Kuppeln wie bei Hagia Sophia
: Mysteriöse Marienkirche in Brandenburg: Unterstützung sogar vom Papst

Mysteriöse Marienkirche vor der Altstadt Brandenburgs: Grundriss und Kuppeln erinnern an byzantinische Gotteshäuser wie das in Istanbul.
Von
René Wernitz
Brandenburg
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Joachim Christoph Heinss fertigte im 18. Jahrhundert das Pappmodell der Marienkirche an, das sich heute im Dommuseum befindet. Der hochmittelalterliche Zentralbau auf dem Harlungerberg bzw. Marienberg wurde im 15. Jahrhundert um eine Kapelle erweitert, die hier links zu sehen ist.

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Auf dem knapp 70 Meter hohen Brandenburger Hügel vor der Altstadt ist eine Marienkirche seit dem Jahr 1166 belegt. Wann genau es dort zum Bau gekommen war, ist ungeklärt. Mitunter wird die Kirche dem letzten slawischen Herrscher des Stammes der Heveller zugeschrieben. Der christianisierte Pribislaw–Heinrich, gestorben 1150, könnte tatsächlich der Urheber sein, zeigt doch eine seiner Münzen ein viertürmiges Gebäude. Als ein solches erlangte die Marienkirche überregional Bedeutung — sie wurde Wallfahrtsstätte.

Nach der Reformation verwaiste und verfiel die Marienkirche, bis sie 1722 auf Befehl des damaligen Preußenkönigs komplett abgetragen wurde. Ein im 18. Jahrhundert angefertigtes Modell befindet sich im Besitz des Brandenburger Dommuseums, wodurch die byzantinischen Elemente gut sichtbar werden.

Man kann diese Kirche durchaus als eigenwillig bis geradezu exzentrisch bezeichnen. „Die Wallfahrt zu einem wundertätigen Marienbild war offenbar so erfolgreich, dass man etwa 1220—1240 einen monumentalen Neubau auf der Kuppe des Berges setzte, der ohne Parallele ist und zu den bedeutendsten Bauten der norddeutschen Frühgotik zählen muss“, so steht es auf https://reformation.stadtmuseum–brandenburg.de.

Markantestes Kuriosum ist das Fehlen der im Mittelalter für diese Breiten typischen Langform.  Hiesige Kirchengrundrisse aus der Zeit entsprechen in der Regel lateinischen Kreuzen, was Rechtecke ergibt. Die Marienkirche wurde derweil über einem griechischen Kreuz errichtet, hatte also einen beinahe quadratischen Grundriss wie die Hagia Sophia. Über der Vierung, wo die Kreuzschenkel sich schneiden, existierte eine Kuppel. Diese wurde durch vier Türme überragt. Zwischen diesen gab es ebenfalls Kuppeln.

Die slawische Münze mit dem viertürmigen Gebäude, abgebildet und erläutert durch das Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin auf https://ikmk.smb.museum/,  mag den Verdacht nahelegen, dass es schon vor 1150 ein viertürmiges Objekt auf dem Hügel gab. Womöglich war es weit schlichter, als der im 13. Jahrhundert geschaffene Neubau. Bei diesem ist der Bauherr bekannt. Es handelt sich um Bischof Gernand. Auf der Website des Brandenburger Stadtmuseums ist im Beitrag „Ablasshandel“ für das Jahr 1222 vermerkt: „Beginn des Neubaus der Marienkirche, für den Papst Honorius III. einen Ablass gewährte. Um für den Bau einen größeren Spielraum zu bekommen, genehmigte Papst Honorius III. einen Ablass über 20 Tage für Wallfahrer, die die Bergkirche an Mariä Geburt (8. September) besuchten und eine Spende für den Kirchenbau machten.“

Wichtig in dem Zusammenhang ist die Kenntnis über die Unversöhnlichkeit, mit der sich die Römisch–Katholische Kirche und die Orthodoxe Kirche damals begegneten. Während der Papst in Rom das Haupt der westlichen Christenheit darstellte, war der Patriarch von Konstantinopel (heute Istanbul) die höchste Instanz im christlichen Osten. 1054 gilt als das Jahr der Glaubensspaltung (Schisma). 1204 wurde Konstantinopel gar von einem westlichen Kreuzfahrerheer erobert und geplündert. Erst 1261 gelang die Rückeroberung. Die Stachel saßen tief auf beiden Seiten.  Daher verwundert es umso mehr, dass auf dem Brandenburger Hügel ein der Maria geweihtes Gotteshaus mit byzantinischen Anklängen errichtet wurde.

Sonderbar, aber sicher nur aus Versehen geschaffen, ist die Peilrichtung vom früheren Standort der Marienkirche über die Katharinenkirche in der Brandenburger Neustadt. Wohin der Blick sich darüber hinaus richtet (1.775 Kilometer), erschließt sich durch Google–Maps. Die Entfernungsmessfunktion ermöglicht es, eine gerade Linie zu ziehen von der Hagia Sophia, über die Katharinenkirche hin zu dem für die BUGA 2015 angelegten Weinberg auf dem Marienberg. Die Google–Maps–Linie bezieht freilich die Erdkrümmung mit ein.