Schachgeschichten
: Der Wiesenburger Manfred Kuhle kam dem großen Schachgeschehen sehr nah

Im zweiten Teil seiner Schacherinnerungen nimmt Manfred Kuhle auch Bezug zum Fußball, dabei ganz speziell zum WM-Finale 1954.
Von
Martin Terstegge\BRAWO
Wiesenburg
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  • Michail Bowonnik (l.), hier im "Duell" gegen Wassili Smyslow (r.), sah Manfred Kuhle in Leipzig gegen den US-Amerikaner Bobby Fischer spielen.Fotos: privat

    Michail Bowonnik (l.), hier im "Duell" gegen Wassili Smyslow (r.), sah Manfred Kuhle in Leipzig gegen den US-Amerikaner Bobby Fischer spielen.Fotos: privat

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  • Nicht jeder Schachspieler gab Autogramme, doch von Michail Bowonnik (o.)und Wassili Smyslow erhielt Kuhle die begehrten Unterschriften.

    Nicht jeder Schachspieler gab Autogramme, doch von Michail Bowonnik (o.)und Wassili Smyslow erhielt Kuhle die begehrten Unterschriften.

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  • Vom exzentrische Bobby Fischer gab es kein Autogramm.

    Vom exzentrische Bobby Fischer gab es kein Autogramm.

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  • Dieses Protokoll beweist, dass Manfred Kuhle dem Internationalen Großmeister Wolfgang Pietzsch im Simiultankampf ein Remis abrang.

    Dieses Protokoll beweist, dass Manfred Kuhle dem Internationalen Großmeister Wolfgang Pietzsch im Simiultankampf ein Remis abrang.

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  • Dieses Interview gab Wolfgang Pietzsch der Leipziger Volkszeitung im Jahr 1965.

    Dieses Interview gab Wolfgang Pietzsch der Leipziger Volkszeitung im Jahr 1965.

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Doch neben dem Schach nahm bei Manfred Kuhle im Verlauf seiner Kindheit der Fußball ihn immer mehr in Bechlag. Anfang der 50er Jahre wurde der Straßenfußball allerdings noch unter merkwürdigen Bedingungen betrieben. Die Jungs hatten nur Igelitschuhe, ein Kunstlederprodukt, dem man nachsagte: „Im Sommer warm, im Winter kalt.“ und das „runde Leder“ war ein Gummiball. Das tat dem Spaß am Kicken aber keinen Abbruch und so trafen sich die Kinder aus der Umgebung ständig zum Kräftemessen. Die Paarungen lauteten „Unterdorf“ (Kuhles Team) versus Oberdorf oder „Unter den Linden“ gegen Jeserig. Und auch in Wiesenburg galt, wie auch an anderen Orten: Wenn etwas kaputt ging, wie Fensterscheiben, setzte es Ärger.

Die „schönste Backpfeife“ seines Lebens bekam der kleine Manfred vom damaligen Parkwächter Wolfgang Letz am 4.7.1954. Allerdings unbeabsichtigt. An diesem Tag scharten sich in der Gaststätte der Eltern Kuhles die Leute dichtgedrängt um das Radio, aus dem die Übertragung des WM-Finales Deutschland gegen Ungarn schallte. TV-Geräte waren damals in beiden Teilen Deutschlands selten vertreten, das Radio war noch das Massenmedium und an diesem Tag gelang dem Reporter Herbert Zimmermann ein Meilenstein in der Sportreportage. Als er beim Abpfiff sein legendäres: „Das Spiel ist aus, aus. aus!“ verkündigte, riss der Parkwächter Letz seine Hände hoch und traf dabei den Manfred an der Wange. Die Freude über den Sieg ließ den Schmerz schnell vergessen.

Das Wunder von Bern gab den Ausschlag die Sportart zu wechseln. Ab 1955 kickte Manfred Kuhle mit seinen Schulkameraden bis in die 70er Jahre hinein. Zunächst noch auf dem Sportplatz an der Reetzer Chaussee, der 1957 vom neu errichteten Flämingstadion abgelöst wurde.

Mit dem Besuch der EOS Belzig (1956 bis 1960) erfuhr Schach ein „Comeback“ bei Kuhle. Sein Klassenkamerad Jürgen Liebegott spielte bereits im zarten Alter von 14 Jahren in der Männer-Bezirksliga für Niemegk – bis in die jetzige Zeit. Er war ein Marthe-As, das noch eine Woche seine Wettkampfpartien auswendig im Gedächtnis behielt, und blind gegen seine Mitschüler spielte. Dies bedeutete, er sagte er ohne Brett seine Notationen an – wie e2 – e4, .,.. – und gewann. Da Jürgen stets auf seinen Zug nach Niemegk warten musste, trainierten Liebegott und Kuhle viel gemeinsam. Die Beiden spielten auch die Jugend-Kreismeisterschaft aus, wobei der Favorit immer gewann. Manfred Kuhle wurde zum „ewigen Zeiten“.

