Frank Martin Widmaier ist seit dem 1. März 2019 der Künstlerische Leiter des Brandenburger Theaters und ein Mann mit bunter Vorgeschichte: Evangelische Theologie hat er studiert, auch Musikwissenschaft und Germanistik. Er forschte über Kunst und Religion an Hochschulen in San Francisco, Chicago und Claremont/Kalifornien, konzertierte als Sänger weltweit mit der Gächinger Kantorei und wirkte in Opernproduktionen der Ludwigsburger Festspiele mit. Er war Regiemeisterschüler der berühmten DDR-Regisseurin Ruth Berghaus. 1994 dann das erste Festengagement als Regieassistent an der Berliner Staatsoper; alsbald inszenierte er in München, Wien, Monte Carlo…   Detlev Glanerts „Die drei Rätsel“ wurden mit einem Preis für die beste Uraufführung bedacht; beim Regiewettbewerb des Wagnerforums Graz wurde sein Konzept zum „Parsifal“ ausgezeichnet. Ein eigenes Festival, die Biennale Sindelfingen, wurde 2014 von Widmaier gegründet. Auch schlug sein Herz stets für Nachwuchskünstler – und seit dem 1. März 2019 für Brandenburg an der Havel.
Seitdem ist er der Künstlerische Leiter des Brandenburger Theaters, dem er mit seiner Inszenierung „Mein Freund Bunbury“ ausverkaufte Häuser  und mit „Grete Minde“ ein großes Schauspiel auf der Freilichtbühne bescherte. 2020 dann die Corona-Pandemie, in der die Spielzeit 2020/21 begonnen hat. Wie der Start war, was die Spielzeit bringen wird und er mit dem BT vorhat, verrät er BRAWO-Chefredakteur Thomas Messerschmidt im Interview.
Ja, absolut. Das Haus hat mit diesem Auftakt gezeigt, dass es fähig ist, mit eigenen Produktionen jeglicher Couleur – vom Monolog bis hin zur Operette – wunderbare kulturelle Farben in die Stadt zu tragen und das Stadttheater zu sein. Das geht alles nur, wenn alle Abteilungen sehr gut zusammenarbeiten.
Das ist natürlich ganz schwierig. Statt 450 haben wir 118 Plätze im Großen Haus und statt 200 nur 50 in der Studiobühne. In die Puppenbühne dürfen nur sogenannte Infektionsgemeinschaften, also Kindergärten oder  Schulklassen.  Fast unmöglich macht Corona mit den Abstandsregeln das szenische Arbeiten. Und trotzdem ist Theater möglich. „Mein Freund Bunbury“ als Wiederaufnahme geht zwar nicht, allerdings „Operette – Aber mit Abstand“. Wir zeigen, was möglich ist und können nur mit kleineren Formaten, aber jedem Genre, auf die Bühne. Deswegen bringen wir unser Theaterprogramm in dieser Spielzeit in Zweimonats-Heften heraus und planen also kurzfristig langfristig.
Mein Ziel ist, für jeden Ort immer individuell Theater zu machen. Das wirkt in die Konzeption hinein.  Bei existenziellen Themen wie „Judas“ bin ich das Wagnis eingegangen, den BrandenburgerInnen einen relativ schweren Text anzubieten. Kein Blockbuster also, aber ein wichtiger Kulturauftrag. Auch der funktioniert hier sehr gut. „Norway.Today“ ist ein gutes Beispiel. Man sollte Publikum nie unterschätzen. Außerdem funktioniert in Brandenburg der partizipative Part des Stadttheaters sehr gut, in dem wir vielen jungen Talenten die Chance  geben mitzuwirken. Im professionellen Bereich zeigt sich das an dem festen-freien Ensemble „Poetenpack“, das einen wunderbaren „Faust“ auf die Bühne gebracht hat.  Außerdem haben wir einen Theaterchor, das Jugendtheater und die Bürgerbühne. Beim Brandenburger Theater kann jeder mitmachen, hier kann jeder Kultur erleben. Und egal, ob es sich um einen großen oder kleinen Ort handelt, unser Maßstab sollte immer sein, Qualität zu bieten. Und: Theater sollte immer  ein Ort offener Auseinandersetzung, eine offene Plattform für die Stadtgesellschaft sein.
