Lesung: Die Geschichte seines Lebens

In vier Büchern hat Arthur Weiß die Erinnerungen seines bewegten Lebens zusammengetragen - nun liest er aus ihnen vor.
B. Kraemer„Beim Schreiben kamen immer mehr Erinnerungen hoch, die ich über Jahrzehnte verdrängt hatte“, sagt der 87–Jährige. Die Wunden, die diese Erinnerungen in seiner Seele hinterlassen hatten, beginnen erst jetzt zu heilen. Die Bücher — „Von Bessarabien nach Belzig“, „Die letzten Kinder Bessarabiens“, „Begegnungen im DDR Knast“ und „Der Weg zurück zu meinen Ahnen“ — haben ihm dabei geholfen und sind zugleich Mahnung. „Trotzdem gibt es Dinge, die ich trotzdem bis heute nicht vergessen kann“, sagt Artur Weiß.
Dann beginnt er aus seiner Kindheit — in Bessarabien — zu erzählen. Mit drei weiteren Geschwistern wuchs er in einem kleinen Dorf unter einfachen Verhältnissen auf. „Mein zuhause war ein von Lehmbatzen gebautes Bauernhaus, in dem ich bittere Armut kennen lernte“, so der 87–Jähirge, dessen Vorfahren aus Deutschland ausgewandert waren. Infolge des Zweiten Weltkrieges musste die Familie 1940 ihr zu Hause verlassen, kam nach Deutschland und wurde 1942 in Polen neu angesiedelt. Auf Höfen von polnischen Bauern, die durch die Nazis enteignet worden waren. Vom Krieg eingeholt, der Vater war zwischenzeitlich zur Wehrmacht eingezogen, musste die Familie 1945 abermals flüchten. „Diese Zeit von 1940 bis 1945 war die schlimmste meines Lebens“, sagt Artur Weiß. Am 21. Januar 1945 kam die Familie in Belzig an und wurde wenige Tage später nach Mörz geschickt. Dort kam sie auf einem Bauernhof unter. Nachdem Artur Weiß die Dorfschule mit der achten Klasse beendet hatte, wurde er Knecht. Erst 1947 eröffnete sich ihm die Chance, bei Schmiedemeister Gottwald in Belzig eine Lehre zum Hufbeschlag– und Wagenschmied anzutreten.
Nach Ende der Lehrzeit sammelte er bei verschiedenen Meistern Erfahrungen. Bis der kinderlose Meister Gottwald ihn 1953 bat, zu ihm zurück in die Schmiede zu kommen. Artur Weiß, der zwischenzeitlich selbst eine Familie gegründet hatte, folgte der Bitte, besuchte bald darauf die Meisterschule und übernahm 1966 das Geschäft des alten Meisters. Viel Fleiß und unermüdliche Arbeit sorgten dafür, dass es der Familie fortan gut ging. „Unser Lebensstandart veränderte sich in jeder Beziehung. Träume wurden wahr“, sagt er rückblickend. Was nicht unbemerkt blieb. Als ab 1970 die Kollektivierung und Sozialisierung der Gewerbetreibenden und des Handwerks begann, widersetzte sich Weiß und geriet in den Focus der Staatssicherheit. Er hatte es abgelehnt, seinen Familienbetrieb in eine Produktionsgenossenschaft des sozialistischen Handwerks einzubringen. Nachfolgend wurde er enteignet, vor Gericht gestellt und zu drei Jahren und sechst Monaten Haft verurteilt. Dem Schmiedemeister warf das DDR–Regime Verbrechen zum Nachteil sozialistischen Eigentums, Widerstand gegen die Staatsgewalt und Boykotthetze vor.
1975 wurde Artur Weiß aus der Haft entlassen. Doch zu Hause war nichts mehr wie früher. Wieder selbständig zu arbeiten, wurde ihm verwehrt. Also wurde er Schlosser in einem Volkseigenen Betrieb. Erst nach der politischen Wende konnte er wieder selbständig arbeiten. Heute ist er rehabilitiert. Dass er unschuldig verurteilt wurde, hat er schriftlich. Dennoch haben Bespitzelungen, Schläge und Denunziationen Spuren hinterlassen. „Eigentlich wollte ich auch das alles vergessen“, sagt er mit leiser Stimme. Doch mit dem „Vergessen“ war es — wie er bereits in seiner Kindheit erfahren musste — nicht so einfach.