Mangelwirtschaft?
: Toilettenpapier aus Brandenburg? April, April!

Ein wenig der einst gewaltigen Fabrik-Atmosphäre kehrt zurück in die Bauhofstraße. 20 Mitarbeiter lassen die Papierverarbeitung wieder anlaufen und produzieren Toilettenpapier made in Brandenburg an der Havel. Doch höchstens am 1. April!
Von
Th. Messerschmidt
Brandenburg
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  • Not macht erfinderisch: In der Bauhofstraße lebt die Papierverarbeitung auf.

    Not macht erfinderisch: In der Bauhofstraße lebt die Papierverarbeitung auf.

    Th. Messerschmidt
  • Lange ist’s her – das Toilettenpapier-Duo aus der DDR. Das gab es in Grau für 30 Pfennige und in Rot für 50 Pfennige. Im Volksmund wurden beide Sorten mit Schleifpapier verglichen.

    Lange ist’s her – das Toilettenpapier-Duo aus der DDR. Das gab es in Grau für 30 Pfennige und in Rot für 50 Pfennige. Im Volksmund wurden beide Sorten mit Schleifpapier verglichen.

    Th. Messerschmidt
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Ein wenig der einst gewaltigen Fabrik-Atmosphäre kehrt zurück in die Bauhofstraße. Wo einst  Tausende Arbeiter in Betrieben wie Elektrizitätswerk, Straßenbahndepot, Fein-Jute-Garnspinnerei, Kokosweberei, Dachpappenfabrik und Oro-Blechspielwaren beschäftigt waren, sollen zumindest vorübergehend 20 Mitarbeiter die Brandenburger Papierverarbeitung wieder anlaufen lassen. Aus der Not heraus. Da Produktion und Handel seit mehr als zwei Wochen nicht den Bedarf an Toilettenpapier decken können. Zwar mag die Not hausgemacht sein, weil durch Hamsterkäufe verursacht, doch hält der Trend unvermindert an. Entsprechende Regale in Discountern und Drogerien scheinen auf Dauer leer, und schafft es doch einmal eine Lieferung in den Markt, ist die Kundschaft dank  Instagram und Co. sofort zur Stelle. Und es wird immer rigoroser zugelangt – bei der Ware und bei möglichen Kontrahenten. Um keinen Volkszorn wegen solcher Lappalien heraufzubeschwören, hat das Wirtschaftsministerium in den Kommunen angefragt, wo solche Produktionszweige für „vorübergehende Überkapazitäten zu reaktiven sind“. Eine der ersten Meldungen kam aus Brandenburg an der Havel, wo sich die hiesige Wirtschaftsförderung der Papierfabrik in der Bauhofstraße 32-34 erinnerte. Die war aus der Berlin-Neuroder Kunstanstalten A.G. hervorgegangen, die bis in die 1940er Jahre hier chromolithographische Erzeugnisse für Reklame, Versand und Kunstverglasungen hergestellt hatte – in Hochzeiten mit mehr als 500 Arbeitern. In frühen DDR-Jahren wurde daraus der VEB Papierverarbeitung Brandenburg, wie der große Schriftzug an der Fassade noch heute wissen lässt. Produziert wurde vorrangig Verpackungsmaterial für Medizinprodukte sowie für die Brandenburger Firmen Mechanische Spielwaren sowie Schloss- und Metallwaren. Und in den 1980er Jahren auch Toilettenpapier. Denn wie im Sozialismus üblich, wurden alle – eben auch produktfremde – Firmen zur Konsumgüterproduktion herangezogen, weswegen Toilettenpapier nicht mehr nur aus Dessau und Heilgenstadt kam, sondern auch aus der Havelstadt. Dafür war eine ausgediente Produktionsstrecke aus Merseburg regeneriert und im seitlichen Querflügel der „Papierverarbeitung“ installiert worden. 20.000 Rollen betrug die mangels Zellulose gedrosselte Tagesproduktion, die 45.000 Rollen hergegeben hätte.

Vier einstige Mitarbeiter sind seit vergangenem Freitag dabei, die Papierstrecke wieder zum Laufen zu bringen und Mitarbeiter anzulernen. „Die Technik ist zwar veraltet, aber unkaputtbar und binnen einer Woche zu reaktivieren“, schildert Werner Habedank, einst Produktionsleiter und nun mit 79 Jahren zurück in der Arbeitswelt. Das Umstellen auf weicheres Papier klappe problemlos, lediglich der Einbau der Laufbänder für die Dreilagigkeit habe zu Wochenbeginn Sorge bereitet. „Der Produktionsstart setzt aber die Umstellung auf weiches, mehrlagiges Papier voraus. Weder das alte graue noch das teurere rote Toilettenpapier aus DDR-Tagen hätte jemand ertragen wollen. So groß ist die Not dann doch nicht“, ist der Produktionsleiter überzeugt, der schätzt, dass die ersten Rollen „Made in Brandenburg/Havel“ in der 15. Kalenderwoche vom Band laufen. „Vorerst für eine namhafte Drogeriekette“, verrät Habedank, „bei anhaltendem Bedarf können wir trotz einzurichtender Einschichtproduktion auf 40.000 Tages-Rollen erhöhen.“ Die Ruhe in der zur Wohnstraße gewandelten Bauhofstraße würde das Unternehmen nicht stören, „zumal wir maximal ein halbes Jahr lang produzieren werden.“