Manfred Kuhle
: Der Wiesenburger Manfred Kuhle berichtet über seine Studienzeit in Moskau

Im fünften Teil seiner Schacherinnerungen erzählt Manfred Kuhle von seinem Studium und seinen Erlebnissen in Moskau.
Von
Manfred Kuhle
Wiesenburg
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  • Die Schachgröße Dr. Max  Euwe zeigte prophetische Fähigkeiten.

    Die Schachgröße Dr. Max  Euwe zeigte prophetische Fähigkeiten.

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  • Boris Spasski war beim Studiumsaufenthalt von Manfred Kuhle noch Weltmeister. Den Titel verlor er ein Jahr später,1972, in einem der legendären Finalrunde an den US-Amerikaner Bobby Fischer.

    Boris Spasski war beim Studiumsaufenthalt von Manfred Kuhle noch Weltmeister. Den Titel verlor er ein Jahr später,1972, in einem der legendären Finalrunde an den US-Amerikaner Bobby Fischer.

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  • Die Widmung von Boris Spasski lautete: "Den jungen Schachspielern der Spezialschule in Wiesenburg wünsche ich das allerbeste." B. Spasski, Schachweltmeister, 22.01.71, Stadt Moskau

    Die Widmung von Boris Spasski lautete: "Den jungen Schachspielern der Spezialschule in Wiesenburg wünsche ich das allerbeste." B. Spasski, Schachweltmeister, 22.01.71, Stadt Moskau

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  • Weil Kuhle gern eine Widmung von Dr. Max Euwe haben wollte, wurde diese praktisch für ihn zur Eintrittskarte, um beim Bankett der internationalen Schachgrößen dabei zu sein.

    Weil Kuhle gern eine Widmung von Dr. Max Euwe haben wollte, wurde diese praktisch für ihn zur Eintrittskarte, um beim Bankett der internationalen Schachgrößen dabei zu sein.

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Für Letztere musste er häufig in die sowjetische Kaserne nach Alten Lager bei Jüterbog.  Diese Besuche hatten folgenden Ablauf: Abholung per Pkw um 19.30 Uhr aus Wiesenburg. Rückfahrt in der Nacht — mehr oder minder alkoholisiert — am nächsten Morgen fünf oder sechs Unterrichtsstunden Russisch  an der Spezial–Oberschule in sprachlicher Höchstform. Man war jung — kein Problem.

Nach Beendigung seines Fernstudiums folgte der nächste Höhepunkt in der „Karriere“ Manfred Kuhles: Studienjahr an der Lomonossow–Universität in Moskau. Da er dort in körperlich guter Verfassung erscheinen wollte, ersuchte er Unterstützung beim 1. FC Magdeburger Cheftrainer Helmut Krügel. „Herr Krügel, darf ich in ihrer Oberliga–Reserve in den Sommerferien mittrainieren?“ „Welcher Betrieb delegiert sie?“ „Keiner.“ Das Projekt zerschlug sich.  Trotz des negativen Bescheids freute sich Kuhle 1974  mit den Magdeburgern über ihren Finalerfolg über den AC Mailand im Europapokal der Pokalsieger. Es sollte der einzige europäische Titelgewinn einer DDR–Mannschaft bleiben. Trainer Krügel fiel dennoch später in Ungnade bei den Parteigranden weil er mit dem Spruch: „Über Italien lacht die Sonne — über die DDR die ganze Welt.“, die SED–Führung provozierte.

In Moskau wohnte Kuhle auf den Lenin–Bergen in der Uni, Korps D wie Deutschland und war in kurzer Zeit Schach–Organisator. Es stand neben sprachlicher Intensiv–Arbeit (Gruppe 2 von 8 nach Testverfahren) also sportlich ebenfalls einiges auf dem Spiel. Ihm oblag die Vorbereitung auf das Schachmatch der Studenten der DDR gegen Ungarn. Neben dem Training kümmerte er sich auch um die Siegprämie. Mit Hilfe seiner ehemaligen Gastlehrerin Nina erwarb er die schönste Torte Moskaus.  Der Wiesenburger setzte sich am Spitzenbrett durch, doch auch seine anderen Teamkollegen zogen mit, so stand am Ende ein 5,5:2,5–Sieg.  Die Siegprämie wurde später gemeinsam verspeist.

