Roland zu Brandenburg an der Havel
: Ein treuer Geselle ist 545 Jahre alt

Der Roland als „ältester“ Brandenburger wacht tagtäglich über die Stadt – und das seit 545 Jahren.
Von
Manfred Lutzens
Brandenburg
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Dieses prächtige Motiv vom Roland aus vergangenen Zeiten vor dem Neustädtischen Rathaus - etwa um 1900 - hat der Historische Verein für das Titelfoto seines 2008 herausgegebenen "Lexikon zur Stadtgeschichte" ausgewählt. Eine schöne Referenz.

Lutzens

Seitdem ließ sich der Riese eigentlich durch nichts erschüttern. Wer sich die Mühe macht, kann auf der Rückseite des steinernen Recken an dessen Stützpfeiler diese Inschrift lesen: „1474. Renovata EST. HAEC STATUA. ANNO 1556- 1709 - 1930“. Das bedeutet aus dem Lateinischen übersetzt: „Erneuert ist dieses Standbild im Jahre 1556“. Und 1709 - so lassen sich die eingemeißelten Daten ergänzend erläutern -, erhielt die Figur dann einen aschfarbenen Anstrich. während der Harnisch vergoldet wurde. Schließlich gelang es 1930 dank einer seitens der Stadtverwaltung eingeleiteten gründlichen Renovierung, den rapiden Verfall des Rolands wirksam zu stoppen.

Imponierend erhebt er sich, lässt mit 5,34 Metern Höhe sowie immerhin 8,5 Tonnen Gewicht jeden von uns wahrlich klein erscheinen. Vermutlich wurde der mächtige Geselle ursprünglich in der Altstadt aufgestellt. Seit mehr als 300 Jahren bemühen sich Wissenschaftler darum, weitere Erkenntnisse über seine Bedeutung zu erlangen. Fest steht indes, der Roland - er hat derzeit über 50 Artgenossen unterschiedlichster Ausführungen -, symbolisiert mit erhobenem Schwert in der rechten Hand und dem Dolch in seiner Linken das mittelalterliche Recht sowie weitere Privilegien. Das kann sich auf städtische Gerichtsbarkeit ebenso wie die Marktgerechtigkeit bzw. sogar auf den Königsbann als eine hohe und alte Gerichtsform beziehen. Zudem dürfte er als Symbol für die wirtschaftliche Prosperität der Stadt gelten. Die älteste Nachricht vom steinernen Roland wies ihn auf dem Neustädtischen Markt aus. Dort habe er bis 1716 mitten auf dem Platz „bey der vorigen Corps de Garde“ gestanden. Auf Befehl Friedrich Wilhelm I. (Soldatenkönig) wurde der Koloss, weil er angeblich wohl beim Exerzieren störte, dann aber direkt vor das angrenzende Rathaus gestellt. Von dort aus „verfolgte“ er fast 230 Jahre lang die wechselvollen Geschehnisse in unserer Stadt, bis hin zu ihrer erheblichen Zerstörung während des Zweiten Weltkrieges. Ihm selbst erging es da doch besser. Denn schon im Spätsommer 1941 brachte man ihn - weise vorausschauend -, in mehrere Segmente zerlegt zum weitgehend Bomben sicheren Rieselgut Wendgräben an der Buckau. Da das Rathaus der Neustadt noch bei den letzten Kämpfen erheblich zerstört und bald danach (leider) abgerissen wurde, entschied der damalige Magistrat im März 1946: Standort für das Wahrzeichen wird fortan das Altstädtische Rathaus. Steht der Betrachter ehrfürchtig vor der Statue, so dürfte er von ihrem insgesamt guten Zustand überrascht sein. Allerdings weist der Sandstein unterschiedliche Farbtöne sowie andere Spuren vom Zahn der Zeit auf. In Anbetracht etlicher Maßnahmen zum Erhalt des Rolands ist es wohl verständlich, dass er nicht mehr komplett aus Originalteilen besteht. So wurde es beispielsweise 1930 notwendig, das arg lädierte rechte Bein und die geplatzte Rückenstütze fachmännisch restaurieren zu lassen. Aus Wünschelburger Sandstein galt es einen neuen Sockel zu fertigen, der untere Sandblockteil sowie andere Segmente waren zu ersetzen. Zudem mussten 89 passende Steinstücke an Fehlstellen eingearbeitet, mit Schellack eingebrannt und dunkel geätzt werden. Letztlich erhielt die Symbolfigur eine neue Schwertklinge. Sie aber zerbrach am 13.November 1972 bei einem Sturm. Ein hiesiger Metallhandwerker verlieh dem Roland, für den es in den 90-er Jahren eine weitere Verschönerungskur gab, alsbald wieder seine Würde.

Neben dem großen Schwert erregt natürlich immer wieder der Kopf mit seiner eigenartigen Bedeckung das besondere Interesse des Betrachters. Gedeiht doch da in luftiger Höhe eine Pflanze, nämlich der üppig wuchernde Hauswurz (Sempervivum). Der Volksmund hat dafür verschiedene Namen, so die Bezeichnung als Donnerkraut. Anspruchslos und dickfleischig speichert es das Wasser und trotz dadurch trockenen Zeiten. Ein Gelehrter wies im 14. Jahrhundert darauf hin, dass „Zauberkundige“ empfehlen, Hauswurz auf den Dächern zu pflanze, weil sie den „donr und das himmelplazen verjag“.

Übrigens, um unseren Roland, der zu den schönsten seiner Art gehört, ranken sich etliche Sagen. Die wohl bekannteste berichtet vom Ergreifen des in den Wäldern an der Magdeburger Heerstraße im Diebesgrund hausenden Räubers Habakuk Schmauch. Ein von ihm entführtes Mädchen soll dem Recken berichtet haben, dass der Haudegen dort  im Neustädtischen Forst zu finden sei. Dieses „Gespräch“ vor dem Rathaus der Neustadt wurde „abgehört“, Habakuk Schmauch danach gefasst... Dem legendären Riesen - eine Kopie steht seit 1905 vor dem Märkischen Museum Berlin -, hat man inzwischen in der hiesigen Altstadt das Rolandfest bzw. -spektakulum gewidmet. Jahrzehntelang, bis 1953, trug die heutige Curie-Schule in der Großen Münzenstraße den Namen des so markanten Gesellen. Zwei Restaurants im Stadtzentrum machten sich über Jahre ebenfalls dieses Symbol zu Eigen. Erinnert sei noch daran, das vor 1945 in Brandenburg eine begrenzte Zahl von Roland-Figuren en miniature aus Lineol gefertigt worden war. Und bereits während der 1920-er Jahre hatte der mittlerweile weitgehend vergessene Heimatdichter Willi Schwill fünf Strophen über den „Roland, der Ries vor `dem Rathaus“ verfasst.