg
Jetzt in der App anhören

Blütezeit bei Busse & Biermann: Der Stapellauf eines weiteren Schiffes steht hier auf der Werft an der Großen  Mühlenstraße wohl unmittlbar bevor, so dass bereits darauf angestoßen werden kann.

lut

Zuvor war es nur noch unter Mühen gelungen, eine drohende Stilllegung zu vermeiden. So mussten Aufträge für neue Kähne unterschiedlicher Maße und Modelle, die bislangs ausreichend eingingen, mittlerweile sogar mühselig aus entfernteren deutschen Gegenden eingeholt werden. In dem Zusammenhang glückte es den Inhabern der Werft im Frühjahr 1936 schließlich, gar aus Vorpommern eine Bestellung für den Bau von drei eisernen Wasserfahrzeuge zu ergattern. Jedes dieser Schiffe sollte 44 Meter lang und 5,40 Meter breit werden. Ein weiteres Mal regten sich daraufhin monatelang wieder zahlreiche fleißige Hände. Am 21. September 36 schließlich verließen die großen Schiffe im Schmuck der Flaggen das Werftgelände am Plauer Havelufer, um ihre erste Fahrt nach Stralsund anzutreten.

Die Tradition des Schiffbaus war auf diesem Grundstück in der Großen Mühlenstraße 2a (heute 13 a) schon 1857 von Gustav Rochow begründet worden. Wie später dort für lange Zeit beschäftigte Bootsbauer berichteten, hatte diese Firma stets vollauf zu tun und arbeitete zumeist mit 20 Gesellen. Rochow stellte indes 1891 den Betrieb ein. Nach kurzer Pause übernahm der Plauer Hermann Schütze diese Werft, die er allerdings nur fünf Jahre lang weiterführte. 1902 trat er sie an Busse & Biermann ab. Sie mußten das mittlerweile für landwirtschaftliche Zwecke genutzte Gelände allumfassend neu herrichten. Dann aber folgte eine lange Blütezeit mit stets ausreichend Beschäftigung für die Schiffbauer dieser Firma. Wohl auch deshalb erwarben die Eigentümer 1928 auf dem ehemaligen Michelschen Ziegeleigrundstück am Wendsee einen weiteren Platz und richteten dort ebenfalls eine Werft ein. Dieser Betrieb lag nun besonders günstig, befand sich doch in dessen unmittelbarer Nähe der Mittellandkanal. Vorausschauend hatten die Unternehmer diese Niederlassung sowohl für den Bau als auch für die Reparatur von Schiffen entsprechend ausgestattet. Während es 1934 noch volle Auftragsbücher gab — desöfteren lagen drei Fahrzeuge gleichzeitig auf Kiel -, wurde schon im darauffolgenden Frühjahr eher unerwartet der letzte Kahn zu Wasser gelassen. Das gleiche Schicksal ereilte nur ein Jahr später auch die Hauptwerft in der Großen Mühlenstraße, am Ufer der Havel.

Mit dem Schiffbau im Fischerstädtchen Plaue ist zudem der Name Siedler eng verknüpft. So erlebte Fritz Siedler, senior, als Polier auf der bereits erwähnten Werft unter Rochows  wahrlich eine Hochzeit dieses Gewerbetriebes in den Gründerjahren und machte sich 1875 seinerseits selbständig. Auf dem „Werder an der kleinen Dipte“ — einer kleinen Bucht mehrere hundert Meter unterhalb der Werft in  der Großen Mühlenstraße -, entstand der benötigte Bauplatz. Doch nur drei Jahre danach fand der selbstbewußte Unternehmer an vorgenannter Straße offenbar noch ein besseres Gelände. Während sich an der Dipte der Schiffbaumeister August Zschau zwischen 1888 und 1911 mit seinen Leistungen in Sachen Schiffbau empfahl, legte Siedler schließlich neben dem Hafen der Plauer Schleuse seine zweite Werft an, die dann zwischen 1908 und dem Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 ebenfalls von Busse & Biermann betrieben wurde. Einer der Söhne Siedlers mußte letztendlich ebenfalls der unzureichenden Auftragslage in seiner Firma an der Großen Mühlenstraße Tribut zollen (1930).