Unser Wunsch ist es, uns auf die Inhalte dessen zu konzentrieren, wofür wir engagiert sind. Diskussionen kann man nicht vermeiden, die sind menschlich, aber es darf nicht das Zentrum unserer Arbeit sein. Innerhalb des Leitungsteams herrscht eine gute und konstruktive Zusammenarbeit. Ich habe bei unseren vielen Theaterprojekten das Gefühl, dass da schon eine gute Nähe zum Publikum entstanden ist.
Besonders freue ich mich auf die Mozart-Oper „Bastien und Bastienne“ im Oktober, die sich mit Telemanns lustigem Intermezzo „Pimpinone“ nach Corona zu einem Doppelopernabend zusammenfügen lässt. Sodann haben wir ein sehr unterhaltsames Weihnachtskabarett geplant, wo wir der Choreografin und dem Hauptdarsteller von „Mein Freund Bunbury“ wiederbegegnen. Die Kasmet-Ballett-Company zeigt als Uraufführung „Die Geschichte vom faulen Weihnachtsmann“ und dann gibt es eine Silvesterversion von „Operette – Aber bitte mit Abstand“. Außerdem haben wir am 27. September und 1. November einen Soloabend mit  Dagmar Frederic, im Dezember einen Chansonabend mit Rita Feldmeier, die 30. Brandenburger Figurentheatertage, Lesungen und natürlich Konzerte.
Musiktheater ist das Herzstück des Brandenburger Theaters, wobei ich mich auf die gute Zusammenarbeit mit unserem Orchester freue.
Jedes einzelne Projekt  ist wichtig. Aber natürlich freue ich mich über Inszenierungen wie „Mein Freund Bunbury“ oder „Judas“ besonders – und vor allem damit erfolgreich zu sein, weil oft bezweifelt wurde, dass so was in Brandenburg geht. Manchmal  muss man mutig sein und wird mit Zuspruch belohnt. „Mein Freund Bunbury“ war übrigens eine spannende Ausgrabung, als ich das Musiktheater der DDR für mich entdeckt habe. Das ist mit dem Staat zum Glück nicht untergegangen.
Brandenburg hat nach der Wende viel verloren und ist meiner Meinung nach ein idealer Standort der Zukunft, den wir mit Kultur bereichern können und dürfen – und zwar mit einem eigenen, produzierenden Stadttheater.
Eine große, spektakuläre Zauberflöten-Inszenierung auf dem Marienberg! Dann bin ich ein Fan der großen Bühnenwerke von Wagner, Strauss und Verdi, aber auch von Hans Werner Henze, Wolfgang Rihm und Philipp Glass. Mal schauen, was sich da machen lässt. Und ich freue mich – wie erwähnt – über die Recherchen zum heiteren Musiktheater der DDR. Da sind noch einige Schätze zu bergen.
Kunst muss die Leute packen. Wir möchten alle Menschen hier, egal ob kulturnah oder -fern, abholen und mit unserem Programm begeistern.
Ein Haus,  in dem wieder alle Sparten funktionieren und Kunst produzieren, wenn auch nicht mehr mit den Ensembles wie einst im Mehrspartenhaus. Wir werden für Brandenburg einen eigenen Weg finden, der es vielleicht sogar ermöglicht, Erfolge wie „Anatevka“ aufleben zu lassen. Seit einiger Zeit sind wir kein reines Bespieltheater mehr. Vielleicht liegt die Zukunft auch darin, dass der Theater- und Konzertverbund aller Brandenburger Bühnen und Orchester gemeinsam Projekte und gar Spielpläne plant, sich die Sparten vernetzen und wir dadurch noch viel mehr Möglichkeiten bekommen. Brandenburg hat viel zu bieten, das Brandenburger Theater auch.