Teilhabe: Auch Personalmangel erschwert Inklusion

Wilfried W. Steinert (li.) analysierte die Umsetzung der inklusiven Bildung in Brandenburg, Marie Luise von Halem und Luise Herbst (re.) beantworteten Fragen zum Thema aus Landes- und kommunaler Sicht.
PassowUm sich „Schule für gemeinsames Lernen“ nennen zu dürfen, müssen die Schulen Konzepte nachweisen. Es gibt durchaus Schulen, wo inklusive gelernt wird, ohne dass dem ein spezielles Konzept zugrunde liegt. Brandenburg auf einem guten Weg zur Inklusion? Ein neues Gutachten im Auftrag der Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, durchgeführt vom Bildungsexperten Wilfried W. Steinert, weißt auf Mängel im Bestreben nach gemeinsamem Lernen für alle hin.
Ein Blick nach Nordeuropa zeigt, inklusiver Unterricht ist möglich, wenn die Rahmenbedingungen anders gesteckt sind. Während in Deutschland noch fleißig Personalbedarf errechnet wird und Kinder erst einmal per Feststellungsdiagnose einen Förderbedarf bescheinigt bekommen müssen, gehen die Finnen einfach mal von 25 Prozent Förderbedarf bei allen Kindern aus und richten ihre Schulen darauf aus. Mit anderen Worten, die Schule richtet sich nach den Kindern, nach deren Bedürfnissen und Ansprüchen. Aber Kopf hoch, Inklusion sei auch in Deutschland möglich, sagt Steinert. Allerdings werde der Prozess noch eine ganze Weile dauern.
Inklusion ist ein Menschenrecht
Dabei ist Inklusion ein Menschenrecht. So steht es in der UN Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), die auch von Deutschland unterzeichnet wurde und 2009 in Kraft trat. Seitdem sollte die Frage nicht mehr lauten: Welche Schule ist die Richtige für dieses Kind? Sondern: Wie muss sich die Schule verändern, damit dieses Kind an dieser Schule gemeinsam mit anderen Kindern lernen kann? Und hier war Brandenburg bereits sehr früh auf dem Weg.
Bereits dreizehn Jahre zuvor, 1996, wurde im Brandenburger Schulgesetz festgeschrieben, dass der gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf Vorrang hat. Als die UN-BRK in Kraft trat lag der Anteil von Schülern mit Förderbedarf im Schuljahr 2008/2009 in Brandenburg bei 34,4 Prozent. Zum gleichen Zeitpunkt lag der Bundesdeutsche Durchschnitt bei 18,4 Prozent. Inzwischen besucht beinahe jedes zweite Kind mit Förderbedarf eine allgemeine Schule. Rein rechnerisch war beispielsweise im Schuljahr 2015/2016 in einer Grundschulklasse mit 25 Kindern ein Kind mit diagnostizierten Förderbedarf.
Rückblickend lässt sich sagen, dass das Land Brandenburg große Anstrengungen unternommen hat, um der UN-BRK gerecht zu werden. Ein wissenschaftlicher Beirat wurde berufen, Runde Tische ins Leben gerufen und Pilotprojekte gestartet. Dennoch kommt die Studie zu dem Schluss, dass der Prozess steckengeblieben ist. Irgendwo zwischen furiosen Start und heute ein wenig versandet.
Laut Steinert gibt es in vielen Kommunen keine speziellen Arbeits- und Steuerungsgruppen zur inklusiven gesellschaftlichen Entwicklung. Das erscheint Steinert einer der Knackpunkte, denn die Entwicklung inklusiver Bildung müsse in gesellschaftliche Prozesse eingebunden sein. Es wurde versäumt Gesetze, Verordnungen und Verwaltungsvorschriften anzupassen, so Steinert. Schulleitungen und Lehrer fühlen sich mit den Herausforderungen des Alltags oft allein gelassen. Die Personelle Ausstattung ist nicht ausreichend. Und so manch altes Schulgebäude ist schön anzusehen, nur für inklusiven Unterricht aber baulich nicht geeignet.