Diesen inoffiziellen Titel trug auch der Este Paul Keres im Duell gegen die dominanten Sowjets. Kuhle lernte ihn bei seiner ersten Reise in die UdSSR kennen. Er erfuhrt später von einer Kollegin der Spezialoberschule für Russisch in Tartu, dass Keres in seiner Heimat Estland Legendenstatus besaß.

Nach dem Abitur 1960 begann Manfred Kuhle ein Pädagogik-Studium mit den Fachrichtungen Deutsch (Hauptfach) und Russisch in Leipzig. Die ersten Wochen verbrachte er auf einem Feldbett in einer Turnhalle, da die Zimmer für Studenten rar gesät waren. Diese Umstände gerieten jedoch schnell in den Hintergrund, da die Messestadt in diesem Jahr mit einem Lichtblick aufwartete: die Schacholympiade mit der gesamten Weltelite im Ringmessehaus.

Dort zog es den Neu-Leipziger täglich für mehrere Stunden hin. Eine Episode blieb ihm bis heute in Erinnerung. Bobby Fischer, der jugendliche, exzentrische Star der US-Amerikaner stolzierte im Kampf gegen den damaligen aktuellen Weltmeister Michail Botwinnik durch den Turniersaal mit einer Dame im Revers seines schicken Anzugs. Die wollte er zum Sieg mit einem Freibauern beim Erreichen der Grundlinie umwandeln. Dieser Plan ging zum Schmunzeln des Publikums letztendlich nicht auf. Der Russe setzte sich durch. Von Botwinnik konnte sich Kuhle auch ein Autogramm ergattern, was ihm Bobby Fischer verwehrte.

Bei der Schacholympiade ergaben sich einige lustige Momente, speziell bei Zeitnot. Einige aktive Spieler wirkten recht realitätsentrückt. Ein Brite rührte zum Beispiel, sehr zur Heiterkeit der Kiebitze, anstatt mit dem Teelöffel seinen Kaffee mit einem Läufer um. Nach dem Wettkampfende musste Kuhle aber endlich mit dem Studium beginnen. In seiner Seminargruppe befanden sich auch abgelehnte Dolmetscher, was er sich später zunutze machte.

Studentenschach gab es auch an Kuhles Hochschule, dem Pädagogischen Institut (PI), die spätere Hochschule (PH). Der erste große Triumph stellte sich im dritten Studienjahr ein, als er sich den Hochschul-Meistertitel sicherte. Doch nicht weniger stolz ist der Wiesenburger auf den Simultankampf gegen den frischgebackenen Internationalen Großmeister (IGM), Wolfgang Pietzsch. Der Mathe-Lehrer spielte gleichzeitig gegen 30 Vertreter der Hochschule. Es gab nur zwei Remis: eines holte ein Dozent, das andere Manfred Kuhle. Pietzsch stand nicht so gut, bot eine Remis an. Kuhle war mit dem Unentschieden zufrieden. Das Protokoll wies aufgrund seiner Aufgeregtheit Fehler auf. Heute hätte der Pensionär wohl auf Sieg gespielt.

Tragisch war, dass Wolfgang Pietzsch durch die DDR-Sportfunktionäre (aus welchen Gründen auch immer) nicht gefördert, nahezu geschnitten, wurde. „Vorfahrt hatten die IGM Ullmann, Knaak, Vogt oder Dr. Malich. Dass ließ sich Pietzsch nicht gefallen, stellte auf stur und spielte nur noch in der Kreisklasse für die Leipziger Verkehrsbetriebe.  Übrigens: Kuhle spielte als Student gegen drei der fünf DDR-Großmeister jeweils remis.

Das eröffnete ihm vollkommen neue Perspektiven. Er wurde in eine Studentenmannschaft für den Städtekampf Prag – Leipzig nominiert. Ein Herr Martinec warnte die Deutschen: „Die Tschechen sind ein einziger Soldat Schwejk.“ So kam es auch, die Leipziger verloren. Aber das Schöne war, dass die Gastgeber sich hervorragend um ihre Gäste kümmerten: eine Woche lang „Sightseeing“. Die deutschen Stundeten waren auf der Karlsbrücke, besuchten den Hradschin, die Universität, die Altstadt (Stare Mesto), Altstädtischer Ring, Jan Hus-Denkmal, Teyn-Kirche, den Wenzelsplatz und ruderten auf der Moldau. Die „Goldene Stadt“ gefiel den Leipziger, wie auch das tschechische Bier in der berühmten Kneipe „U Fleků“.