Er spielte häufig Trainingspartien gegen Rentner mit erstaunlich guter Spielstärke und freute sich über die Streitgespräche über russische Aspekte, wenn sie an seinen Studienaufgaben im Lushnik–Sportpark mitarbeiteten. Langeweile kam in der sowjetischen Metropole nie auf. Er besuchte regelmäßig die Partnerschule sowie ehemalige Kollegen und arbeitete beim Erstellen von deutschsprachigen Unterrichtsmaterial mit. Zudem gab es in seiner Studiengruppe Fachleute zur Beschaffung von Theater– und Konzerttickets, egal ob für das Bolschoi–Theater, Kremlpalast, die Taganka oder die anderen zahlreichen Museen.

In Vorbereitung auf das Schach–WM–Finale 1972 zwischen Boris Spasski und Robert ("Bobby") Fischer in der isländischen Hauptstadt Reykjavik lud die sowjetische Schachförderation noch lebende Schachweltmeister zu Vorträgen ein, die stets ausgebucht waren. Da gab es zum Beispiel den „staubtrockenen“ Wissenschaftler Michail Botwinnik und im Gegensatz der Armenier Tigram Petrosjan, der mit Sprachwitz brillierte.

Dann war der Nachfolger von Alexander Aljechin an der Reihe: der holländische Mathe–Professor Dr. Max Euwe, sein Name wird auch in Kreuzworträsteln abgefragt. Er sprach vor einer riesigen Zuschauermenge  im Klub der Journalisten am Arbat. Kuhle war drei Stunden vor Beginn am Ort und ergatterte einen Platz in der zweiten Reihe.  Dann wurden noch zwei große Flügeltüren geöffnet, um Nachrichtensender aus dem Nachbarsaal die Berichterstattung zu ermöglichen. Dank einer starken Dolmetscherleistung wurde es ein exzellenter Vortrag. Am Ende durften Zuhörer Fragen an den Ehrengast stellen, die zuvor eingereicht werden mussten und peinlich genau überprüft wurden. Dann die letzte Frage: „Gaspodin Euwe, wer war aus ihrer Sicht der genialste Schachspieler aller Zeiten?“ Das Publikum erwartete als Antwort Aljechin. Nach kurzer Pause folgte in die atemlose Stille die für die Gastgeber niederschmetternde Antwort: „Bobby Fischer.“ Dies war zwar eine Vorschau par excellence (Fischer siegte 1972), löste aber großes Gemurmel und heiße Diskussionen aus.

Manfred Kuhle war anschließend sofort bei Dr. Euwe und bat ihm um eine Widmung. Es gab jedoch kein Papier, was sich als glücklicher Umstand herausstellte. Denn so gelang der Deutsche an der Seite des Ex–Weltmeisters zum anschließenden Bankett. Kein Ordner wagte es die Beiden deutschsprechend zu trennen. Die gesamte sowjetische Schachelite war versammelt. Kuhle erhielt die gewünschten Widmungen. Die Übersetzung des Boris Spasski lautete: „Den jungen Schachspielern der Spezialschule in Wiesenburg wünsche ich das allerbeste.“

Schach ist in Russland „in“, ist immer eine Kommunikationsbrücke, nicht nur zu den Moskowitern. Ein Zugezogener war Towaritsch Jugosow, Bruder einer seiner Kolleginnen aus der Wiesenburger Zeit. Er war beim Erdölministerium beschäftigt und gehörte einem „Himmelfahrtskommando“ an.  Ständig auf Abruf stehend, musste er dann losfliegen um brennende Ölfelder zu bekämpfen. Er und seien Kollegen waren kampferprobte, knallharte Männer, die ihre Angst vor Feuer mit Alkohol bekämpften. Seine Leidenschaften waren Schach und Eishockey. Dem genügten sie in den großen Einsatzpausen.  Er lehrte seinem deutschen Gast, schlecht russisch sprechend, bei den großen Eishockeyklubs um Tickets zu bitten. Kuhle sei Ausländer, müsste übermorgen nach Hause und würde gern mit seinem Freund, in der ersten Reihe sitzen. Dies klappte großartig. So gab es die Stars auf Kufen hautnah zu erleben, wie Alexander Malzew (Dynamo), Goalie Wladislaw Tretjak (Torpedo Gorki), Anatoli Firsow, Starschinow–Brüder (Spartak), Alexander Ragulin (ZSKA). Nur bei einer Partie von Krylja Sowjetow saßen die Beiden in der zweiten Reihe, hinter baumlangen Basketballern von Real Madrid, die in Moskau im Europapokal spielten. Ein Kleinwüchsiger saß jedoch unter ihnen. Mäzen Santiago Bernabéu persönlich. Aber die Spanier wollten scheinbar nur einmal Eishockey–Luft schnuppern, sie begaben sie nach dem ersten Drittel auf den Heimweg und der Platz war für die beiden Freunde in vorderster Reihe wieder frei.