Gerade von personellen Ausstattungen profitieren aber alle Kinder, nicht nur Kinder mit Förderbedarf. Denn gefördert werden sollen alle, Hochbegabte wie Lernschwache. Das Problem Personalmangel werde durch die inklusive Bildung noch verschärft, so Steinert. Seiner Studie zufolge fehlt in 60 Prozent der Schulen Personal.
47 Prozent von 30 befragten Schulleitungen beklagen, dass zu wenig sonderpädagogische Lehrkräfte an ihren Schulen tätig sind. Für ein Drittel der Schulleitungen fehlt es an unterstützendem Personal und an Schulassistenz. Lehrkräfte fühlen sich allein gelassen, gleichzeitig nimmt die Anzahl der Schüler pro Klasse zu. 23,3 Kinder pro Klasse sind es in Brandenburg, für Deutschland liegt der Durchschnitt bei 20,8 im Grundschulbereich.
Gemeinsames Lernen wird positiv bewertet
Interessanter Weise weißt die Studie darauf hin, dass Eltern die Personalsituation an den Schulen oft noch dramatischer einschätzen, als die Schulleitungen. Dennoch, 90 Prozent der befragten Schulleitungen bewerten das gemeinsame Lernen als positiv. Lediglich 7 Prozent sehen es kritisch, hier mit Blick auf einzelne Schüler. Auch die befragten Eltern sehen den gemeinsamen Unterricht positiv, sind aber gleichzeitig in Sorge um die gute Bildung für alle Kinder.
Das Problem, das bei den Umfragen am häufigsten angesprochen wurde, war der Umgang mit dem herausfordernden Verhalten einzelner Kinder. Hier berichteten über ein Viertel der befragten Schulleitungen, dass die Anzahl der Kinder mit diesem Verhalten in den letzten Jahren zugenommen habe. Und auch fast 60 Prozent der Eltern sehen hier eines der Hauptprobleme der inklusiven Bildung. 72 Prozent der Eltern sind dennoch der Meinung, dass das Schulklima an ihrer Schule gut sei. Das bestätigen nur etwas mehr als die Hälfte der befragten Schulleitungen.
Nachdem Steinert die Studie im November in Falkensee erläutert hatte, sie ist im Wortlaut auf www.der-bildungsexperte.de zu finden, stellten sich die Landtagsabgeordnete Marie Luise von Halem (Bündnis 90/ Die Grünen) und Falkensees Dezernentin Luise Herbst, in deren Zuständigkeit auch das Schulamt fällt, den Fragen des Publikums. Gesetzliche Vorgaben begrüßt die Juristin Luise Herbst sehr. Falkensee ist hier ein wenig weiter, sagt sie.
Inklusion gehört zu den Aufgaben der Stabsstelle für Vielfalt, außerdem habe man erst vor Kurzem den inklusiven Teilhabeplan der Stadt verabschiedet. Von den fünf Falkenseer Grundschulen bieten vier das „gemeinsame Lernen“ an. Die Oberschule im Poetenweg hat gerade ein Konzept für „gemeinsames Lernen“ eingereicht. An einigen Grundschulen bestehe inzwischen die Möglichkeit, Gebärdensprache zu lernen, sagt Herbst. Allerdings: Keine der Falkenseer Grundschulen ist komplett barrierefrei. Im Moment behilft man sich, indem Klassen ins Erdgeschoss der Gebäude ziehen, wenn ein Kind die oberen Etagen nicht erreichen kann. Herbst sagt: „Neubauten sollten barrierefrei errichtet werden.“ Für die Dezernentin hört Inklusion nicht bei der Schule auf. „Hier muss weitergedacht und der Hort miteinbezogen werden.“
Marie Luise von Halem sieht bei der Umsetzung des gemeinsamen Lernens Diskrepanzen zwischen Land und Kommunen. Könnte die Politik etwa durch Vorgabe eines konkreten Datums oder eines Fahrplans zur Umsetzung die Entwicklung beeinflussen? „Die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen“, meinte sie. Ein verbindliches Datum für eine Umsetzung lässt sich aus ihrer Sicht nicht definieren. „Man kann Inklusion nicht zu Ende denken. Denn Inklusion bedeutet eine andere Gesellschaft. Das geht nicht nach Plan oder von jetzt auf gleich.“