In Fachkreisen sah man damals die Ursachen für den NIedergang des Schiffbaus vornehmlich darin, dass mit Eröffnen der Wusterwitzer Schleuse — sie ersetzte die Plauer Anlage -, dem damaligen Fischerstädtchen weitgehend  nur noch die Rolle als Durchgangsstation anstatt der bisherigen Liegestelle zuteil wurde. Zum anderen hatte sich die Zahl der Plauer Schiffseigner von nahezu 70 anno 1914 drastisch auf gar nur fünf zum Ende der 30–er Jahre verringert. Ein weiterer Faktor dürfte der seinerzeit zügig einsetzende Bau von Eisenkähnen zugunsten der Holzkonstruktionen gewesen sein. Ungeachtet all dessen erwachte in der Großen Mühlenstraße noch einmal Leben, als die Werft unter dem Namen Walter & Voss (Investoren aus Berlin und Hamburg) ihre Tätigkeit wieder aufnahm. Aber bald nach dem Zweiten Weltkrieg folgte auf Geheiß der Sowjets die Enteignung der Inhaber. Von den russischen Bsatzungstruppen wurden Chef Walter sowie zugleich mit Schiffbaumeister Gustav Biermann der Sohn des einstigen Werft–Mitbegründers von 1902 kurzerhand abgeholt und in das Lager Sachsenhausen  (zuvor KZ der Nationalsozialisten) bzw. ins berüchtigte Zuchthaus nach Bautzen verschleppt. Von den schweren gesundheitlichen Schäden während der Gefangenschaft erholten sich beide nach ihrer späteren Entlassung nie mehr richtig.

Zum Beginn der 1960–er Jahre hatte der mittlerweile längst in „Volkseigentum“ (VEB) umgewandelte Plauer Betrieb weisungsgemäß einen Teil der Arbeiter aus der so genannten Brandenburger Volkswerft „Ernst Thälmann (ehemals Gebrüder Wiemann) zu übernehmen. Diese war auf Grundlage von Beschlüssen des Volkswirtschaftsrates aufgelöst worden. Geradezu  ironisch die Begründung, „dass diese Maßnahmen  m ö g l i c h  wurden, weil die Leistungen der Werften an der Ostseeküste bedeutend erhöht werden konnten“. So mußten weitere ehemalige Schiffbauer Anfang 1963 zum Broterwerb in die damals gerade fertiggestellte 1120–er Walzenstraße des Stahl– und Walzwerkes sowie ins Brandenburger Traktorenwerk wechseln.

Später wurde in Plaue unter „Deutsche Binnenwerften“, dann aber nur noch als „Schiffsreparaturwerften Berlin“ firmiert. Auch Sportboote gehörten einige Zeit lang zum Produktionsprofil. Nach der politischen Wende (1989) geriet das traditionsreiche Unternehmen — nun zur Werft Brandenburg–Plaue GmbH gewandelt — alsbald in  „stürmische Gewässer“. So wurde die auf nahezu 30 Mitarbeiter verweisende Firma nicht nur aufgespalten, sondern ihre Inhaber im Jahr 2000 wegen Betruges und Steuerhinterziehung zur Verantwortung gezogen. Heutzutage empfehlen sich im einstigen Fischerstädtchen auf dem nahezu 30 000 Quadratmeter großen ehemaligen Werftgelände an der Großen Mühlenstraße eine moderne Marina mit  allumfassendem Service, inklusive Verkaufshafen. Hinzu kommt eine für den Hausbootbau errichtete kleine Werft. So bleibt man den Traditionen zumindest in gewisser Weise treu.