Mit dem Deutschlehrer Skworzow von der Deutsch–Spezialschule war der Wiesenburger häufig in Moskau unterwegs. Beim Bandy, eine Art des Eishockeys, dass mit Kugel und Rundschläger gespielt wird, vor allem in Skandinavien, Kanada und Russland — dort aber auch vor 60.000 Zuschauern -, wäre Kuhle in der russischen Kälte beinah erfroren. Bei wärmeren Wetter ging es zur Pferderennbahn. Kuhle setzte immer auf die schönsten Pferde und  ... verlor. Sehr zur Freude seiner einheimischen Begleiter.  Daraus leitete der pensionierte Lehrer einen seiner Sinnsprüche ab: Man solle im Leben nicht nur auf die schönen Pferde setzten!

Exkursionstage wurden genutzt um die zahlreichen Sehenswürdigkeiten abzuarbeiten.  In Moskau selbst der Kreml, der Rote Platz mit dem Leninmausoleum, Schiffsfahrten auf der Moskwa, große Exkursion nach Leningrad zum 53. Jahrestag der Oktoberrevolution oder kürzer zum Borodino–Panorama, wo dem Befreiungskrig gegen die Napoleonischen Armee aus dem Jahr 1812 gedacht wird. Viele Foren mit Experten und Soziologen erweiterten den Horizont über die Metropole an der Moskwa aus historischer wie auch aktueller Sicht. Selbst die Probleme des 200–Völkerstaates der UdSSR wurde aus Sicht der Breshnew-Ära unterrichtet.

Manfred Kuhle erinnerst sich noch gern an eine lustige Episode auf einer Silvesterparty bei seiner ehemaligen Kollegin Nina. Sie war an der Uni für die ausländischen Studenten zur Vorbereitung auf ein Studium verantwortlich, so wie in etwa das Herder–Institut in der DDR. Immer wenn das Neue Jahr in den verschiedenen Regionen des größten Landes der Welt ankam, wurde das Glas gehoben. Auf das Neue Jahr: Glück und Frieden! Dann zu Mitternacht in Moskau gab es im Fernsehen die Neujahrsansprache von Breshnew im Fernsehen. Die Mutter Ninas, ihr war es sichtlich peinlich, bemerkte: „Wenn doch Leonid richtig russisch sprechen könnte.“ Er war gebürtiger Ukrainer.

Im 2. Halbjahr seines Studienaufenthaltes in Moskau gelangen Manfred Kuhle mit Unterstützung seiner Freunde aus der Partnerschule sowie der ehemaligen Wiesenburg–Kollegen und ihren Angehörigen verblüffende Kontakte zu bekannten Sportprominenten. Er war beim Abschiedsspiel der Torwartlegende Lew Jaschin, es gab ein Wiedersehen mit dem FIFA–Funktionär Granatkin und erhielt eine persönliche Einladung vom späteren Auswahltrainer Konstantin Beskow.  Er bekam auch eine Ehrenkarte für die Partie Dynamo Moskau gegen Dynamo Kiew im ausverkauften Lushniki–Stadion. Nach dem Unentschieden wurde der Wiesenburger dem Kiewer Trainer Wiktor Maslow vorgestellt. Damals verstanden sich die Russen und Ukrainer prächtig. Das würde man sich auch wieder für die beiden Völker in der Zukunft wünschen.

Zurück in Deutschland erwartete ihn mit dem erworbenen Zertifikat der Lomonossow–Universität die erneute Klassenleitertätigkeit für eine Abiturklasse. Mit dem frischen Eindrucken aus dem SU–Studium konnte er seinen Beruf mit noch mehr Spaß erfolgreicher ausüben.