Schach-Geschichte
: Der Wiesenburger Manfred Kuhle erinnert sich an Anreiseschwierigkeiten

In seinen Schacherinnerungen gibt Manfred Kuhle unter anderem Einblicke über Schwierigkeiten mit der Anreise des Potsdamer Dynamoteams.
Von
Martin Terstegge
Wiesenburg
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  • Bei einer Weihnachtsfeier besiegten die Schüler der Gesamtschule Wiesenburg sogar die älteren Gäste aus Potsdam, sehr zur Freude ihres Trainers Manfred Kuhle (l.).Fotos: privat

    Bei einer Weihnachtsfeier besiegten die Schüler der Gesamtschule Wiesenburg sogar die älteren Gäste aus Potsdam, sehr zur Freude ihres Trainers Manfred Kuhle (l.).Fotos: privat

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  • Sergej Kalinitschew verhalf Kuhle durch seine Aaufarbeitungen zu einem besseren Spiel.

    Sergej Kalinitschew verhalf Kuhle durch seine Aaufarbeitungen zu einem besseren Spiel.

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  • Aus Wladimir Tschutschelow wurde durch das fehlende "w" eine russische Vogelscheuche.

    Aus Wladimir Tschutschelow wurde durch das fehlende "w" eine russische Vogelscheuche.

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  • Manfred Kuhle besaß etliche Trainingshefte, die er durch Sergej Kalinitschew analysieren ließ.

    Manfred Kuhle besaß etliche Trainingshefte, die er durch Sergej Kalinitschew analysieren ließ.

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Zu der Zeit absolvierte Kuhle erneut ein zweijähriges Fernstudium am Moskauer Puschkin-Institut, mit abschließenden Prüfungsverfahren an der Uni Leipzig. Dank der Unterstützung einiger „Sprach-Profis“ wie zum Beispiel die spätere Bildungsministerin von Leningrad, Frau Dulowa, stellte ihn das Studium vor keine großen Probleme. Er wurde damals auch Studenten-Bezirksmeister, erwarb seine Trainerlizenz und leistete nach wie vor Jugendarbeit.

Da Manfred Kuhle stets als Klassenleiter fungierte, ging es drei- bis viermal am Tag ins Wiesenburger Schloss, um die zukünftigen Lehrer auszubilden. Die DDR hatte zu der Zeit genügend top ausgebildete Pädagogen. Ständig gab es internationale Besuche, diesichüber das Erfolgssystem informierten und in ihre Heimatländer, bis hin nach Skandinavien, mitnahmen. Auch in Wiesenburg meldete sich einmal ein Hospitationsbesuchdes Bildungsminister aus Belarus an.Manfred Kuhle wusste damals gar nicht, dass er quasi, um es mit dem heutigen Slogan auszudrücken, als „Held des Alltags“, geführt wurde.

Befördert wurde er allerdings nie. Es lag wohl daran, dass man ihn als Stasi-Spitzel anwerben wollte, er es jedoch kategorisch ablehnte. Gewiss, jeder Staat benötigt sein Sicherheitssystem. Seiner Mentalität entsprach diese in der ehemaligen DDR „flächendeckende“ Tätigkeit jedoch nicht.

Mit einigen Schmunzeln erinnert sich der Russischlehrer an die Diskussionen über Beiträge des „West-Fernsehens“ zwischen den Angehörigen der Streitkräfte West der Sowjetarmee und der hiesigen Genossen. Letztere kamen oft ins Stottern, da sie ja „offiziell“ nichts gesehen hatten. Kuhle referierte zum Beispiel über die heimische Super-Eishockeyliga, mit ihren beiden Dynamo-Vertretungen aus Berlin und Weißwasser, die trotzdem international erfolgreich waren, oder über Doping-Fragen. „Gewonnen hat Anna, äh Bolika“. Oder wie war das Fan-Spruchband „Wir begrüßen den BFC mit seinem Schiedsrichterkollektiv“ zu verstehen? Politisch brisante Themen wurden durch dieSowjet-Offiziere sehr realistisch gesehen.Es gab ehrliche Antworten zu Tschernobyl oder Fernost-Streitthemen über den Kurilen-Konflikt zwischen der UdSSR und Japan oder den Laserwaffeneinsatz um Inseln im Amur mit der VR China.

Kuhle weiß aber auch über Anreise-schwierigkeitenseines Schachteams zu berichten. Es kam durchaus vor, dass er unerwartet, allein Aug in Aug mit seinen Gegnern stand. So in Barby, wo Kuhle zur Winterzeit mit seinem Pkw über Dessau und Aken anreiste. Seine Dynamo-Kollegen aus Potsdam hatten nicht bedacht, dass der kürzere Weg mit der Fähre nach Barby nicht möglich war, da der Fährbetrieb eingestellt war.

Beim Wettkampf in Schwerin stellten sich Verzögerungen ein, da einige Potsdamer den angedachten Interzonenzug nicht nutzen durften. Der Wiesenburger fuhr separat mit seinem Auto über Rathenow, Tangermünde, Stendal, Osterburg nach Schwerin an. Er scherzte: „Soll ich Simultan spielen?“ Wäre ihm wohl schlecht bekommen. Wie schon in Barby folgte die telefonische Information, dass sich die Mannschaft verspätet im „Anflug“ befand. Am Sonntagmorgen bot der Schweriner Kontrahent Kuhle sehr früh ein „remis“ an und zudem eine Handball-Freikarte. Im Sinne des Mannschaftserfolgs musste er ablehnen. Dann quälte er sich fast fünf Stunden durch die Partie, um dann doch nur Unentschieden zu spielen.

Am 8.8.1988 fuhren Teile der 2. Dynamo-Mannschaft zu einem hochkarätig besetzten Turnier der Technischen Hochschule Magdeburg, deren Team ein fairer Dauerrivale der Potsdamer in der DDR-Liga war. Die Studenten setzten erstmals Computer bei den Ansetzungen ein. Da der Name des von Kuhle betreuten Moskauer Jugendmeisters, er war bereits in jungen Jahren als Großmeister qualifiziert, sehr lang war - Wladimir Tschutschelow -, ging der letzte Buchstabe beim Ausdruck verloren.Nun hieß er plötzlich Tschutschelo, was übersetzt Vogelscheuche bedeutet. Kuhle lachte herzhaft, wurde aber umgehend zum Schweigen verpflichtet.

Interessant waren auch die Trainingsformen des Wiesenburgers für seine Einsätze in der DDR-Liga. All seine Partien wurden durch Sergej Kalinitschew (späterer Deutscher Einzelmeister) analysiert. Dies baute ihn systematisch auf. Im Laufe der Jahre kamen mindestens ein Dutzend Trainingshefte zusammen. Aber sein Beruf ließ es zeitlich nicht zu, sich noch intensiver mit den theoretischen Vorgaben zu beschäftigen. „Sorry, Sergej!“

Ein weiterer Schwerpunkt der Trainingsarbeit Manfred Kuhles war Fernschach. Nach seiner Erkenntnis spielte er auch die letzte DDR-Partie, die am 1. November 1989 startete und erst 1994 beendet wurde. Darüber berichtete BRAWO bereits in einem separaten Artikel.